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Leben in der Megacity (2): Thema Sicherheit

Das Thema Sicherheit ist immer eines, wenn man nach Brasilien reist. Egal, ob für 3 Wochen oder 3 Jahre. Und es ist ein Aspekt, der unser Leben in der Megacity sicherlich ein Stück weit beeinflusst und prägt. Wie es sich lebt in einer Stadt, die als eine der gefährlichsten der Welt gilt (statistisch gesehen) beschreiben wir hier. Keine Sorge, es gibt keinen konkreten Anlass unsererseits. Das bleibt auch hoffentlich so. Und ein paar Tipps habe ich auch noch gesammelt.

Anfangs hatte ich schon etwas Schiss. Denn sucht man Infos über Rio, stößt man sehr schnell auf das Thema Gewalt und Kriminalität. Von unvorstellbaren knappen 60.000 Morden berichtete der Latin American Herald Tribune dieser Tage, das entspricht einer Quote von 29,1 Tote auf 100.000 Einwohner. Diese Zahlen, aus dem Jahr 2014, verglichen mit den Zahlen aus Deutschland (298 Morde absolut) des gleichen Zeitraums zeigen: Hier scheint ein anderer Wind zu wehen. Gottogott, kann man sich da so einfach vor die Türe wagen? Um es kurz zu sagen: man kann. Aber man sollte dennoch nie unaufmerksam sein.

Das Thema Kriminalität ist auch schnell Thema, wenn man sich mit Leuten unterhält. Etwa, wenn es darum geht, ob man welche Wanderung mit Kindern machen kann oder nicht. Fast jedes Mal wird man auf die Gefahr möglicher Überfälle hingewiesen. Gewalt und Kriminalität, das scheint so eng verbunden mit Rio zu sein wie Strand, Sonne, Caipirinha. Ich bin weit davon entfernt das hier beschwichtigen oder kleinreden zu wollen. Objektiv ist die Gefahr sicher vorhanden – wie fast überall auf der Welt.

Aber hin und wieder kommt es mir so vor, als gehöre es dazu, die potenzielle Bedrohung eines Überfalls explizit nochmal aufzuwärmen, auch wenn dazu kein konkreter Anlass zu bestehen scheint. Es hat was von Abenteuer und Lagerfeuer, wenn man beim Dosenbier zusammensitzt und nur  mit Wahrscheinlichkeiten und Plausibilitäten hantiert. Das hat manchmal was von Jägerlatein. Jeder scheint jemanden zu kennen, der jemanden kennt, dessen Kumpel…usw. Witzigerweise ist noch keinem, den ich bislang gesprochen habe, ernsthaft etwas zugestoßen.

Klischees hin oder her – Sicherheit und Prävention sind trotzdem ein wichtiges Thema. Wiebke musste deshalb im Herbst extra zum Sicherheitsseminar. Das beginnt in den Wohnhäusern. Wer in ein Haus hinein will, landet ziemlich sicher zunächst an einem hohen und stabilen Zaun und einer Gegensprechanlage. Ein Porteiro, meist ist die Pforte rund um die Uhr besetzt, fragte, zu wem man möchten. Danach fragt dieser nach -–ist überhaupt jemand da, kennt er die Person, erwartet er tatsächlich eine Lieferung? Erst, wenn es von oben heißt „pode subir“, kann hochkommen, drückt der Porteiro auf den Öffner. Handwerker, Techniker, etc. müssen sich ausweisen, werden registriert und erhalten einen Besucherausweis. Anschließend können die Porteiros über Überwachungskameras jeden Schritt kontrollieren.

In unserem Condominio kommt noch ein weiteres Sicherheitsmerkmal hinzu: der Fingerabdruck. Sowohl Wiebke als auch ich wurden kurz nach dem Einzug von der Hausverwaltung gebeten, die Abdrücke der Daumen und der Zeigefinger zu hinterlegen. In erster Linie für die Außentüre. Dort findet sich ein Fingerscanner, falls einmal der Porteiro nicht am Platz sein sollte.

