Last Exit Barra – Weshalb wir aber trotzdem kein Auto brauchen

Wollt ihr Euch eigentlich ein Auto kaufen? Diese Frage hörten wir schon öfter. Eigentlich ständig. Offenbar ist das Auto für den modernen Menschen noch tief im Bewusstsein verankert. Obwohl inzwischen jeder wissen müsste, dass Privatfahrzeuge zu den Hauptverursachern des Klimawandels zählen. Keine Angst, das wird jetzt hier kein Grundsatzpamphlet.

Scheiß drauf, wenn es darum geht, die Einkäufe nach Hause zu bekommen, geht Bequemlichkeit vor Klimaschutz. Immer noch bei viel zu vielen. Vor allem auch hier in Rio.

Dabei erscheint mir Rio als einer der sinnlosesten Orte, an dem man ein Auto besitzen sollte. Die Straßen sind ständig dicht, die Brasilianer fahren, vorsichtig formuliert, gewöhnungsbedürftig und wir persönlich können eigentlich alles bequem zu Fuß erledigen. Klar, beim Tütenschleppen nervt es manchmal, aber schneller bist du mit dem Auto nie. Für den Rest nehmen wir Metro, Taxi oder Bus. Klappt eigentlich ganz gut.

Beispiel vorigen Donnerstag: Ich will zum Korrespondentenstammtisch in eine Bar hier in Botafogo, 700-800 Meter entfernt, zwei Blocks quer. Zu Fuß eine Sache von 10 Minuten. Doch es schüttet. Wie sau. Mal wieder. Also Taxi.

Da jedoch die Verkehrsführung in Botafogo durch Einbahnstraßen ziemlich unflexibel ist, fängt die Gurkerei an. Nächste Straße: nur links abbiegen. Müssten aber nach rechts. Dann die zweite rechts, erste geht nicht. Jetzt wieder rechts halten, geradeaus. Halt, stop! Hier ginge es…ach ja, wieder Einbahnstraße. Also geradeaus…usw. Dauer: 23 Minuten. Kosten: 14 Reais. Ich ärgere mich. Später zurück das selbe Spiel, es regnet noch immer.

Diesen Sonntag der Hardcore-Test: Mit den Öffentlichen bis nach Barra de Tijuca. Dort in den Decathlon-Sportladen, einkaufen, wieder zurück. Um nach Barra zu gelangen gibt es zwei Möglichkeiten. Die Metro – wenn sie denn mal fertig wird, die Einweihung hätte vorigen November sein sollen – oder den Bus. Den kenne ich ja noch von neulich. Linie 548, fährt an der Metro-Station ab. Kosten für vier Personen: 15,20 Reais, rund 4 Euro. Dafür bekommen wir eine gute halbe Stunde Fahrt, denn Barra liegt circa 30 Kilometer südlich von uns. Doch sonntags kommt der Bus gut durch. Eine Taxifahrt dorthin würde übrigens 70-80 Reais kosten – was sind wir Sparfüchse.

Wo war der Laden ungefähr? Avenida das Americanas, Hausnummer 3000 (!). Besagte Avenida ist ein sechs- bis achtspuriges, schnurgerades Teerband, das Barra in zwei Teile teilt. Links und rechts der Straße. Zudem ist sie die Lebensader eines kilometerlangen Gewerbegebiets, an dem sich Autohäuser, Shoppingcenter, Büroklötze munter aneinanderreihen. Zum Flanieren  ungeeignet. Es gibt einen Gehweg, der ist auch ordentlich breit. Den nutzt nur keiner, außer uns.

Barra, Paradies für Autofahrer

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Carrefour in Barra.

Barra ist auf Autoverkehr ausgelegt. Geplant im amerikanischen Stil. Große Straßen, riesen Parkplätze, alles weit auseinander. Flächenverbrauch? -versiegelung? Egal, wächst eben alles weiter nach Süden. Macht ja nix, man hat ja auch das Auto dabei. Wir haben bei den Hausnummern die Orientierung verloren und setzen unseren Weg zu Fuß fort.

Sicherheitshalber fragen wir nach. Beim Wächter eines Bürokomplexes. Decathlon? Er sieht aus, als hörte er den Namen zum ersten Mal. Ob er qualifiziert Auskunft geben kann? Er zögert. Er schickt uns weiter die Straße hinunter, Richtung Barra Shopping- die größte Mall der Stadt. Dort ist sicher auch der Decathlon. Wir haben keine Wahl. Wir glauben ihm und dappen weiter.

Auf der gegenüberliegenden Seite einer stattlichen Abzweigung – jeweils zweispurig, natürlich ohne Fußgängerampel, der Drückknopf wäre ja auch längst eingerostet – erkennen wir das Hinweisschild: Barra Shopping. Wir sind am Ziel.

