Bootstour auf der Shangri La mit Dosenbier und Discobeats

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Ganz schöner Tiefgang.

Eigentlich hätte der Namen misstrauisch müssen. Shangri La stand auf dem neongelben Armbändchen, dass uns der Reiseveranstalter in seinem kleinen, speckigen Büro irgendwo in der Altstadt des Fischerorts Arraial do Cabo ums Handgelenk klebte. Als Eintrittskarte für eine Bootstour entlang der Küste. „Pier 3“ gab uns Ronaldo mit auf den Weg, als er uns am Hafen auslud. „Um 3 Uhr stehe ich wieder hier.“

Shangri La, das ist doch kein Name für ein niedliches kleines Aufflugsboot. Die tragen doch sonst Namen wie „Wappen von Köln“ oder vielleicht noch „Moby Dick“. Shangri La dagegen, das klingt doch eher nach Dorfdisse. Vielleicht hätte ich diesem Gedanken mehr vertrauen sollen.

Der Hafen von Arraial do Cabo ist vollgepackt mit Booten. Fischerboote meist. Im hinteren Teil die nummerierten Piere. Funk-Musik hallt von dort herüber. Eine Menschentraube hat sich am Kassenhäuschen gebildet, am Anfang von Pier 3. Von dort legen also die Boote ab, die die Passeios, die Touren entlang der Küste anbieten.

Überall in dem 13.000-Einwohner-Städtchen stehen Männer mit Kladden und vergilbten Postern mit Meermotiven. Sie sind, wenn man so will, die Schleuser von Arraial do Cabo. Frühzeitig versuchen sie die wenigen Touristen abzufangen und auf die Boote zu lotsen. Jetzt in der Nebensaison ist nicht viel los. An jeder Ecke, an der Ronaldo etwas langsamer wird, springt sofort einer von ihnen ans Seitenfenster. „Bootstour?“ fragen sie knapp, ehe das Auto wieder anrollt. Bei uns haben sie kein Glück, wir haben ja schon über das die Poussada gebucht. Unser Schleuser heißt Ronaldo.

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Der Strand war kein Geheimtipp.

Das Panorama des Hafens von Arraial do Cabo ist wenig idyllisch. Die kleinen gelben Buden, in denen die Fischer ihren Fang abliefern, sind alt und schmutzig. Auf dem Hügel ziehen sich die Hütten der einzigen Favela des Orts entlang. „Coca-Cola heißt die Favela“,erklärt uns Ronalo. „Wisst ihr warum?“ Köpfschütteln. „In einer Kurveverunglückte einmal ein Cola-Laster. Die Leute kamen herbeigelaufen und tranken soviel sie konnten. Gutes Marketing, oder?“ Ronaldo ist selbst ein Marketing-Mensch.Das habe ich in einer Broschüre gelesen. Aber wenn die Geschichte nicht wahr sein sollte, so ist sie doch gut erfunden.

Hoffnung auf eine ruhige Tour schnell zerschlagen

Insgeheim rechne ich mit einem fast leeren Schiff und einer idyllischen, ruhigen Tour. Wie gesagt: Nebensaison. Außerdem hatte es morgens noch genieselt. Im Reiseführer las sich das toll und entspannt. Mehrstündige Schonertouren entlang der Dünenküsten, mit Badestopps an idyllischen Stränden mit Blick auf intakte wilde Natur. Das ganze muss doch einen Haken haben, dachte ich.

So ganz leer wird das Schiff wohl nicht. Die Warteschlange ist schon recht stattlich, als wir, eine halbe Stunde vor Abfahrt ankommen. Ganz vorne in der Schlange ein Grüppchen Brasilianer. Alle einen Plastikbecher mit Bier in der Hand. Eine große biergefüllte Kühlbox zum Nachladen auf dem Boden. Die Stimmung bereits gelöst.

Wir sind die einzigen ohne Kühlbox

Bei genauerem Hinsehen stelle ich fest, dass wir die einzigen zu sein scheinen, die ohne Kühlbox den Kutter besteigen werden. Mich beschleicht eine böse Ahnung: Sollten wir auf einem ballermannartigen Partykreuzer angeheuert haben? Es sieht schwer danach auf. Endlich an Bord sind die besten Plätze längst weg. Die hinteren Reihen des Oberdecks hat sich die Plastikbecher-Crew schnell unter den Nagel gerissen. Inzwischen Tanzen und singen sie zur lauten Funkmusik aus dem Bordlautsprecher mit.

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Die besten Plätze an Bord waren schnell belegt.

Am Bug wäre eine Liegeecke gewesen, doch dort hat sich bereits eine Weightwatchers Ausflugsgruppe im wahrsten Wortsinn breit gemacht.  Wir ergattern den Platz auf der Kajüte, gleich vor der Linse des Steuermanns. Sicher nur eine Frage der Zeit, wann er uns von dort wegjagt. Inzwischen bereue ich es, die Reise gebucht zu haben. Ich verfluche leise Ronaldo – wie konnte dieser Freizeitschleuser nur glauben, dass dies ein idealer Ausflug für eine Familie mit kleinen Kindern sei?

Das Boot füllt noch immer. Immer mehr strömen auf das Oberdeck. Ich versuche zu eruieren, ob der betagte Kahn diese Last (rechnen die eigentlich in Personenzahlen oder tatsächlicher Tonnage?) problemlos  wegstecken wird, oder ob wir es am Ende vielleicht immerhin als Einspalter auf die Panoramaseite der Tageszeitungen schaffen werden.

