Fazenda Haras Radachi: Paradies am Ende der Schotterpiste

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Zu einer ordentlichen Farm gehört auch ein Pickup.

Ein Bisschen unruhig werde ich schon, als plötzlich die geteerte Straße aufhört und in einen Schotterweg übergeht. Sind wir hier richtig? Geht das weiter? Gleich wird es dunkel. Das GPS-Signal ist auch weg. Vor einer halben Stunde sind wir bei Itaipava von der letzten großen Straße abgebogen. An der Brauerei ging es rechts nach Secretario und seither auf besseren Feldwegen immer tiefer in den Urwald hinein. Unser Ziel ist die Fazenda Haras Radachi.

Alex, der uns fährt, ist die Ruhe selbst. Bei einem kleinen Laden hält er, fragt einen der dort sitzenden Biertrinker, ob der Weg der Richtige sei. Sie nicken, weisen nach rechts und dann irgendwann wieder links. Okay, scheint alles seine Richtigkeit zu haben. Alex hat uns eine Kollegin von Wiebke empfohlen. Eigentlich ist er Chemiker, arbeitete lange als Verkäufer für Chemieunternehmen. Doch die Krise schmiss ihn aus dem Sattel. Nun fährt er mit seinem Privatwagen für Uber Leute durch die Gegend.

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Hat wasvon der Ponderosa-Ranch.

Und das macht er gut. Er spricht fließend Englisch, ist in Rio aufgewachsen. Dasist schon selten genug. Im zähen Wochenendverkehr auf der Ausfallstraße gen Norden gibt er den Fremdenführer, erklärt, erläutert, beschreibt, gibt Tipps. Jetzt sind wir gut zwei Stunden unterwegs und kurz vor dem Ziel.

Wir machen diesen Ausflug, weil wir in der Nähe unserer Tochter sein wollen. Eine Freundin hatte sie zur Pyjama-Geburtstagsparty eingeladen, nach Itaipava. Das erste mal alleine weg von zu Hause.

Itaipava liegt bei Petropolis. Und Petropolis circa 80-90 Kilometer von Rio entfernt. Normalerweise sollte die Entfernung gut zu machen sein. Doch halb Rio scheint freitags nach Petropolis zu fahren – raus aus der Schwüle der Metropole, hoch in die Kühle der Berge. Außerdem besteht ein nennenswerter Teil der Strecke aus Serpentinen. Schön zum rumkurven. Schlecht, um schnell vorwärts zu kommen.

Nach zehnminütigem Offroadgerumpel kommen wir an einen weißen Zaun. Daran ein Schild: Haras Radachi. Doch das Tor ist zu. Wir öffnen es, fahren die Zufahrt herunter, bis ein bärtiger Mann und eine kleine, schwarzhaarige Frau uns interessiert betrachten.

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Blick von der Veranda.

Das sind Karla und Francisco. Ihnen gehört die Fazenda. Über das Portal Booking.com hatte ich sie gefunden. Wir suchten etwas in der Nähe von Itaipava. In der Nähe ist allerdings relativ. Itaipava hatten wir vor gut 40 Minuten hinter uns gelassen. Alex wird gleich wieder umkehren. Und nach Bus sieht das hier irgendwie nicht aus.

„Andreas?“ fragt Karla vorsichtig. Wir hatten vorab ein paarmal gemailt, als es um die Anzahlung ging. Ihretwegen habe ich das erste Mal eine Überweisung in der Lottobude gemacht. Ich hatte kurz vor der Abfahrt noch eine Mail geschickt, dass wir jetzt losfahren, dazwischen aber keinen Empfang gehabt. „Ich habe Dir drei Mails geschickt!“ sagt sie sorgenvoll. „Hast Du die nicht bekommen?“ Francisco deutet in Richtung eines Lichts oben am Hügel. „Dort müsst ihr hin.“

Das Licht gehörte zu einem Blockhaus mit einer breiten Veranda zum Tal hin. Außen Holz, innen Holz, Sattel neben der Türe, Cowboyhüte als Dekoration, geschnitzte Pferdefiguren – Ella wird es lieben. Mich erinnert es an die Ponderosa Ranch. Das Zimmer ist ähnlich: Holzwände, Bett, Fenster zum Hochschieben. Zwei Zimmerhaben wir, gegenüberliegend, dazwischen unser Bad. Im anderen Zimmer ein Einzelbett und eine Stiege – sie führt hinauf zu einer gemütlichen Schlafkoje. Dort werden Ella und Edgar die zweite Nacht verbringen.

