Olympia: Sicherheit mit allen Mitteln

Olympia in der Stadt und die Cariocas flüchten. So könnte das Szenario in Rio de Janeiro im August ausschauen. Das liegt zum einen in der Wirtschaftskrise begründet. Die Einwohner Rio räumen ihre Wohnungen, um sie an Touristen und Funktionäre zu vermieten. In unsicheren Zeiten ist jeder Real extra willkommen. Zum anderen scheint das Interesse an olympischem Sport nicht sehr ausgeprägt zu sein. Fußball, ja, aber die Spiele finden in ganz Brasilien statt. Beachvolleyball und Volleyball sind auch populär. Mit Reiten, rhythmischer Sportgymnastik oder Wasserball kann der Carioca nicht viel anfangen.

IOC-Präsident Thomas Bach hatte da wohl einen anderen Eindruck, als er ebenfalls voriges Jahr noch verkündete: „Ich bin überzeugt, dass die Bevölkerung die Spiele unterstützt.“

Ein weiterer Grund der, je näher die Spiele rücken, immer wieder ins Feld geführt wird, ist die Sorge um die Sicherheit. Dabei geht es weniger um die Subjektive Sicherheit, die Angst vor Raubüberfällen – darum sorgen sich die Cariocas weniger, das gehört zum Alltag. Vielmehr scheint doch einigen ein Terroranschlag des IS plötzlich denkbar.

So viel Sicherheitspersonal wie noch nie in Brasilien

Vergangenen November verkündete Andrei Rodrigues, damals im Justizministerium  für Großveranstaltungen zuständig, stolz: „Im Bereich Sicherheit bei Grußveranstaltungen sind wir zum Vorbild geworden.“ Und der kündigte an, dass während der Spiele 47.000 Sicherheitskräfte und 38.000 Soldaten für die Sicherheit von Athleten, Funktionären, Zuschauern sorgen sollen.

Inzwischen war im Handelsblatt zu lesen, dass die eingesetzten Soldaten der Nationalen Streitkräfte für Sicherheit nochmals aufgestockt werden sollen, um 2000 auf dann 9300. Diese sollen direkt an den Sportstätten zum Einsatz kommen.

Sicherheitschef trat im März zurück

Ende März dann ein Paukenschlag: Der zuständige Sicherheitschef Oberst Adilson Moreira erklärte seinen Rücktritt. Er begründete dies jedoch politisch. Er sei beschämt von der Regierung, deshalb könne er nicht für diese weiterhin Dienst tun. Ironie des Schicksals: Er hätte nur ein paar Wochen warten müssen. Denn kurz drauf suspendierte der Senat Präsidentin Dilma Rousseff. Ob die Arbeit Michel Temers dem Oberst sympathischer ist, weiß man nicht.

In Rio scheinen die Organisatoren das Thema Sicherheit, anders als das Thema Verschmutzung der Guanabara-Bucht, ernster zu nehmen. Internationale Experten sind auch im Einsatz. Seit den Terroranschlägen in Paris vergangenen November ist auch den Olympia-Organisatoren klar geworden, dass die Spiele ein potenzielles Terrorziel darstellen.

Und es steht viel auf dem Spiel: Nach politischer und wirtschaftlicher Krise, der anhaltenden Diskussion um das Zika-Virus und einer nicht enden wollenden Pannenserie bei der olympischen Infrastruktur will man sich nun offenbar keine weitere Blöße geben.

Kooperation mit französischen Sicherheitskräften

Schon seit 2009, also auch lange vor der WM, gibt es eine Kooperation mit Frankreich. Das „Batalhao de Choque“, eine paramilitärische Spezialeinheit wurde gezielt zehn Tage lang von französischen Spezialisten für mögliche Einsatzszenarien während der olympischen Spiele geschult. .

Aus Isreal sicherte man sich die Dienste des Unternehmens International Security & Defence Systems (ISDS). Die Experten sollen vor allem mit Spezialgeräten helfen, Bomben frühzeitig aufzuspüren. Weitere Aufgaben sind das Aufklären von Bedrohungen, das Ausschalten von Risiken sowie Rettungsaktionen im Falle von Attentaten und Entführungen.

