Niteroi: Der Caminho Niemeyer – Attraktion im Dornröschenschlaf

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Rampen gehören zu den Gebäuden Niemeyers.

Die Stadt Niteroi liegt gegenüber von Rio de Janeiro an der Guanabarabucht. 500.000 Einwohner zählt sie. Doch hätte ihr vor 20 Jahren der brasilianische Stararchitekt Oscar Niemeyer das MAC, Museu de Arte Contemporânea de Niterói, pittoresk auf einen Felsen gegenüber dem Zuckerhut vermacht – Niteroi würde ein ähnliches Schattendasein fristen wie beispielsweise Leverkusen neben Köln.

Doch das MAC, das die Titelseite jedes zweiten Architekturführers über Brasilien ziert, wollten wir schon sehen. Also den Brückentag nach Tiradentes genutzt und mit der Fähre (Fahrpreis 5,60 Reais, Abfahrt Praca XV (quinze, gesprochen: Prassa Kinzi) im 20-Minuten-Takt. Hübscher Blick auf Rio inklusive – auch wenn die Fähre kein Sonnendeck hat, von dem aus man sicher tolle Fotos hätte machen können.

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Das Teatro wirkt etwas verlassen.

Wer vom Architekten Oscar Niemeyer bislang noch nichts gehört haben sollte, hier ein paar Eckdaten: Geboren am 15. Dezember1907, gestorben 5. Dezember 2012 (hoer begraben), gilt in der Architektur als einer der Schlüsselfiguren der Moderne. Den deutschen Nachnamen hatte er von seiner Großmutter, deren Wurzeln in Hannover lagen. Niemeyers Hauptwerk dürfte er Entwurf für die öffentlichen Gebäude der brasilianischen Hauptstadt Brasilia (1960) gewesen sein, die er auf Bitten des damaligen Staatspräsidenten Juscelino Kubitschek entwarf. Mit anderen Architekten entwarf er gemeinsam das Hauptquartier der UN in NewYork, oder das große Wohngebäude Copan mit mehr als 1160 Wohnungen.

Dass jemand von diesem Kaliber einer Stadt wie Niteroi ein solches Geschenk machte, ist für die Stadt ein Segen. Überrascht waren wir, dass es auf der anderen Seite der Bucht noch eine ganze Reihe von Niemeyer-Werken zu bewundern gibt, zusammengefasst im Caminho Niemeyer, dem kleinen Spazierweg.

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Restaurants gehören auch zum Konzept. Kann man hier was trinken?

Entweder steht davon nichts in den Reiseführern, die wir benutzen – und das sind einige – oder wir hatten es schlicht überlesen. Drum sind wir überrascht, als uns am Ausgang des Fährterminals die braunen Hinweisschilder ins Auge fallen. Sie deuten nach links.

Noch überraschter sind wir, als uns die Schilder zunächst ganz durch das Hauptgebäude des Busbahnhofs lotsen. Kurz drauf stehen wir am Pausenparkplatz der Linienbusse. Ein paar Männer kehren lustlos vor sich hin. Von  Niemeyer ist hier nichts zu sehen. Oder, halt, Moment, doch –da hinten rechts ist wieder ein Schild. Oh, wir scheinen schon da zu sein. Wir stehen vor einem Gelände, das an eine Mischung aus Parkplatz und stillgelegtem Militärflugplatz erinnert. Eine Art Sicherheitsschleuse verhindert die Einfahrt.

Das rechts ist das Besucherzentrum? Hm, wir gehen hinein. Zwei Damen begrüßen zeigen uns erst einmal einen achtminütigen Imagefilm über Niteroi. Wir sind die einzigen Touristen. Eine der beiden Damen – ihnen scheint auch etwas langweilig zu sein – bietet an, uns über das Gelände zu führen. Zunächst zum Teatro Popular.

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Klare Linien.

Das Theater wird tatsächlich als solches genutzt, auch wenn es noch unfertig ist. Das Innere ist in den Landesfarben Brasiliens, gelb und grün, gehalten. Das Blau, ebenfalls Teil der Flagge, kommt vom Meer. Wir müssen das so glauben, denn hinein dürfen wir nicht. Die Türen sind mit Brettern vernagelt.

Niemeyers Konzept sieht vor, bei jedem Kulturgebäude – ob Theater oder Museum – ein Restaurant zu integrieren, damit die Kunst mal Pause hat. Eine Theke sehen wir auch, ein Mann sitzt dahinter. Trotzdem sieht es sehr verlassen aus. Ob man hier jetzt etwas trinken könnte? Das Gebäude mit dem eingedrückten, runden Dach wirkt erhaben und verloren zugleich.

Zwei weitere Gebäude, Kuppelbauten mit dem Charme von Munitionsbunkern, sind leider nicht zugänglich. Die Bibliothek sollte eigentlich geöffnet sein – Montag bis Freitag, 9-17 Uhr. Es ist Freitag, 10 Uhr, die Tür ist verrammelt. Muss wohl am Brückentag liegen.

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Praça Juscelino Kubitschek.