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Küche, Essraum, Wohnzimmer – alles in einem.

Karla und Francisco nehmen uns gleich mit, in die Küche. Ein gemütlicher Raum – rechts die Kochecke, davor die Tische, an denen wir, die anderen Gäste, aber auch Francisco und Karla später das Abendessen zu sich nehmen werden, das Josie gerade im Begriff ist zu zaubern. Hier gibt es keine Speisekarte, kein Wunschkonzert. Hier wird das gegessen, was Josie kocht. Heute gibt es für uns Hühnerfleisch mit Kartoffelpüree überbacken, dazu die obligatorischen schwarzen Bohnen und Reis. Wiebke darf beim Kochen zuschauen und natürlich fragen.

Einen ähnlichen familiären Empfang hatten wir schon einmal erlebt, vor über 10 Jahren bei unserer ersten Reise nach Südafrika. Damals hatten wir die Jamaka-Farm ausfindig gemacht. Jannie und Katrin integrierten uns gleich, nahmen uns mit zum Schulfest. Der Kontakt besteht bis heute. Und hier scheint es ähnlich zu sein.

Irgendwann zwischen 4 und 5 Uhr am Morgen beginnen die Hähne zu krähen. Nicht nur einer, nein 3, 4 oder 5 – so hört es sich an – treten in einen Wettstreit, den all sehr ernst zu nehmen scheinen. Ungewohnt, aber besser als das ständige Brummen der Stadt, die Hupen, die Sirenen das Hundegebell. Wach bin ich aber trotzdem. Kein Wunder, dass ich schon gegen 7 Uhr mit Edgar beginne, die Gegend zu erkunden.

Etliche Tiere zählen wir: Ein Lama, eine Kuh, 4 Pferde und noch mehr Ponys. Fünf Pfaue, Hühner, Enten, Gänse- und natürlich zahlreiche Hunde und Katzen. Ein Hund, Niki, hat es sogar Edgar angetan. Er ist sonst vorsichtig mit Hunden. Aber der alte schwanzlose Haudegen freut sich so darüber, einmal richtig durchgekrault zu werden, dass sogar Edgar seine Zurückhaltung fallen lässt.

Das Problem mit dem Transfer nach Itaipava ist auch gelöst. Francisco bringt uns und haut vor vor gleich einen Taxifahrer nach seiner Visitenkarte an, damit wir später auch wieder zurückfinden.

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Viel Liebe zum Detail.

Auch Ella ist begeistert, als sie nach der Grillparty mit uns zur Ranch kommt. Und Francisco und Karla sind es auch –sie haben Spaß an unserem Wirbelwind, auch wenn die Kommunikation weniger auf sprachlicher Ebene funktioniert. Aber sie funktioniert einwandfrei.

Der Sonntagmorgen ist ohne Programm geplant. Die Kinder flitzen über die Farm, dürfen später sogar auf den Ponys reiten. Inzwischen ist Karlas Tochter mit Freund angereist, ebenso eine Familie aus Rio die, wie sich herausstellt, auch in Botafogo leben. Wir sitzen gemeinsam auf der Veranda, unterhalten uns, die Kinder sausen herum, Josie kocht für alle Lasagne.

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Ruhiger Sonntagvormittag.

Alex kommt wie bestellt um 14Uhr. Die Rechnung können wir nur teilweise bezahlen. Keine Kartenzahlung möglich, hier im Tal kann man kein Signal für das Lesegerät empfangen. Daran hatten wir natürlich nicht gedacht. Wir hatten zwar Bargeld eingesteckt, doch nicht genug. „Ist kein Problem“, sagt Karla. Ich verspreche gleich am nächsten Morgen zur Lottobude zu gehen und den Rest zu überweisen. Ehrensache.

Als wir ins Auto steigen ermahnt uns Francisco: „Meldet Euch, wenn ihr angekommen seid.“ Ja  machen wir. „Und kommt recht bald wieder!“ sagt Karla, während sie jeden von uns herzt. Auch das machen wir. Ganz bestimmt! Und während wir die Schotterpiste entlangrumpeln, überlegen wir schon, wann das sein könnte.