Cabo Frio: Massentourismus auf Brasilianisch

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Richtig hübsch ist der alte Ortskern.

Da hätten wir um ein Haar aber einen ganz falschen Eindruck bekommen. Doch besser spät als nie. Als Ronaldo am Samstag zum Sonnenuntergang durch den alten Teil von Cabo Frio kurvte, das Forte Sao Mateues und den Largo de Barroso, war unser Wochenende am Meer zwar fast schon rum, wir waren aber dennoch erleichtert. Und versöhnt mit dem Städtchen an der Costa so Sol, das und bis dahin ein völlig anderes Image vermittelt hatte. Um ein Haar hätten wir Cabo Frio als Klein-Blackpool abgespeichert: Etwas schmuddelige Bettenburg mit leicht prolligem Unterhaltungsfaktor.

Rund 200.000 Einwohner zählt das Städtchen, das ein wenig im Schatten des 30 Kilometer entfernten und dank Brigitte Bardot ungleich mondäneren Buzios liegt. Zur Hauptsaison, zwischen Weihnachten und Karneval, wächst der Ort zur Millionenstadt.

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Bettenburgen für Massentourismus.

Kein Wunder also, dass es in erster Linie darum geht, möglichst vielen Menschen ein unbeschwertes Urlaubsvergnügen zu bieten. Dazu braucht es nunmal im Wesentlichen einen breiten Strand (vorhanden), reichlich Betten mit Meerblick (vorhanden) und Restaurant mit ausreichend Sitzplätzen und den Massengeschmack abdeckend. Ist dann noch für Amüsemang gesorgt – Spielhöllen nach englischem Vorbild, Läden, Souvenirbuden, laute Musik – haben die meisten Besucher ihren Spaß. Massentourismus auf Brasilianisch.

Abzocke des Taxifahrers

Wir waren zu Beginn etwas, naja, überrascht. Zunächst verlangten die Taxifahrer am Busbahnhof der Stadt einen Gepäckzuschlag – also ähnlich, wie das der Billigflieger Ryan-Air gerne tut. Ein Real pro Gepäckstück. Der Taxifahrer erwähnte das nicht explizit.

Nach kurzem Smalltalk und einem Anbiedern seinerseits („ich fahre Euch überall hin, ihr braucht nur anzurufen) verlangte Roberto 30 Reais, obwohl das Taxameter 21 anzeigte und wir Gepäckstücke hatten. Byebye, Roberto, das war’s. Ich bin nicht knickrig, aber derart plumpe Abzocke ärgert mich.

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Pousada Laguna.

Die Unterkunft, die Pousada Laguna, wirkte ein wenig in die Jahre gekommen, aber sauber. Sie liegt etwasaußerhalb, ruhig, direkt am Strand. Von daher alles richtig gemacht. Das eigene Restaurant hingegen machte uns gar nicht an, wir beschlossen am Strand entlang, ohne Mittagessen, in die Stadt zu laufen (ca.4-5 Kilometer entfernt). Ein Händler, der mit Holzkohleöfchen und Käse am Spieß und begegnete, rettete auf halber Strecke die Stimmung, die hungerbedingt zu kippen drohte.

Die meiste Zeit hatten wir den Strand, den Praia do Foguete, mehr oder weniger für uns. So blieb Zeit für einen Schnack mit einem Angler, während die Kinder plantschten. Und es wäre beinahe perfekt gewesen – Sonne, weißer Strand, Meer – hätte man nicht ständig auf den Boden schauen müssen, um nicht auf herumliegenden Müll zu treten. Das ist ein echter Jammer. In den Dünen, im Sand, im Wasser – ständig stößt man auf Folien, Plastikflaschen, Styropor, Essensverpackungen, Bierdosen und was man sonst so achtlos in die Botanik werfen kann.

