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Städtepartnerschaft Köln und Rio – Verwandte im Geiste und im Herzen

Köln und Rio de Janeiro – die beiden schönsten Städte der Welt. Auf den ersten Blick ein ungleiches Paar. Allein schon die Größe: Eine Millionen hier, 6,5 Millionen (oder 7 oder 9, so genau weiß das hier niemand) dort, Doch sie haben viel gemeinsam. Sie eint nicht nur der Karneval und der Sonnenschein (bei den Kölnern eher im Herzen), sondern auch Mentalität und Weltanschauung. Ungeachtet der  die Tatsache, dass die beiden Metropolen – und heimlichen Hauptstädte – offiziell Partnerstädte sind. Eine schlaue Wahl, wie ich finde.

Wenn man, wie ich, seine Wurzeln im Rheinland hat, wächst man ja ganz zwangsläufig, wenn auch unbewusst, in die Mentalität hinein. Man hinterfragt zunächst nicht. Das wird anders, wenn man sich von dort wegbewegt. Man beginnt zu vergleichen. Und was läge derzeit näher als dieser Vergleich.

1.) Der Jeito. Oder: Et hätt noch immer jot jejange

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Eduardo Cunha (oben) ist ein Großmeister des Klüngels.

In Köln lebt man nach dem rheinischen Grundgesetz. Die ersten drei Artikel lauten: 1.) Et is, wie et is (es ist wie es ist), 2.) etkütt, wie et kütt (es kommt, wie es kommt) und 3.) Et hätt noch immer jot jejange. Eine sehr entspannte Haltung – irgendwie wird es schon gehen. Und sie ist gar nicht so weit weg von dem, was den Alltag der Cariocas so am laufen hält. Jeito nennt man hier diese Haltung des Abwartens- und Auf-sich-zukommen-lassens. Auch wenn es an der einen oder anderen Stelle klemmt und objektiv der Weg durch Regeln, Gesetze oder dergestalt verstellt zu sein scheint, dass dieses spezielle Situation schlicht nicht vorgesehen ist – der Carioca weiß zu improvisieren und findet immer einen Weg ans Ziel. Es gibt sogar spezielle Menschen, bestens vernetzte Drahtzieher mit Kontakten in alle Richtungen, die bieten ihre Dienstleistungen an, wenn es mal wieder nicht weiterzugehen scheint.

2.) Der Klüngel

Womit wir bei einer der Lieblingsbeschäftigung der Kölner waren, dem klüngeln. Klüngeln ist das kölsche Wort für das neudeutsche Netzwerken. Jemanden kennen, der jemanden kennt, der wiederum einen Bekannten hat… . Besonders in der Lokalpolitik ist das klüngeln ein gängiges Mittel, wenn mal wieder das Geld knapp ist, oder andere Dinge im Wege stehen. Dabei steht das klüngeln selten im Dienst der Sache, als vielmehr im Interesse des oder der Handelnden.

Derartiges Vorgehen ist dem Carioca auch nicht fremd. Vielmehr scheint die gesamte brasilianische Politik auf dem Prinzip des Gebens und vor allem Nehmens zu fußen. Prominentestes Beispiel: Der Bestechungsskandal „Lava Jato“ (wörtlich: Autowaschanlage) der derzeit Brasilien in Atem hält. Rund 60 Politiker wurden bereits suspendiert, gegen etliche wird noch ermittelt. Es geht um Schmiergeldzahlungen in Milliardenhöhe.

3.) Hang zu Verniedlichung

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Kein Cafezinho.

Den Alten schenkt man in Köln ein Blöömsche, bekommt dafür als Dankeschön ein Bützje und geht anschließend ein Bierchen trinken. Das Benutzen des Diminuitivs, also der Verniedlichungsform ist fest im kölschen Sprachgebrauch verankert. Et Hänsje und et Kättsche heiraten. Mit dieser Form drückt der Kölner seine leichtfüßige Sicht und unerschütterlich positive Sicht auf das Leben aus. Hat man ein Stündchen beim Zahnarzt auf die Wurzelbehandlung warten müssen, verliert selbst diese, zumindest in der Erzählung, ihren Schrecken.

