Leben in der Megacity (3): Mitschwimmen im Verkehrsgewühl

Wer sich in den Verkehr der Megacity Rio begibt, braucht vor allem eines: Zeit. Viel Zeit. Selbst kurze Distanzen werden zur falschen Tageszeit zur Geduldsprobe. Und die falsche Tageszeit ist fast immer.

Gegen Mittag sollte ich neulich in Barra de Tijuca sein, ca 25 km von Botafogo entfernt. Da wir kein Auto haben (ich bin ja nicht lebensmüde), bleiben nur die öffentlichen Verkehrsmittel.

?

Fährt leider nicht.

Klar, Taxi ginge, wäre aber auch die teuerste Option. Bei optimalem Verkehrsfluss sind da 50-60 Reais weg. Doch da wir diesen Preis auch schon zahlten, als wir eines freitags von Ipanema nach Hause wollten – gerade mal 5 km entfernt – bin ich da sehr vorsichtig geworden. Denn das Auto ist, Taxen eingeschlossen, Verkehrsmittel Nummer 1 in Rio. Der Individualverhkehr bringt die Stadt jeden Tag mehrfach an den Rande des Infarkts. Wo diese ganzen Autos parken sollen, ist mit schleierhaft. Und es ist teuer. In puncto Parkregebühren kann man sich hier mit Deutschland messen. Halbe Stunde für 7 Reais sind normal, etwa 1,70 Euro. Wer hat muss also auch zahlen können.

Eigentlich sollte ja die Metro fahren, so die offizielle Planung. Die Einweihung hätte eigentlich vergangenen November sein sollen (mit dem Stargast Klaus Wowereit,höhö, Scherz!). Doch wie das so ist bei Infrastrukturgroßprojekten. Zum avisierten Zeitpunkt wird das, auch in Brasilien, eigentlich nie was. Denke, wir können froh sein, wenn die Metro tatsächlich zu Beginn der Jogos im August, ihre Arbeit aufnehmen sollte. Doch angesichts der ganzen Probleme in der Stadt (einstürzende Radwege) ist das alles andere als sicher.

Eine Möglichkeit wäre deshalb: Metro bis Haltestelle General Osório und dann von dort ein Taxi nehmen. Zeitgewinn: ungewiss, wenn überhaupt. Kosten: Weniger? Kann man auch nicht sagen.

An sich ist die Metro für deutsche Verhältnisse günstig. 4,10 Reais kostet die Fahrt – egal, wie weit man fährt. Von den Endhaltestellen Pavuna oder Uruguaí bis General Osório bekommt man so relativ viel für das Geld: 50 Minuten Fahrt. Das selbe zahlt auch, wer nur die eine Stadion. von Botafogo nach Flamengo fahren will.

Metro für viele unerschwinglich

?

Modern, sicher, schnell aber teuer: die Metro.

Unschlagbarer Vorteil: Gerade zu Stoßzeiten ist die Metro zwar voll aber nie überfüllt. Und: sie fährt unter den Staus her.
Es gibt keine Tarifzonen wie in Deutschland. Die Metro hat jedoch einen Nachteil. Sie hat nur zwei Linien. Das reicht natürlich nicht, um die Riesenstadt Rio auch nur annäherend zu erschließen. Mehr wird es auch auf absehbare Zeit nicht werden – kein Geld. An manchen Haltestellen werden so genannte schnellere Metrobusse als Zubringer eingesetzt, etwa von Botafogo in Richtung Lagoa. Die halten nicht an jedem Papierkorb, müssen aber auch über die Straßen. Zudem: 4,10 Reais hin, 4,10 Reais zurück, macht bei 5 bzw. 6 Arbeitstagen (gerade hier im Einzelhandel üblich) gut 40 bzw.knapp 50 Reais die Woche und zwischen 160 und 200 Reais im Monat (1 Euro = ca. 4 Reais). Bei einem Mindestlohn von 800 Reais im Monat ist das für viele unerschwinglich. Gerade für die, die im Niedriglohnsektor arbeiten, aus den Randzonen des Nordens kommen und auf Zubringerbusse angewiesen sind.

