Globalisierung: Was hat die Zahnfee in Brasilien zu suchen?

Globalisierung kann ganz schön kacke sein. Ende Oktober brandet in Deutschland die immer gleich Diskussion auf: Feiert man am 31. Oktober nun das heidnische Halloween, an dem vor allem die Kinder Spaß haben (kein Wunder, gibt ja Süßkram und man darf sich verkleiden). Oder begeht man in aller Stille das Reformationsfest, das bei Protestanten hoch im Kurs steht? Oder gar tags drauf das katholische Allerheiligen? Komisch dabei, dass immer gleich eine Entweder-oder-Argumentation entsteht, als Ginge es um die Glaubenshoheit.

Vor Festen wie Halloween sollte man im noch überwiegend katholischen Brasilien doch gefeit sein, oder? Nicht nur, weil sich nach Einbruch der Dunkelheit ohnehin niemand mehr auf die Straße traut, erst recht nicht mit Kindern. Aber eben vor allem wegen des mangelnden religiösen Hintergrunds.

Inzwischen kommen mir da Zweifel. Die Mittelschicht Brasiliens orientiert sich an den USA. Shopping Malls sind der letzte Schrei, wer kann zieht raus nach Barra de Tijuca, das immer wieder mit Florida verglichen wird. Mindestens einmal pro Jahr fliegen gutbetuchte in die USA zum shoppen. Und die meisten Jugendlichen sprechen, im Vergleich zu den Teens in Deutschland, ein echt umwerfendes Englisch, was wiederum an US-Serien liegt, die sie sich von Kindesbeinen an in großen Mengen reinfahren und die zudem nur untertitelt aber nicht synchonisiert werden.

Zweifel kommen mir erst recht, wenn Bräche aus dem angelsächsischen Kulturkreis hier zum normalen Repertoire gehören, die in Deutschland noch relativ frisch schienen. Etwa der Besuch der „Zahnfee“.

Für alle Nicht-Eltern: Es hat sich seit einiger Zeit eingebürgert, dass der Verlust der Milchzähne bei den Kindern nicht einfach zur Kenntnis genommen wird. Nein, es muss gefeiert werden. Das heißt: ist der Zahn draußen, wird er unter das Kissen gelegt und die Zahnfee bringt über Nacht eine Kleinigkeit. Wobei Kleinigkeit relativ zu sein scheint. Kurzum: Wieder so ein Kommerzfest.

Ein ähnlicher Brauch in abgewandelter Form, nämlich mit geputzten Schuhen, ist mir vom Nikolausabend geläufig. Aber dafür muss man ja auch selbst was tun – viel zu anstrengend. Im Fall der Zahnfee muss man sich hingegen nur auf die Natur bzw. die Schwerkraft verlassen. Zähne fallen im Allgemeinen von alleine aus.

In Deutschland hatten wir dieses Prozedere erfolgreich ignoriert. Drum wunderte es uns schon, als vor einigen Tagen Edgar auf der Suche nach der Schachtel mit seinen ausgefallenen Zähnen war.

Wozu brauchst Du die?

Na, für die Zahnfee!

(dumm gestellt) Für wen? Ist das was in der Schule?

Nein Papa, die Zahnfee holt die Zähne und dafür bekommt man ein Geschenk.

Soso.

Danach wechselte ich das Thema und hatte das Gefühl, die Sache nochmal abgebogen zu haben. Denkste.

Gleich am nächsten Morgen ging die Diskussion weiter.

Ella: Das finde ich ziemlich gemein, dass die Eltern den Kindern so einen Quatsch erzählen.

Was für ein Quatsch?

Na das mit der Zahnfee. Die gibt es doch gar nicht.

Wieso jetzt?

Na, weil sie uns nichts gebracht hat.

Plötzlich taten sie mir ein wenig leid, denn andererseits finde ich ganz schön, dass sie immer noch die Illusion des Christkindes und des Nikolauses haben. Das sollen sie auch ruhig noch ein Weilchen beibehalten. Aber wenn  nun schon die Zahnfee als Quacksalberei enttarnt ist, dürfte das mit dem Christkind und dem Nikolaus auch nicht mehr lange dauern.

Ich entschied mich schnell, mich dem Druck zu beugen. Auf unserem Schrank lag noch eine Minions-DVD. Die hatte Wiebke neulich gekauft. Denn wir planen, uns einen DVD-Player anzuschaffen. Dann hätten wir schon mal einen Film.

Oh, was ist das denn! Tat ich überrascht, griff auf den Schrank und reichte die DVD den Kindern. Zum Glück waren die gleich versöhnt, stellten keine weiteren Fragen, ob die Zahnfee nun die DVD gebracht habe und warum die gar nicht eingepackt sei. Gut so. Ich hätte das auch gar nicht weiter beantworten wollen. Denn von der Zahnfee halte ich nach wie vor nichts.

Doch woher kommt das nun?

So richtig fest steht das nicht. Wikipedia mutmaßt, dass  die Ursprünge dieses Brauches in einem magischen Ritual liegen könnten, welches das Übergehen vom Kind zum Jugendlichen begleiten sollte. „In Zeiten, da man noch an Hexen glaubte, die Macht über die eigene Person erlangen konnten, wenn sie dazu Haare, Zähne oder Fingernägel von der zu verhexenden Person besaßen, war der richtige Umgang mit ausgefallenen Zähnen für die Menschen noch äußerst wichtig“, heißt es da.

Feenfiguren sind ja auch weit verbreitet. Unklar ist jedoch, wann sich dieser Mythos mit dem Zahnmythos verwoben hat. Die ersten Berichte von der Zahnfee als allgemeiner guter Fee, die ausgefallene Zähne gegen Goldmünzen tauscht, sollen vom Anfang des 19. Jahrhunderts stammen. Also entgegen meiner Vermutung, das sei neumodischer Scheiß, ist der Brauch doch schon recht alt.

1927 wurde The Tooth Fairy, ein kurzes Schauspiel für Kinder von Esther Watkins Arnold, zum ersten Mal aufgeführt. Die erste über die Zahnfee geschriebene Geschichte scheint The Tooth Fairy von Lee Rogow zu sein, die 1949 erschien. Danach erlebte die Zahnfee zumindest im angloamerikanischen Raum eine regelrechte Blüte, welche von Büchern und Comics begleitet wurde, heißt es weiter.