Auch der Carioca mag Verkleinerungsformen. In der Snackbar an der Bushaltestelle holt man sich morgens erst mal einen Cafezinho. Oft wird dieser sprachliche Kniff auch genutzt, um besonderes Entzücken über etwas auszudrücken, die ohnehin schon ziemlich positive Sicht der Dinge noch einmal zu verstärken. So wird die Verniedlichung oder Verkleinerung nicht nur für Gegenstände und Personen verwendet, sondern auch als besondere Betonung bei Adjektiven.

Sagt etwa der Kellner im Restaurant: „o peixe é fresquinho“, dann möchte er hervorheben, dass der Fisch (peixe) nicht nur frisch (fresco), sondern ganz toll extrem frisch ist, also eigentlich noch lebendig. Natürlich könnte man, so es sich um ein teurer Restaurant handelt, das „continha“ anschließend bestellen, also das „Rechnungchen“- aber das wäre dann eher ironisch oder angeberisch gemeint.

4.) Bier

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Köln gab einer ganzen Biersorte einen Namen: Kölsch. Das trinkt man in und um Köln. Und Touristen

kommen nur eigens dafür an den Rhein. Etwas vergleichbares hat Rio nicht zu bieten. Bier in Rio ist meist „Pilsener“ oder „Lager“, enthält in vielen Fällen Mais und kann nur idiotisch kalt, „estupidamente frio“, genossen werden. Es kommt aber meist aus anderen Städten. Da es aber außerhalb des Kühlschranks schnell warm wird und damit praktisch ungenießbar, hat man Gläslein (s.o.) erfunden, die tatsächlich noch kleiner sind als eine Kölschstange. Einmal schlucken – leer. Die dazugehörige 660ml-Flasche hat dafür eine mehr oder weniger schicke Manschette aus Styropor.

5.) Lage

Die naturräumliche Lage Rios ist spektakulär. An der (ziemliche dreckigen) Guanabara-Bucht, die Morros aus Granit dazwischen, ein Urwald und zwei breite Stadtstrände (teilweise künstlich aufgeschüttet). Kein Wunder, ist der Carioca geradezu besoffen vor Verzückung, wenn er über seine Stadt, die cidada maravilhosa, spricht. Nie, aber auch nie, würde er freiwillig von dort weggehen. Als Rio 1960 den Hauptstadttitel an Brasilia abtreten musste, hielten sich viele Ministeriumsmitarbeiter und Minister nur so lange wie unbedingt nötig im Planalto auf, um möglichst viel Zeit am geliebten Zuckerhut verbringen zu können.

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Das wiederum eint den Carioca mit dem – Bonner. Nach dem Bonn-Berlin-Beschluss 1992, der den Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin besiegelte, waren ähnliche Wanderungen zu beobachten. Bis heute konnten sich einige Abteilungen gar erfolgreich um den Umzug drücken.

Doch zurück zu Rio. Das Wetter ist ganzjährig warm, die Strände breit – und wem statt nach Wald nach Natur ist, braucht 10 Minuten mit dem Bus und steht im Urwald. Dafür ist es im Sommer eigentlich zu heiß, das Meer und der Strand teilweise sehr verschmutzt.

Der Kölner hat zwar kein Meer, dafür soll man seit einigen Jahren wieder im Rhein schwimmen gehen können. Aber Vorsicht: Strömung! Oder, wem das zu gefährlich ist, der hüpft halt in den Fühlinger See oder macht das, was der Rest tut: Im Sommer am Wochenende ab auf die A4 und nach Holland ans Meer gefahren. Bei guter Verkehrslage dauert das kaum länger als in Rio mit dem Taxi an einem Freitagabend.

Und was dem Carioca sein Urwald ist dem Kölner die Eifel oder das Bergische Land. Na, und das Wetter muss und kann man sich bisweilen einfach nur schöntrinken.