Dann nehmen sie doch lieber gleich den Bus. Das Tarifsystem der Busse ist ähnlich übersichtlich. Eine Busfahrt kostet 3,80 Reais – egal, wie weit man fährt. Da macht sich der kleine Preisunterschied zur Metro bezahlt. Zudem sind die Busse das einzige Verkehrsmittel, dass die Stadt in ihrer Gänze erschließt. Nachteil: Auch Busse bewegen sich auf den Straßen, sind somit dem Verkehr ausgeliefert. Mal sehen, wie sich das entwickelt, wenn zu Olympia etwa Richtung Barra Schnellbusse mit entsprechenden Fahrspuren eingerichtet werden sollen.

Eine Busfahrt aus dem Norden der Stadt in die Südzone kann schnell eine, zwei Stunden dauern. Eine Strapaze, die dennoch viele Pendler auf sich nehmen müssen. Sie arbeiten in den Geschäften, als Porteiros in den Wohnhäusern oder als Kindermädchen oder Empregada. Verständlich, dass letztere daran interessiert sind, möglichst ganze Tage oder gleich mehrere Tage am Stück bei der Familie zu sein. Auch deshalb gibt es nach wie vor in diesem Wohnungen einen Empregada-Bereich, meist neben der Küche mit eigenem Bad und einer kleinen Kammer.

Entscheidung für den Bus

Ich entschied mich für den Bus nach Barra. Um 10 Uhr machte ich mich auf den Weg. Der große Verkehr müsste durch sein, etwas Zeitpuffer eingeplant. Nur welche Linie nehme ich? Einen Fahrplan mag es vielleicht geben. Doch niemand kennt ihn und einsehbar ist er auch nirgends. Wer darauf hofft, an der Haltestelle einen Plan mit Liniennummern und Abfahrtzeiten zu finden, der sucht vergebens.

Die meisten Leute scheinen einfach den für ihre tägliche Tour relevanten Bus zu kennen. Sie stehen an den Haltestellen, recken angestrengt die Hälse, halten Ausschau. Dabei muss man konzentriert sein. Alle zwei Minuten kommt ein Bus angedonnert. Die Busnummer wird mal unten, mal oben angezeigt. Manchmal auch gar nicht. Dann steht dort nur der Endhaltepunkt. Oft wechselt die Anzeige, werden Haltepunkte entlang der Strecke angezeigt. Das ist beispielsweise beim Botanischen Garten so. Blinkt gerade eine andere auf, die einem vielleicht nichts sagt, oder man bringt sie nicht in Verbindung mit der Liniennummer – der Bus rauscht durch.

Knallt der Bus heran und will man mitfahren hilft nur eines: Arm raus und winken. Nur nicht zu zaghaft. Besser so, als würde man beim Museumsuferfest auf 20 Meter Entfernung einen alten Bekannten entdecken. Dann hat man auch eine Chance, vom Busfahrer wahrgenommen zu werden. Gelingt das nicht: ruhig Blut, der nächste Bus kommt sicher bald.

Meine Linie ist die 548. Das hatte ich mir vorher sicherheitshalber aufgeschrieben. Ich steige an der Metrostation ein, dem Endpunkt. Sicher ist sicher. Die 3,80 gebe ich dem Fahrer. Ich hatte das Geld vorher abgezählt. Man kennt ja das Gemaule aus Deutschland, wenn man mal mit einem 10- oder 20-Euro-Schein zahlen möchte.

Dahinter kommen zwei Drehkreuze. Eines für Karteninhaber, eines für Barzahler, wie ich kurz drauf feststelle. Natürlich wähle ich instinktiv zunächst den falschen Weg und prelle mir leicht den Unterleib. Selbst Schuld.

Wie sicher ist die Fahrt mit dem Bus?

