Wie alltagstauglich ist Rio de Janeiro für Radfahrer?

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Radweg am Yachthafen von Botafogo. Hier radelt sich’s schön.

Rio hat anscheinend Blut geleckt. Die Olympischen Spiele stehen vor der Tür. Das Interesse der Cariocas ist zwar bislang eher mittel, aber das kann sich ja noch ändern. Und was kommt danach? Vielleicht der Titel als fahrradfreundlichste Stadt Südamerikas. Denn 2018 ist Rio Gastgeber der Velo City Conference der European Cyclists’ Federation, ECF, und reiht sich damit hinter anerkannte Radstädte wie Bremen, Kopenhagen oder Nijmegen ein. Rio wird damit die größte Stadt sein, die jemals Gastgeber der Konferenz war.

Dabei ist Rio doch alles andere als eine Radfahrerstadt. Oder nicht? Und das nicht erst seit dem kürzlich eingestürzten und erst im Januar eingeweihten Küstenradweg hinaus nach Barra de Tijuca. Im Alltag zeigt sich tatsächlich ein anderes Bild. Wer im Verkehrsmoloch Rio auf das Rad schwingt, hat entweder kein Geld für einen motorisierten Untersatz, liefert im Stadtteil irgendwelche Waren aus oder ist schlicht lebensmüde. Mütter, die morgens ihren behelmten Spross zur Kita oder in die Schule Radeln sieht man hier jedenfalls so gut wie nie.

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Fahrräder sind auch ein beliebtes Transportmittel.

Dabei würde sich das Rad als Verkehrsmittel anbieten. Denn die Straßen sind dreimal täglich verstopft und so, wie sich die Motoradfahrer durch den Stauschlängeln, könnte man das ja auch mit dem Rad machen. Schließlich sind wir in Frankfurt viel Rad gefahren. Täglich 12-13 Kilometer fuhr ich zur S-Bahn nach Nied oder Höchst – sommers wie winters. Doch da ging es auch größtenteils über Radwege- ohne motorisierten Verkehr. Das ist hier anders.

Hier teilt man sich die Straße mit Lastern, Bussen, Autos. Gefährlich werden kann es aber auch, wenn einem ein Radfahrer auf der Spur entgegen kommt. Die Fahrtrichtung hier bedeutet nämlich nicht, dass man sich daran halten muss. Im Angesicht des herandonnernden und wenig rücksichtsvollen Gegenverkehr konnte ich hier schon mehrere haarsträubende Ausweichmanöver bewundern.  Hinzu kommt, dass es völlig normal ist mit dem Rad, oder auch dem Motorrad, auf die Gehwege auszuweichen, wenn es nicht voran geht. Müßig zu erwähnen: Helme? Pfft.

Obwohl ein versierter Radler, würde ich mir den Verkehr hier nicht zutrauen.

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Mit dem Verkehr teilt man sich die Straßen. Also: Augen auf!

Dabei soll Rio doch die Stadt Südamerikas sein, die über das beste Radwegenetz verfügen soll. Knapp 439 Kilometer sollen es sein. Deutlich mehr als in der Radmetropole Münster, das laut eigenen Angaben nur über gut 300 Kilometer verfügt. Allerdings auf etwas kleinerer Fläche. 303 qkm (Münster) stehen dort knapp 1200 qkm gegenüber. Doch dem Ganzen liegt schlicht eine diametral entgegenbesetzte Denke zugrunde. Dort denkt man bei der Verkehrswegeplanung vom Radfahrer aus. Hier geht es in erster Linie darum, den motorisierten Verkehr besser fließen zu lassen.

Ende 2016 450 Kilometer Radwege

Aber Ansätze sind durchaus vorhanden: Bis Ende des Jahres will Rio de Janeiro noch weitere Radwege einweihen und ein Netz mit 450 Kilometern anbieten, berichtete im Januar das schweizer Brasilienportal. Dann soll das Radwegenetz  in sieben Jahren um 300 Kilometer gewachsen sein. Schon jetzt würden täglich über zwei Millionen Fahrten mit dem Rad zurück gelegt, berichtet das Portalweiter. Damit entfallen auf den Drahtesel fünf Prozent der Fahrten aller Verkehrsmittel der Stadt. In Münster sind es 38 Prozent.

Radfahren kann man in Rio nur dort, wo Platz ist. In Ipanema und Copacabana werden an den Wochenende die Uferstraßen gesperrt. Dann kann man dort radeln, skaten, flanieren. Das macht auch Spaß. Auch rundum den Yachthafen von Botafogo und entlang dem Artero in Flamengo lässt sich angenehm zum Postkartenpanorama radeln. Auch rund um die Lagoa de Fraitas gibt es einen netten Radweg. Detaillierte Auskünfte über Radwege in Rio, und ganz Brasilien, gibt das Portal bikely.com . Aber das sind im normalen Leben eben auch keine Verkehrsachsen. Wer von A nach B will, muss sich in den tosenden Verkehr stürzen.

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An der Lagoa geht es gemächlicher zu.

Die meisten tun das mit Leihfahrrädern. Größter Anbieter ist das Bike Rio-Programm. In der Stadt soll es 200 Stationen geben, an denen rund 2000 Räder bereit stehen. Mit dem Smartphone registriert man sich und schaltet die Räder frei. Für umgerechnet 2-3 Euro kann man dann einen ganzen Monat beliebig viel die Räder nutzen. Viele Cariocas nutzen das Programm. Auch weil, anders als in Deutschland, laut Statista  belief sich der Fahrradbestand in Deutschland 2014 auf 72 Millionen Stück, lange nicht jeder ein eigenes Fahrrad besitzt. Samba, ein weiterer Verleihdienst, bietet rund 200 Räder an 60 Stationen an. Diese liegen in Copacabana, Ipanema, Leblon, Lagoa, Jardim Botanico, Gávea, Botafogo, Urca, Flamengo und Downtown.

Für sportlich ambitionierte Rennradfahrer gibt es durchaus anspruchsvolle Strecken mit knackigen Steigungen. Eine ist sicher die hinauf zum Vista Chinesa im Nationalpark de Tijuca. Der Ausgangspunkt ist gleich beim Botanischen Garten. Doch Vorsicht: Die abschüssige Strecke ist kurvenreich und auch für Autos zugelassen. Auch hinauf zum Corcovado zur Christo-Statue kann man mit dem Rad hinauf, was auch rege genutzt wird. Hier sieht man durchaus professionelles und teures Equipment. Näheres dazu auch auf dieser Seite.

Wie sicher letztlich Rio für Radfahrer ist, muss wohl jeder selbst entscheiden, die Meinungen gehen weit auseinander. In der Facebook-Gruppe Gringoes.com wurde das Thema dieser Tage heiß diskutiert. Die Reaktionen gingen von “Fahre seit 4 Jahren regelmäßig in der Südzone und bislang ist nie was passiert” bis “Der Verkehr ist dein größter Feind auf dem Rad” und Horrorgeschichten wie Raubüberfällen oder gar erschossenen Radlern.