Nicht ganz. Erst mal den gewaltigen Parkplatz überqueren. Es ist früh, kaum ein Auto dort, wir können Ideallinie laufen. Es ist inzwischen kurz nach 11 Uhr. Die Mall ist zwar aufgeschlossen, die Shops aber alle noch zu. Komisch. Im Internet stand, dass Decathlon ab 10 Uhr geöffnet sei.

Nochmal fragen. Eine Dame in Uniform, eine Art lebender Wegweiser. Braucht es hier auch. Decathlon? Nein, hier nicht. Gleich nebenan sei aber ein Carrefour Supermarkt. Carrefour! Immerhin. Gut, also zuerst dorthin, stand auch auf der Liste.

Statt zu Decathlon zu Carrefour

Etwa anderthalb Stunden später stehen wir auf dem Parkplatz. Wir beratschlagen kurz, beschließen dann ein Taxi zu Decathlon zu nehmen. Die werden das ja hoffentlich wissen. Doch unser Kutscher zögert, fragt lieber noch einmal einen Kollegen. Es folgt ein wilder Ritt mit etlichen Spurwechseln, hin, her, abbiegen, Kehre, Abfahrt runter, Parkplatz. Da!

Da steht es Decathlon! Zahlen (23 Reais) und rein. Wir nutzen die Gelegenheit. Der Laden liegt nicht auf dem Weg, also müssen wir alle Dinge im Sortiment finden, die sich im Laufe der ersten drei Monate hier als notwendig herausgestellt haben: Schwimmbrille, Gummistiefel, Socken, mehrere Paar Schuhe, Springseile, schnelltrocknende Handtücher, Badekappen… So schnell werden wir hier nicht mehr herkommen, so umständlich wie das ist.

Vielleicht brauchen wir doch ein Auto – aber nur für solche Gelegenheitskäufe? Ne. Gut, in ein paar Tagen wollen wir nach Cabo Frio, das liegt 3 Stunden von Rio entfernt. Da wäre ein eigenes Auto schon praktisch. Einen Tiefgaragenstellplatz hätten wir sogar. Jetzt habe ich ja erst einmal die Bustickets besorgt für den Trip. Und bei noch längeren Strecken werden wir sicherlich darüber nachdenken zu fliegen. Aus Zeitgründen.

In Frankfurt fast ohne Auto

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Große Auswahl.

Zumal wir eigentlich ja auch froh sind, momentan kein Auto zu besitzen. Unser Seat in Frankfurt war uns zwar ans Herz gewachsen, die Trennung fiel uns unerwartet schwer. Unser erstes Familienauto. Schnüff! Treue Seele obendrein. Doch wirklich gebraucht haben wir es nicht. Das konnte man auch am Tachostand ablesen. In sechs Jahren 50.000 Kilometer. Viel zu wenig eigentlich, um einen Diesel zu fahren.

Ich fuhr mit Rad und S-Bahn zur Arbeit, Wiebke mit dem Rad und nur bei schlechtem Wettermit dem Auto. Die meisten Kilometer fuhren wir für Familientreffen und –besuche auf die Uhr. Im Alltag stand die Kiste meist. Deshalb werden wir nach unserer Rückkehr erst einmal kein neues Auto kaufen.

Doch zurück zu Decathlon. Zufrieden alles bekommen zu haben, standen wir an der Kasse. Dort ging dann nichts mehr. Die Karte – DKB-Visa, bisher tiptop – wurde nicht akzeptiert. Das komme schon mal vor, sagte der Kassierer, bei Karten aus Europa, aus Sicherheitsgründen. Wir bräuchten nur die Bank anrufen. Ist klar.

Bargeld hatten wir keines, Kauf gegen Rechnung geht nicht. Also alles retour. Statt Gummistiefeln, Schwimmbrille, Badekappen etc. kauften wir beim Drive-in McDonald’s einen Mangosaft für alle, um Kleingeld für den Bus zurück zu haben.

Um die Avenida zu queren, muss man vier Ampeln überqueren, entsprechend viele Grünphasen abwarten. Doch wir hatten Glück. Als wir grün hatten, hatte nämlich der Bus der Linie 548 rot. Wir winkten wie wild, der Fahrer ließ uns zusteigen.

Epilog:

Barra braucht kein Mensch. Weder aus ästhetischer Sicht, also Sightseeing-technisch, noch zum Einkaufen. Für das eine Mal tat es der Bus. Öfter werden wir nicht dorthin müssen. Für Autofahrer ist das natürlich der amerikanische Traum. Doch wie zeitgemäß ist das noch? Die Brasilianer denken anscheinend sehr.

Die Waren von Decathlon bestellten wir noch am selben Abend per Internet, dazu trank ich ein Bier. Die Kreditkarte funktionierte gewohnt zuverlässig, die Lieferzeit würde nur 4 Werktage dauern und die Lieferung ist obendrein gratis.