?

Selecao scheidet sang- und klanglos in der Vorrunde aus

Weiterer Tiefschlag für den brasilianischen Fußball: Bei der Copa America ist der fünfmalige Weltmeister sang- und klanglos aus dem Turnier ausgeschieden. Nach drei Gruppenspielen und zwei Niederlagen – dazwischen gab es einen 7:1-Sieg gegen Haiti! – wurde Brasilien in der Vorrundengruppe nur Dritter und schied aus. Erstmals seit 1987 wieder in der Vorrunde.

Dass das Tor, das der Peruaner Raúl Ruidíaz weit in der zweiten Halbzeit schoß, ein irreguläres war – Raúl Ruidíaz benutzte klar den rechten Arm – geschenkt. Passt fast schon irgendwie ins Bild. Deshalb regte sich heute auch mein Friseur nicht darüber auf, das mit dem Handspiel ließ er fast beiläufig fallen, ehe er schnell das Thema wechselte und nach dem deutschen Fußball fragte. Nichts nennenswertes, denke ich. Ukraine geschlagen. Na und.

Deutscher Fußball? Da wird der alte Mechaniker hellhörig. Der Mann mit dem ölverschmierten Blaumann ist zu einem Schwätzchen herübergekommen, während er auf ein Ersatzteil wartet.

„Der ist Botafogo-Fan, Vorsicht!“ warnt mich der Friseur. Dem Blaumann ist das wurscht. „Besser als in Botafogo wohnen und für Fluminense sein“, kontert er. Wobei: Fluminense, das ist die Bezeichnung für die Bewohner des Bundesstaats Rio de Janeiro, während die Bewohner der Stadt Rio Cariocas genannt werden.

„Ich kenne in Deutschland nur BVB und Bayern München“, sagt der Mechaniker. „Köln nicht?“ frage ich. Zufällig trage ich ein Lukas-Podolski-T-Shirt und weise auf das Vereinslogo auf der Brust. Er schaut, schüttelt den Kopf. Nie gehört. „Schalke?“ bohre ich weiter.

Schalke 04? Da hat Zé Roberto gespielt!

?

Mit dem brasilianischen Fußball könnte mehr los sein.

„Ah, Schalke 04, da hat Ze Roberto gespielt!“ entgegnet der Mechaniker stolz. „Ne, das war Bayer 04 Leverkusen“, klugscheiße ich und versuche gleich wieder die Wogen zu glätten. „Ze Roberto spielt noch, oder?“ Frage ich, obwohl ich es weiß. Steilvorlage. Doch da kommt auch schon der Radkurier mit dem dringend benötigten Ersatzteil.

Die Reaktionen auf das frühe Ausscheiden sind gefasst. „Wir haben uns gefreut“, hörte ich gar von jemandem an der deutschen Schule. Wie bitte? So hart sind ja noch nicht einmal wir Deutsche, wenn es um die Nationalmannschaft geht. „Ja, man kann doch nicht erwarten, dass es besser wird, wenn man einen Trainer holt, den man früher schon einmal entlassen hat.“ Gemeint ist Carlos Dunga. Der Spieler, einstmals beim VfB Stuttgart unter Vertrag steht freilich nicht für den Fußball, den die Brasilianer so lieben. Dunga war ein defensiver Zerstörer, niemand, der für Esprit und Spielwitz stand. Und offenbar noch immer nicht steht.

Aber erwartet hatte man von der Selecao ohnehin wenig. Der einzige Superstar, Neymar, war nicht beim Turnier dabei. Arbeitgeber Barcelona wollte den Star nur für ein Turnier freigeben, Copa America oder Olympia. Neymar entschied sich für Olympia und dafür, die Copa aus den USA zu verfolgen, wo er zwischendurch noch einige Werbetermine wahrnahm, um Produkte des Ausrüsters Nike zu promoten. Der Mannschaft half das freilich wenig.

„O 7 a 1 não acaba“

„O 7 a 1 não acaba“ – Das 7:1 endet nicht titelte darum heute das Boulevardblatt „Extra“. Mit dem 7:1 war nicht das Zwischenhoch gegen Haiti gemeint, sondern die Halbfinalklatsche, die Brasilien bei der WM 2014 gegen Deutschland erlebt hatte. Eine Niederlage die eine tiefe Wunde hinterließ. Eine Niederlage, die, davon sind nicht wenige überzeugt, den Anfangspunkt der brasilianischen Krise markierte. Was natürlich Quatsch ist, aber was soll’s, Drama ist Drama. „Brasilien verharrt starr in ihrer Routine der Schande“, heißt es da sarkastisch. Nur war der Gegner nicht Deutschland, sondern eine allenfalls mittelmäßige peruanische Mannschaft. Aber darüber aufzuregen, scheint sich nicht mehr zu lohnen.

Ich verspüre inzwischen regelrechtes Mitleid mit den Brasilianern, speziell mit den Fußballern. So schlecht, wie sie zurzeit dastehen, sind sie beileibe nicht. Da machen nicht einmal mehr die kleinen Neckereien Spaß, die man sich zwischen mehrmaligen Weltmeistern unter die Nase reiben könnte. Die Gewichte im Weltfußball, und auf weiteren Gebieten, haben sich im Moment sehr zu Ungunsten der Brasilianer verschoben. Sicher, es wird auch beim Rekordweltmeister irgendwann wieder bergauf gehen und spätestens dann, wenn der nächste prestigeträchtige Sieg eingefahren wurde – mindestens ein 3:0 odermehr in einer WM-K.O-Rundegegen Erzrivalen wie Argentinien, Deutschland oder Italien – ist das alles vergessen. Mitleid, nein, das mag hier keiner haben. Man weiß: Neid muss man sich erarbeiten, Mitleid bekommt man geschenkt. Dann liebermomentan gar nicht über Fußball reden.