Jeito: Nicht fragen wie, Hauptsache es klappt

Jeito, das bedeutet auf Brasilianisch so viel wie Weg. Nicht im engen verkehrstechnischen Sinn, wie kleine Straße. Sondern im übertragenen, als Lösung oder Ausweg aus einer aussichtslos erscheinenden Situation, weshalb eine Übersetzung mit Geschick passender ist. Wenn die Brasilianer in irgendetwas Weltmeister sind, dann darin: Sich plötzlich im alltäglichen Leben auftürmende Probleme  mehr oder weniger elegant zu umdribbeln, um doch noch irgendwie vorwärts oder ans Ziel zu kommen. Eine gute Portion Pragmatismus gehört sicher dazu. Denn was zählt ist das Ergebnis. Niemand möchte ernsthaft wissen, wie ein jeito zustande gekommen ist.

Nutznießer eines solchen jeitos wurden Edgar und ich auch am Samstag. Wir waren zum Einkaufen, hatten uns extra für den Großeinkauf den großen Prezunic eingekauft.Vorräte auffrischen und danach schön den ganzen Kram nach Hause liefern lassen. Soweit der Plan. An der Kasse, ich habe gerade das Band vollgeladen, frage ich, ob jemand da sei, um später zu liefern. Die Kassiererin schüttelt den Kopf. „Heute nicht, ist doch Feiertagwochenende.“ Wie? Der Feiertag war Donnerstag. Wieso kann dann heute niemand liefern? Der Laden ist doch auch auf?

Doch nützt nichts. Der Kram liegt auf dem Band. Hinter mir warten Leute. Außerdem brauchen wir das Zeug. Also Plan B. Der lautet: Wir nehmen ein Taxi. Doch der Prezunic liegt ungünstig am Friedhof. Verkehr gibt es hier auch, hierher kommt alles aus Richtung Copacabana, aber beim Rausschauen bemerke ich kaum Taxen. Naja, wird schon gehen. Irgend eine Wahl? Nö. Also.

Träger? Heute nicht wegen Feiertag

Edgar wirkt nervös. Was machen wir jetzt? Er wollte doch noch zu einem Kiosk, um nach Pokemon-Karten zu suchen. Das wäre damit passé. Wir laden erstmal die Einkäufe ein. Der Wagen ist voll. 12-13 Tüten. Laufen und schleppen fällt definitiv aus.

Wir rollen die Rampe vor dem Supermarkt hinunter. Der Markt liegt an der Ecke. Ich überlege, welche Straße ich auswählen soll, um mein Glück zu versuchen. Ein Mann im weißen Kittel scheint meine missliche Situation zu ahnen.

„Was haben Sie vor?“

„Taxi nehmen.“

„Sie brauchen einen Fahrer.“

Blitzmerker.

„Hier, dieser Herr bringt sie“, und er deutet auf einen tiefergelegten, zerbeutlen, mattschwarzen Kleinwagen. Ich konnte gar nicht genau erkennen, was es war. Eine Art Polo. Doch den meinte er sicher nicht.

„Gut, nehme ich, wo ist der Wagen.“

„Dort“. Wieder der schwarze Eimer. Auf dem Beifahrersitz lümmelte ein Teenager, knatschte breit einen Kaugummi und inspizierte aufreizend gelangweilt die Fingernägel. In dem Moment öffnete ein drahtiger Glatzkopf mit kunstvoll rasiertem Bart – Typ Aushilfslude – den Kofferraum und begann Platz zu schaffen.

Einkäufe hinter den Lautsprechern

„Wer, er hier?“ Ich deutete auf ihn.

Er winkte ihn heran. „Wohin soll es gehen?“

„Rua 19 de Fevereiro“, um nicht als völliges Opfer dazustehen, versuchte ich das R in Fevereiro möglichst cariocamäßig zu flappen – was auch erfreulich gut gelang. Die Zunge war locker.

„Ich fahr‘ den Kram für 20 Reais.“

Kann man nicht meckern, hätte das Taxi auch gekostet. Ich grüble dennoch. Wenn der Typ jetzt meine Einkäufe einlädt und wir zurück laufen, kommt garantiert nichts an, denke ich.

Doch zu spät. Der beginnt schon die Tüten unter die selbstgeschreinerten Riesenlautsprecher im Kofferraum zu stopfen. Dort ist maximal anderthalb Hand breit Platz. Aber irgendwie geht es. Und nu?

?

Alles da für den Großeinkauf. Nur niemand, der einem das fortschafft.

Er geht zur hinteren Beifahrertür (heißt die so? Also hinter dem Beifahrer die) und öffnet sie. „Einsteigen Edgar“, sage ich freudig, um mir meine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen. „Wir fahren da mit?“ fragt Edgar nochmal ungläubig. „Besserschlecht gefahren als gut gelaufen, mein Sohn“, sage ich jovial und schiebe ihn hinein.  Anschnallen ist nicht. Ist bei einem Taxi aber auch nicht garantiert. Ich halte Edgar fest und flüstere ihm ins Ohr: „Na, das ist ja ein Abenteuer, was?“

Wir scheppern munter die Straßen entlang. Den missmutigen Teenager stellt mit der Chauffeur als seine Tochter vor. Den Rest der Fahrt streiten sie sich. Nach gut 10 Minuten sind wir da. Ich muss durch das geöffnete Fenster greifen, um die Tür von außen zu öffnen. Er hilft noch schnell, die Tüten hinter den Zaun zu tragen. Dann drücke ich ihm den Zwanni in die Hand und er ist weg.

So, Abenteuer überlebt, jetzt nur noch den Kram in den 8. Stock bringen. Zum Glück gibt es am Parkdeck einen Einkaufswagen. Der ist festgekettet. Man braucht dazu einen der drei Schlüssel, die zum Haus gehören. Edgar ist noch ein wenig auf Adrenalin. Er flitzt aufgeregt hin und her und ist noch etwas aufgeregter, als mein Schlüssel nach Freigabe des Wagens steckenbleiben muss. Unser Schlüssel ist weg!

Jeito übersetzt: Et hätt noch immer jot jejange

Ich beruhige ihn, schnappe den Wagen, flitze vor, lade alles ein und brettere zum Aufzug. Wer weiß, ob man den Schlüssel nicht doch rausbekäme. Deshalb so schnell wie möglich die Karre ausladen, zurückbringen, freilösen.

Keine Ahnung, übrigens, ob der Kerl im Kittel ein halbwegs offizieller des Supermarktes war, oder ob er seinem Kumpel mit der etwas helfen wollte. Jedenfalls, irgendwie haben wir trotz Feiertagspersonallücke bei den Trägern einen Weg gefunden, der allen irgendwie weiterhilft. Am Ende mag man sich auch nicht die ganzen Wenns und Abers ausmalen, es hat funktioniert. Und was das angeht, ist der Brasilianer ganz nah auch am Rheinländer: Et hätt noch immer jot jejange.