Unweigerlich kommen mit die Bilder von Flüchtlingskähnen auf dem Mittelmeer in den Sinn (obwohl das zugegebenermaßen ein recht unappetitlicher Vergleich ist, aber manchmal spielt einen das Gehirn solche Streiche). Ich suche das Schiff nach Rettungswesten ab. Sind überhaupt welche an Bord, oder sind die Schwimmnudeln, die um die Pfeiler geknotet sind wirklich alles, was im Falle einer Havarie bleibt?

Wiebke und die Kinder scheinen weniger nervös als ich, also versuche auch ich zu entspannen und beschließe, die kommenden vier Stunden als Gesellschaftsstudie zu nutzen.

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Was tut man nicht alles für ein perfektes Instagram-Bild.

Wir sind kaum aus dem Hafen raus, bleibt der Kahn stehen: Schwimmpause. Ein Matrose verteilt Taucherbrillen, ein zweiter wirft den Bordgrill an. Bei den Kindern gibt es Tränen. Aus Angst vor unvorsichtig herabfallenden Angetrunkenen beschließen wir, das Baden für sie ausfallen zu lassen und ernten heftigen Protest.

Kinder dürfen endlich ins Wasser

Versöhnt sind die beiden aber beim zweiten Stopp. Ein kleiner Strand, auf dem Landweg nur über eine ellenlange Treppe zu erreichen – oder dem Seeweg. Wir sind nicht das einzige Boot dort. Vor der Bucht ankern bereits sechs oder sieben Kähne ähnlichen Kalibers.

Weil unser Boot zu groß ist, geht es mit dem Schlauchboot an den Strand. Für die erste Fuhre besteigt unsere Weightwatchers-Crew das Schlauchboot. Was aber niemanden daran hindert, das Teil dennoch richtig vollzuladen. Da sind sie wieder, diese Bilder von Lampedusa. Zum Glück ist das Wasser seicht und der Strand nur rund 100 Meter entfernt. Sollte alles gutgehen. 30 Minuten Aufenthalt.

Den nutzen die Meisten Landgänger (wie auch den dritten Stopp) zum ausgedehnten Selfie-Shooting für das Instagram-Profil. Maximale Lebensfreude und Coolness will man auf den Bildern ausstrahlen, zeigen, was man doch für eine hammerhart hippe coole Sau ist. Wer schlau war, hat sich vor der Abfahrt bei den fliegenden Händlern einen Selfiestick organisiert. Für andere sind die Fotografen dabei, die zu Beginn der Fahrt recht unauffällig an Bord geschlichen waren.

Unsere Fotografen stammen übrigens aus Kolumbien. Sie leben davon täglich bei diesen Touren mitzufahren und lustige Partybilder zu schießen. Mit etwas Glück verkaufen sie am Ende der Tour eine oder zwei CDs für umgerechnet 100 Reais. Ein Knochenjob.

Fotografen aus Kolumbien an Bord

Uns haben sie natürlich als Familie mit Kindern als dankbares Motiv ausgemacht und folgen Wiebke und den Kindern bei den Landgängen auf Schritt und Tritt. Und ja, wir haben am Ende die CD gekauft. Für 60 Reais.

Andere lassen die Fotografen am Strand in die Luft springen und andere Verrenkungen machen. Wie gesagt: Alles für das Instagram-Profil.

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Zu sehen gab es am Ende aber auch noch was.

Die Kühlboxen leeren sich, die Stimmung steigt und bleibt sehr entspannt. Das muss man den Brasilianern lassen: wenn sie eine ordentliche Menge intus haben, bleiben sie zivilisiert und ruhig. Wie hätte das ausgesehen, wäre der Kahn voller Deutscher? Vermutlich wären er unter absingen von peinlichen Helene-Fischer-Schlagertexten zurück in den Hafen gekommen. Oder, noch schlimmer, ein Boot voller Briten? Das wäre wohl  entweder in einer handfesten Keilerei krebsroter tätowierter Gestalten ausgeartet, oder, bei weiterem Alkoholkonsum wäre in hemmungslosem Kopulieren völlig aus dem Ruder gelaufen. Bei einem Schiff voller Brasilianer jedoch alles cool, es wird viel gelacht, aber kein nerviges Krakele oder sonstiges anstrengendes Getue.

Und zu unserem Naturerlebnis kamen wir am Ende auch noch. Für eine kurze Strecke schipperten wir hinaus auf offene See zu einem Felsen mit tiefem Schlitz und weiter zu einer Grotte.

Kurzum: Am Ende stellte sich die Fahrt doch nicht als Flop heraus. Es war sogar bisweilen amüsant. Zwar kam es einigermaßen anders als erhofft, doch um eine gemütliche Naturtour zu machen, hätte man sich wahrscheinlich nach etwas anderem umschauen müssen. Hätte es vielleicht sogar gegeben, wobei ich nicht sicher bin, ob in Cabo Frio und Umgebung für sanften Eco-Tourismus überhaupt ein Markt besteht. Ich bezweifle das ein wenig. Nach allem, was wir nun von Cabo Frio erfahren haben, ist es eher ein Ort für ausgelassene, laute, bierselige Partypeople. So muss man konstatieren, dass die meisten Mitreisenden sicher voll auf ihre Kosten gekommen sind und somit wohl auch nichts auszusetzen gehabt haben dürften.