Psst, psst: Der Pedra Bonita ist ein Geheimtipp

22° 59′ 19″ S 43° 16′ 59″ O

Rio ist an Aussichtspunkten reich gesegnet. Einige sind bekannt und entsprechend überlaufen: der Cristo oder der Zuckerhut. Andere sind fast noch beeindruckender, aber weniger bekannt, oder werden in Individualreiseführern als Geheimtipp gehandelt, weil ab vom Schuss. Psst, ppst! Vista Chinesa wäre solche ein Beispiel. Und dann gibt es ziemlich viele, die kaum jemand kennt. Der Parque das Ruinas voriges Wochenende. Oder heute: der Pedra Bonita.

Der Name ist Verpflichtung: Pedro Bonito, der schöne Felsen. Wenn ein Felsen in einer Gegend, in der es vor Felsen nur so wimmelt, diesen Namen trägt, dann will ich wissen, on zu recht. Der Pedro Bonito hat jedoch wie einige einen entscheidenden Nachteil. Er liegt im Nationalpark de Tijuca, dem größten innerstädtischen Nationalpark der Welt.

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Blick in Richtung Rio. Vom Corcovado (links) bis Sao Conrado.

Aber: Der Nationalpark de Tijuca ist leider für den Tourismus kaum erschlossen. Klar, gibt Parkplätze, hier und da auch eine Grillstelle. Aber will man in den Nationalpark von der Stadt aus (und er liegt nur 6-8 km von der Südzone entfernt) bleibt fast nur eins: Rein ins eigene Auto und ab. Busverbindungen, die etwas taugen gibt es nicht. Um die Touristen behutsam in ein empfindliches Ökosystem einzuschleusen, setzt die Stadt Rio bislang ausschließlich auf den Individualverkehr. Welt paradox.

Um so besser, wenn sich die Chance bietet, sich an eine Schulklasse anzuflanschen, die ihren Wandertag dorthin plant und noch ein Plätzchen im Van frei hat, so nennt man hier die 16-sitzigen Sprinter, die auch für den Schultransport eingesetzt werden.

Knapp 700 Meter ist er hoch, und damit ähnlich hoch wie der Corcovado. Sein Nachbar, der Pedra da Gávea, der charakteristisch abgeflachte Berg im Süden der Stadt, zwischen São Conrado und Barra de Tijuca, ist ein Eckchen höher noch und zudem eher eine Adresse für erfahrene bis gute Kletterer. Wer sich den Berg lieber anschauen möchte, statt mühevoll raufzukraxeln, der ist auf dem Pedra Bonita recht.

Wenn auch dort hinauf etwas Mühe investiert werden muss. Vom Parkplatz am Fuße des Trilho weist die Infotafel eine Weglänge von knapp 1,5 Kilometern auf. Das sollte man, ebenfalls laut Tafel, in circa 35 Minuten schaffen. Der Weg führt stetig hinauf, Stufen sind, naja, vorhanden (mehr oder weniger) und recht naturbelassen. Flachere Zwischenstücke lassen gut verschnaufen. Zum Glück liegt der Weg im Schatten. Alles in allem ist er auch gut mit Kindern zu bewältigen, denke ich. Aber zu klein sollten sie nicht sein – denn man muss ja hinterher auch wieder hinunter. Also 3 km Auf und Ab sollte man im Hinterkopf haben. Ach ja – und es empfiehlt sich tatsächlich, mindestens Sportschuhe zu tragen. Wanderschuhe schaden auch nicht. Und bitte genügend Wasser mitnehmen, denn auf der dunklen Granitpläät oben wird es schnell knackig warm. Zu kaufen gibt es dort auch nix. Erst wieder bei der Rancho de Camelia am Parkplatz.

Entsprechend durchgeölt ist man dann auch oben. Doch: der Blick ist, man kann es nicht anders sagen, geil. Gleich aus dem Wald raus, linker Hand öffnet sich das Panorama der Stadt – vom Corcovado oder die Lagoa bis Ipanema, von dort südlich ober die Beiden Brüder (Dois Irmãos), die seitlich von der größten Favela Rio, der Rocinha, bis hinunter nach São Conrado zugewuchert sind. Auch dort soll man hinaufsteigen können – ein anderes Mal.

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Der Granitbrocken bietet allerhand Betätigung.

Etwas unterhalb der gewaltigen Granitglatze, die liegt eine der Abschussrampen für Luftsportler, die Rampa de Voó Livre – Segelflieger, Gleitschirmspringen. Tandemsprung irgendwann mal? Vielleicht. In Richtung Süden die noch recht junge Siedlung Barra de Tijuca. Modern und amerikanisch ist sie und bei jungen, wohlhabenden Cariocas als Wohnquartier beliebt, auch wenn man morgens dann mit Arbeitswegen von anderthalb Stunden und mehr bestraft wird. Die Lage des Stadtteils ist hübsch – vorne das Meer, dann ein Streifen Land, dahinter die Lagunen. Die monströsen Siedlungen wachsen immer näher an das empfindliche Ökosystem aus Mangrovenwäldern heran. Man merkt es am allgegenwärtigen Müll im Wasser.

Aus 700 Metern Höhe sieht man das freilich nicht. Da sieht man die Wohntürme wie Bauklötzchen vor einem Hinterland, dass schnell und schroff in den Himmel schießt. Nach dem schweißtreibenden Aufstieg von vorhin kommen mir die frühen Entdecker und Forscher in den Sinn, wie sie vor 200 und mehr Jahren mühsam einen Weg durch das Dickicht schlagen mussten.

Treiben sich dort nicht gerade Schulklassen herum, ist man relativ ungestört. Hier und verrenken sich ein paar sportive Bikini-Top-Trägerinnen mit Baseballcap und großer Sonnenbrille, um anschließend ein möglichst spektakuläres Instagram- oder Snapchat-Selfie in die Welt posaunen zu können. Die sind aber relativ schnell auch wieder weg.