Neben dem Besucherpavillon bemerke ich eine zeltähnliche Konstruktion. Darin Bänke, ein Altar, eine Figur von Papst Johannes Paul II. Ein Provisorium. Wie das Ganze hier. Daneben ein Bauschild. Darauf wir der Bau der Kathedrale zu Ehren Johannes Pauls II. angekündigt. Baubeginn war schon. 50 Meter bemerkt man Baubewegungen. „In fünf Jahren soll die Kathedrale fertig sein“, sagt sie Führerin. Wenn alles gut läuft. Bis dahin müssen die vier, fünf Leutchen, die im Schatten sitzen, noch einige Rosenkränze beten. Und die Leute fleißig spenden. Platz für 5000 Menschen soll sie bieten. Entworfen, klar, von Oscar Niemeyer. Beinahe hätten wir das übersehen.

Schade, aber ein wenig symptomatisch für den ganzen Caminho. Die Highlights sind verschlossen, es gibt kaum Infomaterial. Darum verirrt sich auch kaum jemand hierher.

Dann mal auf zum MAC – so bekannt wie das ist, sollte es dort doch eine professionellere Infrastruktur bieten. Zu Fuß vorbei an einer von Niemeyer entworfenen kleinen Parkanlage, der Praça Juscelino Kubitschek, kapitulieren wir vor dem Fußweg – es fehlen irgendwie Schilder. Ein Taxi bringt uns in Nullkommanix hin.

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Pittoreske Lage hat das MAC.

Drei Guides fangen die Besucher ab. „Das Museum ist gerade geschlossen, es wird wegen des 20-jährigen Geburtstags in diesem Jahr, renoviert. Aber Shop und Restaurant sind geöffnet.“ Macht nichts, wir sind ohnehin eher wegen der Architektur gekommen. Der Blickwinkel auf das Ufo ist begrenzt, der Weg ist vorgegeben, weil abgesperrt. Die Rampe, eigentlich rot, zurzeit grau, ist nicht begehbar. Der Tümpel, aus dem das pilzartige Gebäude zu wachsen scheint, ist trockengelegt. Er wird abgedichtet. Bleibt die Frontalperspektive. Man muss sich nur die Mülltonnen und das herumliegende Baumaterial wegdenken.

Das von dem brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer mit Hilfe des Ingenieurs Bruno Contarini entworfene Gebäude wurde 1996 nach fünfjähriger Bauzeit fertiggestellt. Direkt an der Küste oberhalb eines Felsens steht die zylindrische, neun Meter im Durchmesser fassende Basis in einem ebenfalls zylindrischen Wasserbecken. Das darauf ruhende eigentliche Gebäude hat eine Höhe von 16 m und einen Durchmesser von 50 m und erinnert mit seiner Form an den Fuß eines Atompilzes oder an ein UFO. Zum Eingangsbereich im ersten Stock des Gebäudes schlängelt sich eine große Rampe mit rotem Bodenbelag. Das insgesamt vier Stockwerke hohe und 2.500 qm Platz bietende Museum ist ausgestattet mit Ausstellungsflächen und Galerien, aber auch mit einem Restaurant und einem Hörsaal. Die im Winkel von 40° angebrachten Fenster bieten einen Blick auf Rio de Janeiro, dessen Wahrzeichen den Zuckerhut, sowie auf die Bucht von Guanabara und Niterói selbst.

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Das Café hat was.

Also mal rein in den Shop. Wobei Shop ist leicht übertrieben. Man kommt eine Treppe herunter und steht vor einem Tapeziertisch. Auf dem Tisch ein paar Posterprints und Bücher über Architektur (kaum was über Niemeyer). Der Shop hat mich, ehrlich gesagt, ein wenig schockiert. Wenn man bedenkt, dass das Museum wirklich bekannt ist, sollte doch eine touristische Infrastruktur vorhanden sein. Da ist echt noch Luft nach oben.

Das Café dagegen hat Charme. Elegant modernistisch sachlich eingerichtet, aus den Lautsprechern perlt weicher Bossa Nova. Das passt einfach. Für das Innere des Museums, die Ausstellung, müssen wir eben nochmal wiederkommen. Auch, um zu sehen, wie das frisch restaurierte Museum ausschaut.

Den Rückweg zur Fähre nehmen wir zu Fuß. Im langsam abkühlenden Abendlicht bietet sich ein tolles Panorama von Rio. Wir kommen gerade rechtzeitig, als einer der zahlreichen Angler einen stacheligen Fisch aus dem ziemlich siffigen Wasser zieht. Ob er den Fisch esse? fagte ich ihn. „Nein“, lacht er. Wenn ich frischen Fisch essen will, gehe ich rüber zum Fischmarkt. Das Angeln hier ist nur zum Spaß, die Fische aus der Bucht sollte man nicht essen.“ Zu dreckig ist das Wasser. In vier Monaten sollen dort die olympischen Segelregatten stattfinden.

Hinweisschilder auf den Caminho Niemeyer finden wir auf dem ganzen Rückweg übrigens nicht. Schade eigentlich, denn mit diesem Pfund könnte Niteroi durchaus wuchern, zumal die Stadt sonst auf den ersten Blick nicht viel Touristisches zu bieten zu haben scheint. Ist halt mehr so Leverkusen.