Com Ciencia – Patrizia Piccininis erste Einzelausstellung in Brasilien

Das geht ja gut los. Kaum drin im Centro Cultural Banco do Brasil (CCBB) und dann das: Von der Kuppel der Rotunde bis kurz über dem Boden hängt etwas Hautfarbenes. Wie ein schlaffer Ballon hängt es da. Was soll es sein – ein Lebewesen? Oder ein überdimensionaler Teil davon? Eine Pflanze? Eine gigantische Knospe gar? Aber es bewegt sich doch; ganz leicht. Es scheint sich aufzupusten, auszublasen – Es atmet doch! „Breathfruit“ hat die Künstlerin die Installation genannt. „Atemfrucht“, also eine Frucht, die atmet?! Das kleine Mädchen, das unten in der Mitte unter der Frucht kniet, hätte ich fast übersehen.

Patricia Piccinini heißt die Künstlerin, die in Sierra Leone geboren wurde und in Melbourne lebt und arbeitet. Und „Com Ciência“ die Ausstellung – ihre erste große Einzelausstellung in Brasilien, nachdem sie zuvor schon im Rahmen anderer Ausstellungen in Sao Paulo und Brasilia zu sehen war. “Com Ciência“, übersetzt: mit der Wissenschaft, ist eigentlich ein eindeutiger Titel, doch er spielt mit Assoziationen und Interpretationen.

Keine platte Freakshow

„Conscience“, das englische Wort für Bewusstsein kommt einem in den Sinn. Was ist bewusst, was ist unbewusst oder Fantasiewelt oder Traum? Mit diesen Begriffen spielt Piccinini in ihren Werken und sie spielt damit gut. Natur, Kunst, Wissenschaft – alles das ist plötzlich nicht scharf umgrenzt, sondern fließt ineinander in eine surrealistische, ja was denn eigentlich, Freakshow?

Nein, das sicher nicht. Mit kam zunächst der Vergleich mit Gunther von Hagens „Körperwelten“ in den Sinn. Aber Piccinini setzt nicht auf die harte Konfrontation.

Die Bilder aber vor allem die Installationen und Objekte verstören zwar auch in ihrer Ungewöhnlichkeit – Blumen sehen aus wie abgewandelte weibliche Genitale, andere Werke, etwa die Video-Installation „Breathroom“ erinnert ebenfalls an atmende, mit Eigenleben gefüllte Körperöffnungen.

Doch die Figuren wirken nur auf den ersten Blick eklig vielleicht oder abstoßend. Auf den zweiten Blick erkennt nimmt man deren grundfreundliches Gemüt erst wahr. Die äußere Ästhetik schreckt ab, die innere zieht an. So ähnlich, wie bei der Liebe auf den zweiten Blick. Piccinini führt nicht vor, sie lädt ein zum Dialog.

Liebe auf den zweiten Blick

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Big mother

Das Objekt „the long awaited“ – der lange erwartete – zeigt einen Jungen, der friedlich auf einer Bank sitzt und mit einer Gestalt kuschelt, die sich optisch nicht so richtig zuordnen lässt. Sie hat das Gesicht eines alten, freundlich entspannten Mannes; einen faltigen Körper, dessen Füße verwachsen zu sein scheinen – es mutet an wie ein Walross. Im ersten Moment schreckt man zurück.

Die Vielschichtigkeit der Objekte verdeutlicht „Big mother“ – die große Mutter. Eine traurig dreinblickende, alt wirkende, affenartige Gestalt, die in ihrem Arm ein Baby trägt, das sie säugt. Wieder passt dies nicht in unser ästhetisches Weltbild: eine tierähnliche Gestalt, die zudem viel zu alt ist, als könnte sie ein Baby stillen. Ein kleiner Tabubruch.

Doch Piccinini, die die ersten Lebensjahre in Afrika verbrachte, verarbeitet darin zwei Geschichten. Die einer Pavianmutter, die ihr Kind verlor und deshalb ein Menschenkind adoptierte, um über den Verlust hinwegzukommen. Und ihre eigene. Als sie zunächst nicht in der Lage war, ihren neugeborenen Sohn Hector zu stillen, übte sie zunächst mit dem Baby ihrer Schwester. Eine Situation, die sie anfangs auch aus der Bahn warf und traurig machte. Mit „big mother“ versucht Piccinini zu zeigen, dass Trauer und Schmerzen Dinge sind, die über alle Artengrenzen hinweg empfunden werden. Die Spezien, die genetisch wenig gemein haben, in dieser Fähigkeit zu empfinden aber eint. Und auch die Fähigkeit bedingungslose Liebe zu einem Kind zu empfinden, ist etwas, wozu bei weitem nicht nur Menschen fähig sind.

Spannungsbogen wie im Psychothriller

Die Ausstellung „Com Ciência“ ist verstörend. In ihrer Aufmachung – dunkle Räume – erinnert sie ein wenig an eine Fahrt in der Geisterbahn. Man weiß nicht, was als nächstes kommt, doch das, was es sein wird, stellt unsere Vorstellungskraft und Wahrnehmung mitunter auf eine harte Probe. Unterstrichen wird das durch die sparsam aber stimmig eingesetzten akkustischen Elementen, wie dem Atemgeräusch. Dieses ist schon von weit her zu hören – der „breathroom“ beschließt den ersten Teil der Ausstellung. Man läuft durch die Installationen, wartet auf das passende Bild zum Geräusch, findet nichts, sucht weiter. So entsteht ein Spannungsbogen wie in einem Psychothriller.

Doch sie regt auch zum Nachdenken an – über Schönheit, und über Schöpfung – menschliche Schöpfung unter dem Deckmantel der Wissenschaft – und wie weit darf diese gehen?

Von daher war es schon gut, dass die Kinder nicht mit in der Ausstellung waren. Für sie wäre es wahrscheinlich tatsächlich eine Spur zu hart geworden. So wurde „Com Ciência“ jedoch zu einer phantastischen Reise und zur intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung, die nachhallt. Wer also irgendwie die Gelegenheit haben sollte – bis einschließlich Sonntag, 27. Juni, ist sie noch zu sehen.

In Deutschland sind Werke von Piccinini noch bis 20. Oktober im Folkwang-Museum in Essen zu sehen.

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