6. Musik

Köln und Rio gehören – vielleicht noch mit Paris – zu den meistbesungenen Städten der Welt. Hier Willi Ostermann und sein „Heimweh noh Kölle“, das noch heute Exil-Rheinländern in schwachen Momenten das Pipi in die Augen treibt; dort Tom Jobim mit seinem Hymne „Garota de Ipanema“ (Girl from Ipanema), von dem mein Kumpel Kai einmal vor unserer Hochzeit sagte: „Wenn das Lied gespielt wird, komm‘ ich nicht.“ Dass Jobim und  Vinícius de Moraes das Lied gemeinsam in der Bar Veloso in Ipanema gedichtet haben sollen, hält sich hartnäckig als Legende. Bei beiden Komponisten stand ich schon am Grab.

Das Mädchen, das der Text von Vinícius de Moraes besingt, gab und gibt es tatsächlich. Heloísa Eneida Menezes Paes Pinto (geboen am 7. Juli 1943), kurz Helô, wohnte in Jobims unmittelbarer Nachbarschaft.. Auf ihren alltäglichen Wegen (auch, aber keineswegs ausschließlich zum Strand von Ipanema) kam sie regelmäßig an der Bar Veloso vorbei.

Unzählig ist die Zahl der Lieder, die mit viel Pathos, Leidenschaft, Schmalz, aber auch Witz, Humor und  alltäglicher Beobachtungsgabe die beiden Städte besingen. Und wenn ich mal ganz viel Zeit habe, werde ich mal ermitteln, über welche Stadt es mehr Lieder gibt.

7. Fußball

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Fußballlegende Pelé spielte für Santos. Eine Todsünde aus Cariocasicht.

In Köln gibt es den 1. FC Köln, Fortuna und die Viktoria – um einmal die bekanntesten Vereine zu nennen. In punkto Ligazugehörigkeit gibt es allerdings ein stattliches Gefälle. Der FC (#effzeh) spielt seit zwei Jahren, Gott sei es gedankt, wieder in der Bundesliga mit. Und es macht sogar teilweise wieder Spaß zuzuschauen. Fortuna hat sich, nachdem der Verein in den 90er-Jahren sogar mal ans Tor zur Bundesliga klopfte und kurz drauf wirtschaftlich ruiniert absteigen musste, wieder bis in die 3. Liga hochgeboxt. Und Viktoria…wer weiß es? Zieht man den Kreis etwas weiter und gemeindet flugs Leverkusen auf der Schääl Sick ein, dann hätte man zwei Erstligisten in der Stadt.

In Rio sind es derer vier: Flamengo, Fluminense, Vasco da Gama und Botafogo. Flamengo ist der prominenteste Club, der Stadt, Club der Arbeiter und einfachen Leute. Ein Mann sagte mir: „Wenn Du auf der Straße nicht überfallen werden willst, musst Du Dir ein Trikot von Flamengo kaufen. Alle Straßendiebe sind Flamengo-Fans.“ Fluminense galt früher als der Verein der Intellektuellen. Bis vor kurzem war der frühere Weltfußballer Ronaldinho das Gesicht des Vereins. Hat sich also auch was geändert.

Vasco wird vor allem von Fans angefeuert, die über portugiesische Wurzeln verfügen. Das rote Kreuz im Vereinswappen erinnert an das Templer-Kreuz. Vasco errang Anfang Mai die Stadtmeisterschaft von Rio.

Botafogo ist der Verein, der dem Kölner FC wahrscheinlich am ähnlichsten ist. In den 60er- und 70er-Jahren hatten die schwarz-weißen ihre große Zeit, wurden gemeinhin als die „Glorreichen“ bezeichnet. Vom Glanz der alten Zeit ist der Club derzeit weit entfernt. Zur Saison 2016/17 gelang immerhin die Rückkehr in die erste Liga.

Das einzige, was halt gar nicht geht ist, als Carioca einen Verein aus Sao Paulo anzufeuern. Aber das kennt man ja: Leverkusen, Mönchengladbach oder Düsseldorf sind dem Kölner auch tabu.

Bei der Titelvergabe haben die Clubs aus Rio jedoch schon seit Längerem nichts mehr mitzureden. Tja, und da ist sie wieder, die Parallele zum FC und zu Köln.