Darsteller in RTL-Reportage? Lieber nicht!

Um ein Haar wären wir im Fernsehen gelandet. Eine brasilianische Produktionsfirma hatte sich an die deutsche Schule gewandt, auf der Suche nach einer deutschen Familie in Rio. Das Anforderungsprofil – noch nicht sehr lange im Land, Kinder im Teenageralter – erfüllten wir nur halb. Aber mangels Alternativen klingelte noch am selben Tag das Telefon.

Natürlich wussten wir nicht, um was es konkret gehen würde. In einer Mail an die Schule hatte ich noch geflachst, „solange wir im brasilianischen RTL2 nicht die hohlen Aussteiger mimen sollen“, könnten wir uns das durchaus vorstellen. Wäre ja auch hübsch gewesen, hier über das Making of der Reportage zu berichten. Näheres erfuhren wir von der Produktionsfirma, deren Internetauftritt einen durchaus seriösen Eindruck macht.

Am Telefon kamen sie schnell zur Sache: Benötigt würde eine Familie, die über ihre Eindrücke berichtet, die kulturellen Unterschiede und vielleicht tägliche Schwierigkeiten. Soweit okay, mache ich hier ja auch.

Familie für RTL gesucht

Gedacht sei das Formal tatsächlich für RTL, aber nur RTL, ohne die 2, für das Mittagsmagazin „Punkt 12“. „Da schauen sicher auch eine Menge Hausfrauen zu“, sagte der Mann am Telefon. Geplant sei eine dreiteilige Reihe – Essen und Kulinarisches, Kultur und eben eine deutsche Familie. Sendetermin: Während der Olympischen Spiele, also irgendwann zwischen 5. Und 21. August. Moderiert würde das ganze von der „sehr erfolgreichen“ Moderatorin Jana Ina.

Aha. Von wem? Der Name sagt mir nichts. Erstmal googeln. Dort findet sich über die brasilianischstämmige Moderatorin unter anderem:

„Zum Anlass ihrer Hochzeit wurde ab Oktober 2005 die Doku-Soap Just Married auf dem Fernsehsender ProSieben einmal wöchentlich im Lifestyle-Magazin taff ausgestrahlt. 2007 und 2011 führte Jana Ina als eines der Models durch die Sendung Das Model und der Freak auf ProSieben. 2007 wurde in einem Special der Dokusoap We are Family ein Besuch der beiden mit zweiter Hochzeit in Brasilien ausgestrahlt. Folglich der Doku-Soap Just Married startete am 28. August 2008 die Celebrity-Doku Jana Ina & Giovanni – Wir sind schwanger auf ProSieben, die ihre Schwangerschaft und die Geburt ihres Sohnes dokumentierte. Sie wurde während der Sendung von ihrem Ehemann Giovanni Zarrella begleitet.“ Und noch einiges mehr. Ich wurde skeptisch. Außerdem hatte sie in dem ultraschlechten Hape Kerkeling-Film „Samba in Mettmann“ mitgespielt.

Gezielte Fragen werfen Zweifel auf

?

Wird nicht im Mittagsfernsehen zu sehen sein: unsere Küche.

Noch skeptischer wurde ich, als mir die Produktionsassistentin anfing, gezielte Fragen zu stellen. Ob wir ein bestimmtes deutsches Restaurant in der Innenstadt von Rio kennen würden. Dorthin würde man uns gerne zum Essen einladen, wenn es recht sei. Das Essen sei gut, der Besitzer ein Deutscher…

Diese Sätze setzten mein Kopfkino in Gang. Offenbar suchte man doch die tumbe deutsche Familie, die sich, weil sie das brasilianische Essen nicht mag, ins deutsche Restaurant flüchtet, um dort endlich mal wieder Schnitzel, Eisbein, Sauerkraut essen zu können und deutsch zu hören, die reden ja alle so komisch. Gibt ja sonst nur Scheiß hier – und sich anschließend über die merkwürdigen Brasilianer auszulassen, über umständliche Bürokratie, Unpünktlichkeit und andere Klischées.

Nach der Restaurantfrage stand für mich der Entschluss eigentlich schon fest: Sucht Euch ein paar andere Dumme. Wir machen uns für Euch garantiert nicht zum Affen. Wir sind, zum Glück, anders gestrickt. Wir gehen offen auf die brasilianische Kultur zu, probieren, schauen, fragen, erleben. Was sollten wir sonst auch hier? Das versuchte ich der Dame auch irgendwie zu verklickern.

Doch zunächst hörte ich mal weiter zu.

Ein Team von RTL sein quasi schon unterwegs, das Shooting solle möglichst nächste Woche über die Bühne gehen. Dazu würde das Team zu uns nach Hause kommen und uns ein wenig im Alltag begleiten. Ich merkte an, dass die Kinder und Wiebke um 6.45 Uhr das Haus verlassen und erst mittags wiederkommen. Toller Familienalltag also.

Am Dienstag, wenn das Team kommen wollte, wäre Wiebke quasi gar nicht daheim. Nachmittags noch Konferenz, abends noch etwas. Das sei kein Problem, Dienstag würde gut passen. Aber wenn das Drehbuch auch schon steht und nur noch die Bilder dazu gedreht werden müssen.

Bekannter rät auch ab

Nach dem Gespräch kontaktierte ich einen Bekannten, der sich in dem Metier auskennt. Er hatte selberlange fürs Fernsehen gearbeitet, mal hören was er sagt.

Die Einschätzung war unmissverständlich und bestätigte mich.

„Was die dann wie zusammenschneiden, da steht man meist als der letzte Vollidiot am Ende da. Leider ist das so. Gerade bei RTL-Formaten. Wenn ich Dir einen gut gemeinten Rat geben kann: Lass es !!! setz nicht Dich oder Deine Familie als Vollidioten ins Fernsehen auf einer RTL – SAT1 oder PRO7 Produktion. Du meinst, Du machst einen super Film und die schneiden das so zusammen und kommentieren es, dass Du der letzte Depp bist.“

Keine Stunde später, nachdem ich es nochmal mit Wiebke besprochen hatte, sagte ich der Produktionsfirma ab. Hätte sicher nett sein können, aber zu welchem Preis?