Spezialfirma aus Israel ist schon da

Zwischenzeitlich bekam ISDS sogar mit Störfeuern zu tun. Die Organisation Business & Human Rights Ressource Center veröffentlichte am 12.5.2015 einen Post mit der Überschrift: „Brazil cancels $2 billion contract with Israeli security firm for 2016 Olympics“. Darin legt die Organisation dar, dass die Brasilianische Regierung den Ende 2014 geschlossenen Vertrag mit ISDS gekündigt habe um damit Solidarität mit palästinensischen Aktivisten zu zeigen. Die Organisation zitiert damit das Portal „The Electronic Intifada“. Diese bezeichnet sich selbst als „unabhängige Nachrichtenplattform mit Fokus auf Palästina.“

Die Jüdische Allgemeine vermeldete jüngst indes, dass ISDS bereits in Rio vor Ort sei und erste Sicherheitstests auf dem Olympiagelände absolviere. ISDS war bereits bei den Olympischen Sommerspielen in Barcelona(1992), Sydney (2000) und Athen (2004) am Start.

Spezialfirma aus Schwerin soll Giftstoffe aufspüren

Auch aus Deutschland hat man sich Sicherheits-Knowhow an den Zuckerhut geholt. Die Firma Airsense Analytics aus Schwerin stattet die Spiele mit Gefahrstoff-Messgeräten aus. Die Detektoren sollen chemische Substanzen und Gase in Sportstätten, Hotels, Bussen und Bahnen aufspüren. Die Geräte saugen Luft an und schlagen schon bei kleinsten Mengen an. Mehrere hundert Substanzen sollen so schnell feststellbar sein.

Noch relativ jung ist eine Betrachtung der Menschenrechtsorganisation Amnesty International zur Situation der Gewalt während der Spiele in Rio. Sie sieht weniger eine Bedrohung von außen, als ein hausgemachtes Problem aus wiederbegangenen Fehlern.

Amnesty International sieht die selben Fehler wie 2014

Seit der Vergabe der Spiele an Rio 2009 hätten die Verantwortlichen eine Verbesserung der Sicherheit in Rio versprochen. Doch seither hätte man 2500 Morde und ziemlich wenig Gerechtigkeit erlebt, beschreibt Atila Roque, Director von Amnesty International Brazil, seine Erfahrungen in dem Bericht vom 2. Juni. Darum befürchtet Amnesty International auch während der Spiele massive Gewalt. Jedoch von innen, gegen Teile der eigenen Bevölkerung.

Seine Folgerung: Brasilien habe ziemlich aus gemachten Fehlern gelernt, wenn man auf das Thema öffentliche Sicherheit blickt. „Die erst schießen, dann fragen Politik hat Rio de Janeiro zu einer der tödlichsten Städte der Welt gemacht.“ Auffällig viele der Tötungsopfer seien zudem männlich, schwarz und Bewohner von Favelas gewesen. Einen Grund zu Sorge sind für Roque zudem die Militäreinheiten, die zur Erhaltung der öffentlichen Sicherheit eingesetzt würden. Sie seien meist unzureichend ausgebildet.

Darüber hinaus habe die Regierung des Bundesstaats am 10. Mai ein neues „General Law of the Olympics“ verabschiedet. Dieses schränke zusätzlich die Meinungsfreiheit und friedliche Versammlungen in vielen Gegenden der Stadt ein.P1070303

Die Statistiken scheinen die Mittel zu heiligen. Das Institut für öffentliche des Bundeslandes Rio de Janeiro gab kürzlich Statistiken heraus, wonach von Januar bis April die Zahl der Morde um 15,8 Prozentpunkte auf 1715 im Vergleich zum Vorjahr angestiegen sei. Auch die Zahl der Raubüberfälle sei gestiegen. Vor allem Handys waren demnach begehrt – ein Anstieg um 64,2 Prozentpunkte gab es da. Und auch Vorfälle, wie den Überfall auf einen spanischen Segler Ende Mai möchte man tunlichst ausschließen.

Um die Sicherheit der Athleten auf ganz andere Art kümmert sich das IOC auch. Wenn das Olympische Dort am 24. Juli bezogen wird, werden insgesamt 450.000 Kondome an die 15.000 Athleten verteilt, macht stolze 42 im Schnitt. Die offizielle Sprechart lautet: Brasilien wirbt für sicheren Sex und Sportler sollen Vorbild sein, auch in punkto AIDS. Wenn sich alle Athleten an diese Vorgaben halten, dürfte zumindest in dieser Hinsicht während der Spiele in Rio kein größeres Sicherheitsrisiko bestehen.