Zu Fuß hinauf auf den Corcovado zu Cristo Redentor

So langsam wurde Wiebke ungeduldig. Schon mehr als vier Monte in Rio und wir sind immer noch nicht auf dem Corcovado beim Cristo Redentor gewesen. „Ich habe Angst, dass wir nach drei Jahren wieder heimfahren und haben es nicht raufgeschafft“, sagt sie. Nun gut: Sonntagmorgen, leicht bewölkt, 18 Grad Außentemperatur, perfekte äußere Bedingungen für den Aufstieg. Paar Stullen, Bananen und Wasserflaschen eingepackt und ab die Post.

Nein, wir wollen nicht wie 99 Prozent der anderen Besucher mit der Zahnradbahn oder Kleinbussen bis fast an die Statue herangekarrt werden. Wir werden laufen! Vom Parque Large führt ein Weg hinauf. Gute drei Kilometer ist er lang. „Es dauert etwa 2 Stunden“, sagt der Ranger an Anfang des Wegs, während Wiebke noch schnell unsere Personalien und eine Kontaktadresse in eine Liste einträgt. „Nur für den Notfall“, erklärt der Ranger. Hoppla, worauf haben wir uns denn da eingelassen?

Der Anfang wirkt leichter als gedacht

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Bild mit Cristo in möglichst affiger Pose ist Pflicht.

Natürlich hatten wir uns vorher erkundigt. Kein Problem mit den Kindern, hatte Wiebkes Kollege Rolf gesagt. Er hat selbst Kinder, ähnliches Alter. Außerdem kann man ihm vertrauen. Direkt fühlen wir uns wie im Dschungel. Es geht langsam los. Ich bin verwirrt. Hatten nicht alle, die wir vorher gefragt hatten geantwortet, der Aufstieg sein recht anstrengend? Das erste Stück geht gut. Ein Crossläufer-Pärchen kommt uns von oben entgegen. Ansonsten nicht viel los auf diesem Weg. Schön so.

Wir passieren zwei kleine Wasserfälle, ehe wir am dritten eine Rast einlegen. Ich kaue meine Stulle und trinke. Immer schön an die Elektrolyte denken. Natürlich bin ich durchgeölt – 95 Kilo plus Rucksack schleppt man nicht so mir nichts, dir nichts hier hinauf, auch wenn bislang der Weg leichter war als angenommen. Ich habe noch nicht aufgegessen, da kommt das Crossläufer-Pärchen wieder zurück. Kurze Runde um die Rangerhütte und wieder rauf im Galopp. Manche Leute haben schon echt krasse Hobbys.

Hier begegnen uns Menschen mit echt krassen Hobbys

Sie stürzen eine Steintreppe hinauf, dann den Berg hoch, der von dem dritten Wasserfall an deutlich anzieht. Der Weg ist nur noch blanker Lehm, Baumwurzeln bieten aber genug halt – vorausgesetzt man bewegt sich überwiegend auf allen Vieren hinauf. Nun verstehe ich auch, weshalb es immer wieder hieß, man könne den Weg nur gehen, wenn es mindestens zwei Tage trocken war. Nach Regen verwandelt sich der Lehm in Seife, der Aufstieg wäre spätestens hier kaum noch zu machen. Wer also demnächst nach Rio kommt: Nach dem Abendgewitter am nächsten Tag rauf auf den Corcovado? Bitte nur mit Bus oder Bahn.

Bei der nächsten Rast kommt ein Mann mit längeren grauen Haaren und zwei Wanderstocken recht leichtfüßig den Hügel hinauf. Er preist den Ausblick von der Spitze als den schönsten in ganz Rio und zieht vorüber. Erst, als wir 20 Minuten später an das einzige echte Kletterstück kommen, treffen wir ihn wieder. Barfuß mit verschränkten Beinen und geschlossenen Augen sitzt er da, im Yogasitz und gibt einen durchgehenden, kehligen Brummton von sich. Bei diesem Anblick schweigt zur Abwechslung auch mal Ella ehrfurchtsvoll.

Bei der Königsetappe werden wir an die Kette gelegt

Nun also die Königsetappe des Aufstiegs. 25 Meter hinauf über blanken Fels. Nur eine Kette an der Bergseite gibt Halt. Doch erstmal Gegenverkehr durchlassen – die Crossläuferin ist wieder da, seilt sich flugs das Stück hinunter zu uns ab. Jetzt frage ich doch mal: „Wie oft machen Sie das denn?“ „Nur zwei Mal“, antwortet sie. Echt krass. Aber wo hat sie ihren Partner bloß gelassen?

Nun sind wir an der Reihe. Den Kindern verdeutlichen wir, dass nun „högschte Konzentration“ gefordert ist. Rechts geht es ziemlich runter, links ist die Eisenkette, dazu ein feuchter, rutschiger Granitfels. Wir entscheiden uns für eine 1-1-1-1-Formation. Vorne Ella, dann Wiebke, dahinter Edgar, Bremsklotz und Besenwagen Andi. Ella und Wiebke schaffen es ohne Probleme. Edgar musste ich zweimal kurz anlupfen, damit er weiterkommt. Mir kommt kurzzeitig der Gedanke, dass umkehren vielleicht doch eine Option sein könnte. Klettern ist nicht so meins.

Was machen die Polizisten mit Wollmützen im Wald?