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Touristische Hotspots sind bei Taschendieben beliebt. Also Obacht!

Hohe, massive Zäune gehören hier zum Straßenbild. Mindestens genauso die Überwachungskameras. Kaum ein Winkel des öffentlichen Raumes, kaum ein Eingangsbereich, der nicht im Fokus einer oder meist mehrerer Kameras steht. Wahrscheinlich wurden unsere Bewegungen seit der Ankunft annähernd lückenlos dokumentiert. Kommt man aus Deutschland fällt einem das auf. Und ich frage mich schon: alles nur Attrappen, wer speichert welche Bilder wie lange und was würde passieren, würde man tatsächlich einmal im Blickfeld einer Überwachungskamera überfallen? Wahrscheinlich nichts.

Denn die meisten dieser Vorkehrungen setzen auf das Abschreckungsprinzip. Jede Bankfiliale ist gespickt mit Überwachungskameras. Beim ersten Bankbesuch, einer kleinen Caixa-Filiale, waren mir sofort fünf Kameras im Vorraum mit den Geldautomaten aufgefallen. Beim Blick hinter die Glaswand in den eigentlichen Schalterraum weitere mindestens vier.

In der Filiale der Bank, bei der ich unsere Barvorräte aufzufrischen pflege, steht neben den Geldautomaten stets ein schwerbewaffnetter Sicherheitsmensch in Uniform. Hinter der Glasscheibe zum Schalterraum ein weiterer. Und diese Bank ist keinesfalls eine Ausnahme. Auch in Läden sieht man uniformierte Hilfssherrifs.

Auffällig sind die Sicherheitsbemühungen auch im öffentlichen Raum. An neuralgischen Punkten, beliebten Strandabschnitten, sieht man regelmäßig Polizei oder Militärpolizei. In Straßeneinmündungen, die in eine der 1000 Favelas führen, parkt meist ein Streifenwagen, das Blinklicht eingeschaltet. Die Cops stehen in der Regel daneben und unterhalten sich angeregt. Auch hier das Signal: Alles im Griff, wir sorgen für Ruhe und Ordnung. Was 50 Meter hinter ihnen im Innern der Favela passiert? Ich vermute davon würden sie im Zweifelsfalle nichts mitbekommen wollen.

Das sieht nach enormen Kraftanstrengungen aus, Sicherheit zu suggerieren. Gerade und vor allem im Vorfeld der Olympischen Spiele in vier Monaten. Zika hat die Weltöffentlichkeit bereits genug verunsichert, die aktuelle politische Krise macht ebenfalls vorsichtig. Ob und wie diese Anstrengungen aufrecht erhalten werden können, wenn Rio Ende September  erst einmal wieder aus dem Scheinwerferlicht verschwindet – das wird sich zeigen.

Vorsicht vor der Polizei!

Die Polizei, dein Freund und Helfer? Das mag in Deutschland überwiegend so sein (in manchen Gegenden wäre ich auch dort kritisch) – in Rio de Janeiro ist das definitiv nicht der Fall. „Haltet Euch von der Polizei fern“, war einer der ersten Tipps, die uns ein Einheimischer gab. Würden wir bestohlen, sollten wir das als Lehrgeld verbuchen, aber auf keinen Fall versuchen, den Diebstahl aktenkundig zu machen. Es würde ein unendlicher Bürokratievorgang in Gang gesetzt, der viel Zeit verschlänge, aber zu nichts führe.

Am Ende könnte es sogar sein, dass man noch irgendwelche ominösen Gebühren entrichten müsse. Ist das Handy weg, ist es weg. Das sollte man sportlich sehen. Aber wie sagte ein  Reiseführer, der seit 17Jahren in Rio lebt und arbeitet: Zwei Drittel der Leute, die Opfer eines Taschendiebs oder Raubüberfalls werden, werden dies am Tag der Ankunft. In anderen europäischen Touristenhochburgen oder auf Weihnachts- und Jahrmärkten ist das aber kaum anders.