Achtloser Umgang mit der Natur

Das ist wirklich etwas, an das ich mich in Brasilien nicht gewöhnen kann und will: den allzu achtlosen Umgang mit der Ressource Natur. Dabei wäre es doch so einfach. Aber nirgendwo finden sich am Strand Abfallbehälter und selbst wenn, liegt der Kram manchmal gleich daneben im Sand und niemanden juckt es. An europäischen Stränden wäre es klar: Wo es so aussieht, kommt niemand mehr hin, der Ort wäre binnen kurzer Zeit touristisch gestorben. Doch bei einer Küstenlänge von fast 7.500 Kilometern, ein Großteil davon Traumstrände, sieht man leider anscheinend noch keine Notwendigkeit irgendetwas zu schützen – sei es vor Müll oder sinnloser Bebauung. Ist ein Abschnitt versaut, so macht es den Anschein, zieht man weiter.

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Fischerboot vor der Küste.

Eigentlich wollten wir am Kanal Itajuru in Cabo Frio zu Abend essen. Aber wir waren zu hungrig und zu ungeduldig, den teilweise widersprüchlichen Beschreibungen der Passanten zu folgen. Wir aßen an der Promenade, bei niederländischem Ostseebadflair und überdachter Terrasse bei Tia Maluca (eine Restaurantkette) die erste Moqueca (Fischeintopf mit Kokosmilch, Koriander und Reis) unseres Lebens. Und die war gar nicht übel. Den Kanal würden wir uns für einen der nächsten Abende aufheben.

Am nächsten Morgen erstmal kleinen Morgenspaziergang mit Ella. Am Samstagmorgen ging ichsogar einen Schritt weiter: ich machte den ersten ausgedehnten Strandlauf meines Lebend. Barfuß. Herrlich.

Danach Frühstück, das im Vergleich zum Essensangebot zu den anderen Mahlzeiten wirklich gut war – mit viel frischem Obst, Rührei (sonst eher selten) und dem üblichen anderen Kram. Freitag sollte der Strandtag sein. Die Wettervorhersage meinte es gut, also Badehose an und ab.

Siebtälteste Stadt Brasiliens

Cabo Frio hat richtig Geschichte zu bieten. Es wurde im Jahr 1615 gegründet, sie ist die siebt älteste Stadt Brasiliens. Die St. Matthäus-Festung (Forte de São Mateus do Cabo Frio) befindet sich in Sichtweite vom Praia do Forte und wurde von den Portugiesen zwischen 1616 und 1620 gebaut, um die Küste gegen Franzosen, Briten und Holländer zu verteidigen, die es auf die Rohstoffe Brasiliens, insbesondere Holz, abgesehen hatten.

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Leandro – einer der großen Söhne Cabo Frios.

Auch in der Neuzeit bzw. jüngeren Vergangenheit hatte Cabo Frio durchaus Bedeutung. Etwa als Geburtsort des brasilianischen Fußballstars José Leandro de Souza Ferreira, eher bekannt unter dem Namen Leandro. In den 80er-Jahren absolvierte er 29 Spiele für die Selecao. Eine hübsche Annekdote rankt sich um den Kicker, der während seiner gesamten aktiven Karriere dem FC Flamengo die Treue hielt.

Kurz vor der WM 1986 büxte Leandro mit seinem Mannschafts Spezi beim Trainingslager in Belo Horizonte aus. Die beiden ließen es derart krachen, dass sie anschließend nicht mehr schafften, zurück über die Mauer der Mannschaftsunterkunft zu klettern und wurden dabei prompt erwischt. Renato kostete die Sauftour die WM-Teilnahme. Leandro durfte zwar mit, den Titel holte aber Nachbar Argentinien.

Immerhin scheint Leandro den Cabofriensern so bedeutend zu sein, dass sie ihm auf dem jüngsten Abschnitt der Uferpromenade sogar ein Denkmal hingestellt haben. Doch gut, dass wir für den Samstag eine Bootstour gebucht hatten mit Abholung und allem. Denn sonst wären wir nicht auf Ronaldo getroffen, der vor einigen Jahren noch sein Geld mit dem Verkauf von Bikinis in die USA verdiente. Und wir hätte nie auch die schönen Seiten von Cabo Frio kennengelernt.