Wie das Sofa in die Guanabara-Bucht kam – Ein Mythos und seine Entstehung

Und täglich grüßt das Sofa. Das Internet vergisst nichts. Darum sollte man ja auch vorsichtig sein, was man so hochlädt, von sich preisgibt, schreibt. Manch Geschriebenes wird so von der Beobachtung zur Nachricht, von der Nachricht zur Informationsquelle, von der Informationsquelle zum Fakt.

Ein hübsches Beispiel hierfür taucht in den letzten Tagen und Wochen immer wieder aus den Untiefen des Internets auf und schafft es bis in die Korrespondentenberichte. Und bis zum Ende der Olympischen Sommerspiele im August wird es noch unzählige Male zitiert werden.

Die Rede ist von einem Sofa, das in der Guanabara-Bucht vor Rio de Janeiro herumschwimmen soll. Immer wieder, wenn sich Berichte mit der schlechten Wasserqualität der Bucht beschäftigen, bzw. diese meist einfach nur als Tatsache hinstellen, dann taucht in den Aufzählungen der herumschwimmenden Gegenstände, die diese These untermauern sollen, neben Kühlschränken, Fäkalien und allerhand Kleinkram ein Sofa auf. Ein Sitzmöbel als Sinnbild für die Umweltverschmutzung Brasiliens.

Ein Sofa! Erst heute titelte das Nachrichtenportal AdHoc-News: „Zwischen Sofas, Fäkalien und toten Tieren: In der Guanabara-Bucht von Rio de Janeiro sollen Wassersportler 2016 um Gold kämpfen„. Die URL dazu war nochetwas griffiger:  Olympia 2016 Rio schwimmt in der Scheiße (http://www.ad-hoc-news.de/olympia-2016-rio-schwimmt-in-der-scheisse–/de/News/35952720)

Anfang  2015 sorgte sich das Fachmagazin Segelreporter, dass sogar die Gefahr bestünde, eines der Boote könnte während der Regatta mit dem Sofa (oder anderen Gegenständen) kollidieren. Kaum ein namhaftes großes Medium, das nicht das Bild des in der Bucht vor sich hin dümpelnden Sofas aufgriff und benutzte: ZEIT, BR, SWR, Spiegel, Der Westen, Focus, Sport1, N-TV. Auch international gefiel das Bild offenbar, etwa den österreichischen Medien Standard und Kurier. Es ist ja auch zu hübsch.

Denn ein Sofa ist ja an sich nichts schlimmes, es sind ja keine Autos, Giftfässer oder Leichenteile, die man ja auch schon in der Bucht gefunden haben soll. Alles staunt, die welt wundert sich über die schrulligen Brasilianer. Was die so alles im Meer verklappen, tss.

Als Frage stellt sich jetzt: Treiben dort tatsächlich so viele Sofas herum, dass jeder der Korrespondenten und Autoren der Texte diese mit eigenen Augen gesehen haben? Dann wäre das ein Umweltskandal allererster Kajüte, klarer Fall. Aber so wird das nicht sein. Denn wohl kaum einer der Verfasser wird vor dem Verfassen der vermeintlichen Nachricht je die Guanabara-Bucht mit eigenen Augen gesehen haben. Und wenn, heißt das noch lange nicht, dass man dann tatsächlich einem schwimmenden Sofa begegnet. Schließlich ist die Bucht ziemlich groß – immerhin 380 Quadratkilometer, wenn sich Wikipedia nicht irrt.

Außerdem ist Rio von Deutschland weit weg und nur die wenigsten Medienhäuser leisten sich heute noch den Luxus eigener Korrespondenten. Wurde zudem irgendeine Quelle zitiert? Nein. Das Sofa schwimmt unverifiziert und unwidersprochen im Raum.

Was bleibt? Klar, man schreibt voneinander ab. Wird ja schon stimmen. So verbreitet sich der Mythos vom Sofa in der Bucht, so wie einst der vom Ungeheuer von Loch Ness. Nicht, dass am Ende noch der Tourismusverband von Rio dahinter steckt.

Meine Googlerecherche in Sachen „Guanabarabucht Sofa“ in der Rubrik News geht bis zurück in das Jahr 2012. Also schon gut vier Jahre schwimmt das Teil vor der Küste Rios herum. Ein SZ-Artikel mit dem Titel „Paradiesische Kloake“ vom 19. Juni im Vorfeld des 20+-Gipfels in Rio beschreibt der langjährige Korrespondent Peter Burghardt die Arbeit der Müllfischer in der Bucht. „Aber Telles stochert vor dem Yachtclub Jurujuba in einer Kloake. Im Köcher hängen Kunststoffbecher, Flaschen, Chips-Tüten, Ölkannen, Fischreste, Präservative und was Leute noch so alles ins Meer werfen. Manchmal findet man auch schwimmende Sofas, Kühlschränke oder Waschmaschinen.“ Es wird jedoch nicht eigdeutig klar, ob er das Möbel tatsächlich mit eigenen Augen sah, oder ob die Aufzählung den Herrn Telles zitiert.

Wer übrigens das Sofa einmal im Bild sehen möchte, dem ist der ZEIT-Artikelartikel „Rio schwimmt in der Scheiße“ vom 20. März 2014 empfohlen. In der Bilderstrecke ist ein Foto von Sergio Moraes/Reuters zu sehen, das tatsächlich ein Sofa zeigt. Am Ufer aber bloß.