20160419_133905Im Buch „Ein Jahr in Rio“ von Frauke Niemeyer beschreibt sie eine Busfahrt, auf der plötzlich ein paar Jungs einsteigen, die Fahrgäste mit Waffen bedrohen und ausrauben. Die Stelle hat mich nachhaltig beeindruckt. Wohl auch deshalb habe ich Busse bisher eher gemieden. Diese Geschichte im Hinterkopf versuche ich herauszufinden, welcher Sitzplatz in einer solchen Situation der taktisch klügste wäre, zumal die Fahrt auch durch die Communidade Rocinha führen wird.

Gleich beim Fahrer? Dort versperrt das Drehkreuz die Flucht nach vorne. Man wäre als erster fällig. Aber vielleicht würde der Fahrer helfen…Ach, vergiss das. Der rettet seine Haut und nimmt die Beine in die Hand. Ganz hinten? Gleich bei der Ausstiegstüre zwar, aber wäre man dort nicht noch ausgelieferter? Moment: gibt es diese Steigerungsform überhaupt. Ausgeliefert sein klingt doch schon recht endgültig.

Ich beschließe, dass es keinen Unterschied macht, und setze mich in die vordere Hälfte, dritte Reihe auf der Fahrerseite. Bei jedem Stop schaue ich genau, wer zusteigt. Je näher wir der Rocinha kommen, desto nervöser rutsche ich von einer Pobacke auf die andere. Rucksack unter den Sitz? Geldbörse in die Gesäßtasche. 30 Reais lose in der Hosentasche. Zum Glück ist Stau und ich kann noch an meiner Taktik feilen.

Dass ich über die ganze Nachdenkerei beinahe übersehen hätte, dass die Rocinha längst hinter uns liegt, bemerkte ich erst, als der Atlantik links auftaucht. Da kommen auch schon die ersten Hochhäuser.

Angekommen nach 1 Stunde 15

Barra. Refugium des neuen brasilianischen Mittelstands. Von vielen auch liebevoll Miami Brasiliens genannt. Frisch gebaute Wohnblocks, Shoppingmalls nach amerikanischem Vorbild, ein breiter weißer Strand und – jede Menge Baustellen. Wir kommen auch nicht so richtig voran. Auf der sechsspurigen Einfallstraße sieht alles ziemlich gleich aus. Fastfood-Restaurants reihen sich an Malls reihen sich an Autohäuser, Möbelgeschäfte, alles im gehobenen Segment. Links dahinter die Wohnblöcke, rechts dahinter die Lagune – in der die Zivilisation in Form von Plastikflaschen und –tüten auch längst angekommen ist.

Avenida das Americanas 500 – die Adresse des Barra-Shoppingcenters. Hier muss ich raus, hatte ich mir vorher rausgesucht. Ich suche den Druckkopf für den Haltewunsch. Gibt es nicht. Dafür eine Reißleine. Ich ziehe zu zögerlich, ein anderer Fahrgast hat mehr Courage, er kennt das auch sicher schon. Ist ja Wurscht. Um 11.15 Uhr betrete ich Neuland, Barra de Tijuca. Auf der gegenüberliegenden Seite erkenne ich den architektonisch interessanten Bau des Brasilianischen Olympischen Komittees. Ich bin fast am Ziel. Noch über die sechsspurige Straße und die Gleisbaustelle. Da.

Kurz warten. Denn gleich geht es weiter. Nach Deodoro, einem der Austragungsorte der Spiele. Dort wird unter anderem geritten und gemountainbiked. Eingeplanter Zeitpuffer für die Fahrt dorthin. 2 Stunden. Eine öffentliche Busverbindung dort hinüber gibt es nicht. Deodoro liegt am Nordrand Rios. Wir werden einen Van nehmen.

Ich hatte nach einer anderen Verbindung dorthin geforscht. Metro bis Endpunkt Pavona hatte ich gefunden. Danach noch gut 40 Minuten – mit dem Taxi. Gesamtfahrzeit ohne Staus: 1,5 Stunden. In Rios Verkehr baucht man Zeit, viel Zeit.