Doch die Sorge ist unbegründet. Der Fels ist geschafft, dahinter geht es noch gut 100 Meter weiter steil hinauf. Dann plötzlich ein Flachstück. Kurz dahinter empfangen uns zwei dick verpackte Polizisten mit Wollmützen. Sie sichern nicht nur den Überweg über die Gleise der Zahnradbahn. Sie sollen auch die Wanderer vor Räubern schützen, die an dieser Stelle gerne einmal arglose und ausgelaugte Wandersleut um ihre Wertsachen erleichtern sollen. Heute haben die beiden einen ruhigen Job, sie schießen für uns sogar noch ein Erinnerungsfoto.

Kurz drauf stoßen wir auf eine geteerte Straße. Von hier an sollen es nur noch 400 Meter sein. Zwischen weißen Sprintern, die im 2-Minuten-Takt zehn Touristen hinauf zur Statue bringen, sieht man auch immer wieder Radfahrer. Radsportler, um genau zu sein, teures Equipment, enge Kleidung – aber rauf müssen sie trotzdem. Euphorisiert davon, das meiste hinter uns zu haben, spielen wir mit ihnen Tour der France und feuern sie klatschend an. Warum hatte ich nur mein Teufelskostüm und den Dreizack daheim gelassen?

Weapon of mass tourism – der Selfiestick

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Anscheinend ein beliebtes Souvenir, der Cristo.

Wir sind da! Eine Treppe hinauf – komisch, das geht auf einmal so leicht – stehen wir am Kassenhäuschen. 22 Reais kostet das pro Erwachsenen (zusammen also umgerechnet 10 Euro) Eintritt, Kinder umsonst. Kann man nicht meckern, dafür, dass der Besuch der Statue eigentlich DAS Touristenhighlight in Rio schlechthin ist. Rechts vom Parkplatz drängen die Kleinbusladungen durchs Drehkreuz. Ich betrachte sie zugegebenermaßen etwas spöttisch, fühle mich als wahrer Entdecker. Weicheier, mit dem Bus kann jeder.

Was das jedoch bedeutet, sehen wir wenige Minuten später. Die Plattform rund um die Cristo-Statue ist voll mit Menschen, die mit ausgebreiteten Armen dastehen. Oft haben sie den Blick zum Boden gesenkt – dorthin, wo der Freund oder die Freundin auf dem Rücken liegt und versucht, den Kumpel mitsamt Statue für die Ewigkeit festzuhalten. Ebenfalls weitverbreitet ist der Selfiestick – da muss man wenigstens keine Fremden anquatschen, ob sie ein Foto machen können. Weapon of mass-tourism.

Besser nicht zur Hochsaison hinauf

Wenn das heute, an einem für brasilianische Verhältnisse kühlen Herbstsonntag gegen Mittag schon so voll ist, möchte ich hier keine Sommersonntag erleben. Aber bei 30 Grad oder mehr schon am Morgen hätte ich diesen Aufstieg auch nicht überlebt. Tipp also: Wer hochlaufen will, für den ist Juni bis August die optimale Zeit. Aber auch so war schon gut, dass ich an ein Wechsel-T-Shirt gedacht hatte.

Genug geknipst, auf zur Einkehr. Ausflugslokale, speziell an solch exponierten Orten, sind normalerweise ja mit Vorsicht zu genießen. Voll, überteuert, schlechte Qualität. Hier ist es anders. Wir finden sofort einen freien Tisch am Fenster. Wir bestellten: Eier mit Speck für die Kinder (zwei Mal), Käseomlett für mich und Wiebke irgendwas mit Fleisch, Kartoffeln und Gemüse. Für uns gab’s, weil wir echt Kohldampf hatten, noch eine Portion Fritten für alle. Alles echt top – gute Portionen, außerdem lecker. Für das Essen allein zahlten wir am Ende rund 120 Reais – 30 Euro. Für vier Personen. Sehr fair, wie ich finde.

Das Restaurant überrascht uns angenehm

Getränke waren auch gut: viermal frisch gepresster Saft (3 x Ananas, einmal Mango) –top. Kaffee und Tee kann man normalerweise nicht viel falsch machen, waren auch sehr okay. Unterm Strich: Wer hier hinauf fährt, muss sich keine Sorgen machen, im Restaurant über den Tisch gezogen zu werden. Alles in allem waren wir sehr angenehm überrascht.

Doch die Zeit drängte. Um 16 Uhr würde die Partie Deutschland-Ukraine angepfiffen. Also wieder runter. Diesmal mit der Zahnradbahn. Entgegen hartnäckigen Gerüchten, wonach man Tickets für die Bahn schon vorab bestellen müsse, da es oben keine zu kaufen gäbe, kauften wir zwei Tickets (zusammen 44 Reais). Die netteVerkäuferin gab uns den Tipp die Kinder auf den Schoß zu nehmen, so könnten wir uns das Ticket für die beiden sparen. Den verlangten Tarif findet man zwar nirgends, aber was soll’s. Das war zwar saueng, aber die Fahrt hinunter nach Laranjeras dauert ja auch nicht ewig.

Fazit: Wiebke kann einen Haken hinter den Cristo setzen, wir hatten eine hübsche Wanderung mit einem Schuss Abenteuer und dazu ein wirklich preiswertes Mittagessen. Der Weg ist gut zu schaffen, etwas klettern sollte man aber können. Viel jünger als sechs Jahre sollten Kinder auch nicht sein. Und zum Anpfiff waren wir auch pünktlich zurück.