Ebenfalls sei es keinesfalls ratsam, so der Einheimische, im Falle eines Verkehrsunfalls eine große Diskussion vom Zaun zu brechen (s.o.).

Ohnehin: Trotz der enormen Mordrate der Stadt und ganz Brasiliens – die allermeisten Fälle spielen sich im Milieu ab – Banden- und Drogenkriege; untereinander, oder mit der Polizei und Militär, kann man sich in Rio, vor allem in der Südzone und an den Touristenpunkten im Centro, frei und sicher bewegen. Inzwischen bilde ich mir ein, einen wachsamen und umsichtigen Blick zu haben. Ich nehme Situationen ganz anders wahr, beobachte auch stets, was um mich herum passiert, schaue mir die Leute, die mir entgegenkommen an.

Das mag jetzt schon fast bedrohlich klingen. Das ist es nicht. Im Grunde verhalte ich mich so, wie ich es auch stets sonst auf Reise tue: defensiv beobachtend und möglichst selbstbewusst: Wer von vorn herein herumschleicht wie ein Opfer, der wird auch eines.

Man sollte nur gesunden Menschenverstand walten lassen, aufmerksam sein und die Dinge beachten, auf die das Auswärtige Amt (http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Laenderinformationen/00-SiHi/Nodes/BrasilienSicherheit_node.html) und einschlägige Reiseportale seit jeher hinweisen.

  • Keinen Schmuck, teure Uhren oder teure Markenklamotten tragen
  • Fotoapparat, vor allem nicht die neue Spiegelreflex, um den Hals baumeln lassen
  • Nur soviel mitnehmen an Bargeld, wie man braucht.
  • Pass in der Wohnung, im Hotelzimmer lassen oder an einem anderensicheren Ort
  • Kopien von Pässen und Dokumenten vorher machen und in der Cloud speichern. Google Drive, iCloud, Dropbox – jeder wie er will.
  • Kreditkarte nicht beim PIN aufbewahren
  • Immer 50 Reais lose in der Hosentasche stecken haben, die kann man im Falle eines Überfalls schnell herausgeben. Manchmal reicht das schon
  • Auf der Reise nicht das neueste iPhone benutzen
  • Rucksäcke sind zwar auch hier zu sehen, fallen aber dennoch auf. Könnte etwas wertvolles drin sein. Besser eine Plastiktüre oder Beutel verwenden.
  • Abends am Strand von Copacabana und kaum Menschen in der Nähe? Keine gute Idee
  • An Feiertagen und sonntags das Centro meiden. Es ist dann menschenleer
  • An den Strand nicht mehr mitnehmen, als wirklich nötig (ist ein Handy nötig? Die Kreditkarte? Nein. 20 Reais reichen)
  • Überhaupt: dunkle und unbelebte Straßen meiden (wie in Deutschland ja auch)
  • Im Zweifelsfall auch für kurze Strecken ein Taxi nehmen (kostet auch nicht viel).
  • Ansonsten gilt die Metro als sicheres Verkehrsmittel
  • Bei den Bussen gehen die Meinungen auseinander (wir fahren eigentlich nur Metro oder Taxi)
  • Ein paar Brocken Portugiesisch lernen schadet auch nie
  • Kommt es tatsächlich zum Überfall:

Ruhig bleiben. Langsam bewegen. Dem Gegenüber möglichst nicht in die Augen schauen. Geld, ggf. Handy herausgeben. Nicht diskutieren, den Räuber nicht aufschrecken, viele sind bewaffnet. Keinesfalls wehren!  Möglicherweise wird er verlangen, dass man mit ihm zum Bankautomaten geht und Geld abhebt. Niemand wird euch glauben, dass Ihr den PIN Eurer Kreditkarte nicht wisst. Barabhebungen sind pro Tag auf maximal 1000 Reais limitiert, das sind zurzeit etwa 250 Euro. Lieber hinterher schnell die Karte sperren lassen.