Ilha de Paquetá: Autofrei die Nebensaison genießen

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Teilweise ist die Insel recht malerisch.

Eine Stunde Anreise und trotzdem Blick auf den Zuckerhut und Corcovado. Zyniker würden sagen, man ist zur Rushhour von Botafogo nach Ipanema unterwegs. Diese 6 bis 7 Kilometer können sich zwar je nach Verkehrslage auch ziemlich ziehen, aber wir haben für unseren Ausflug das Verkehrsmittel gewechselt. Mit der Fähre sind wir zur Ilha da Paquetá gefahren.

Die Fähre fährt vom Praca XV (gesprochen: Praßa Kinsi“) im Centro,alle anderthalb Stunden. Tickets kosten für die einfache Fahrt 5,60 Reais, umgerechnet etwa 1,40 Euro. Die Ilha de Paquetá liegt in der Guanabara-Bucht. Darum konnten wir die Badehosen getrost daheim lassen. Mit knapp 20 Grad wäre es eh etwas frisch gewesen.

Irgendwas stimmt hier nicht

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Blick vom Pedra Moreninha

Als wir von der Fähre kommt und auf den kleinen, geschäftigen Platz treten, kommt uns das Ganze merkwürdig vor. Wir stutzen. Irgendwas ist anders. Erst einige Minuten später geht es mir auf: Hey, hier gibt es ja gar keine Autos! Wo sonst Taxen warten stehen hier Fahrradrikshas oder die Elektrofahrzeuge die Golfspieler von einem Abschlag zum nächsten fahren. Welch ein Kontrast zum Verkehrsmoloch Rio de Janeiro mit seinen, zum Stoßzeiten, Nahkampfähnlichen Verkehrszuständen. Der Unterschied ist so frappierend, dass es einem im ersten Moment gar nicht auffällt. Wer sich längere Zeit in Rio aufhielt kömmt überhaupt nicht auf die Idee, dass es Orte geben könnte, an denen es keinen Autoverkehr gibt.

Und wo keine Autos, da tun natürlich auch keine geteerten Straßen not. Diese sind hier aus Lehm, hubbelig, aber für den sanften Verkehr durchaus geeignet.

Und zum Laufen natürlich auch. Die Insel hat eine Fläche von 1,7 Quadratkilometern. Wir beschließen, sie gehend zu umrunden. Was den insgesamt rund 3400 Insulanern scheinbar nur schwer in den Kopf will. Mehrere Male werden wir von vorbeifahrenden Golf-Kutschern angesprochen, ob wir nicht mitfahren wollten, wäre ja auch totallustig und hier sei schon mal die Karte, falls wir es uns doch noch überlegen sollten. Tja, es ist Nebensaison, zudem sind wir ziemlich früh dort (11.30 Uhr). Die Insel erwacht gerade erst und die wenigen Touristen will man sich ja auch nicht durch die Lappen gehen lassen.

Wir durchqueren die Insel erst einmal komplett, ca.200 Meter und steuern dann den Parque Darke de Mattos an. Hier merkt man, dass man sich tatsächlich in einem Stadtteil von Rio befindet. Die orangefarbenen Leute, die die Schotterwege mit Reisigbesen kehren, arbeiten für den Müllentsorger Comlurb. Sonst ist niemand dort. Erst auf dem kleinen Aussichtspavillon, schön schnörkelig mit kleinen Wegen und Höhlen auf einem Felsen angelegt, trifft man Touristen.

Im Park selber sind wir aber weitestgehend alleine und erleben so eine feine Affenballett-Privatvorstellung direkt über und in den Bäumen und auf einem Geländer. Die Weißbüschelaffen sind hier recht zutraulich.

Mittagessen im “Lido”

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Mittagessen im Lido.

Die erste Halbumrundung brechen wir ab. Der Weg scheint ins nichts zu führen, außerdem haben wir Hunger. Im Restaurant Lido, hübsch hellblau gekachelt mit Meerblick, legen wir eine Rast ein. Mich erinnert das Restaurant an Ostblockurlaub in den 80er Jahren. Es hat den Charme eine spätsozialistischen Kolchosenkantine. Die schönen Stapelstühle aus Plastik, die man aus der Kleingartensiedlung kenn, natürlich abwaschbare Plastiktischdecken. Die Mittagskarte ist übersichtlich: Fisch mit Fritten, Reis und Bohnen, Hühnerfleisch mit Fritten, Reis und Bohnen oder doch lieber ein Churrasquinho (kleiner Grillteller) mit Rindfleisch, Fritten, Reis und Bohnen – alles natürlich zum Einheitspreis von 25 Reais pro Person. Die Qualität ist solide Kantinenkost, für den Preis kann man nicht meckern. Außerdem treibt es der Hunger rein.

Satt und zufrieden steuern wir den Pedra Morenhina an, ein Granitfelsen, wie geschaffen für spektakuläre Instagram-Posings – entsprechend gut genutzt wird er auch. Einen Blick für den wirklich hübschen Ausblick haben die anderen Leute kaum. Unten wartet ja auch das Golfkart.

Ortskern wie bei Don Camillo und Peppone

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Dorfplatz.

So langsam wandelt sich das Licht in warmes Abendlicht, als wir, eher zufällig, den eigentlichen Ortskern erreichen, einen staubigen Platz mit einer Bronzebüste des früheren Präsidenten Getúlio Vargas. Links die kleine Kirche Capela de Sao Roque, rechts am Platz die Escola Municipal. Das Ensemble erinnert mich an die Filme mit Don Camillo und Peppone. Der Eindruck scheint auch gar nicht so verkehrt zu sein. Vargas regierte Brasilien in den 30er Jahren wie ein Diktator, war zu der Zeit scheinbar so üblich.

Wieder genießen wir, hier alleine herumstromern zu können. Die Kinder flitzen umher, kreuz und quer über die Straße – Autos können ja keine kommen. Aber auch im Sommer, wenn die Insel knüppelvoll mit Tagesausflüglern ist, dürften sich hier wenige Leute hinverirren. Kein Cafe, kein Restaurant, kein Strand.

Mit der Umrundung wird es trotzdem nichts – die Fähre ruft und weitere 90 Minuten wollen wir nicht warten. Wäre auch schade gewesen, denn auf dem Rückweg erleben wir Rio von der Seeseite im Sonnenuntergang.