Parque das Ruinas: Tanz Baby, tanz!

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Traumkulisse – nicht nur für Konzerte.

Welche ein Spektakel, welche eine Kulisse. Der Auftritt der Band hatte vor nicht einmal drei Takten und auch noch eine halbe Stunde später als geplant begonnen, da fegen auch schon die ersten Tänzer über die Tanzfläche vor der alten Ruine im Parque das Ruinas in Santa Teresa. Ein heißer, sonniger Herbsttagliegt den letzten Zügen, angenehmer Wind streicht die Hitze sanft hinweg und sorft für die kreisenden Fregattvögel für perfekte Thermik. Das rote Abendlicht taucht den Zuckerhut in ein Licht, das fast schon zu kitschig für eine Postkarte wäre. Und sie tanzen, tanzen, tanzen als gäbe es kein Morgen.

Viel hatten wir gelesen, von der Lebenslust der Carioca, der Leichtfüßigkeit mit der sich durch ein mitunter hartes Leben laufen, die Leidenschaft für Musik und Rhythmus. Diese Leidenschaft ist nach drei Takten spürbar. Und sie ist universell. Kein Privileg der jungen, schlanken, schönen. Hier ist jeder vom Rhythmus gepackt und gibt sich diesem mit Haut und Haaren hin.

Ich muss an meinen alten Kumpel Schmal denken, der früher gerne Konrad Beikircher zu zitieren pflegte. Der Südtiroler und Wahlrheinländer hatte seine ebenfalls lebenslustigen Wahllandsleute einmal als „Brasilianer unter den Europäern“ beschrieben. Eine seither von mir auch gerne zitierte Metapher. Der rheinische Frohsinn, vereinsmäßig organisiert und straff regelmentiert hat mit diesem Ausdruck an Lebensfreude wenig gemein.

Während sich der erste bei den einen alkoholgeschwängert im hüftsteifen Schunkeln und Mitgröhlen Bahn bricht, erscheint dies bei den anderen als eine naturgegebene, aus sich selbst kommende Erscheinung. So kommt es beim Tanzen nicht auf exakt verinnerlichte Schrittfolgen an, auf studierte, formaldienstliche Abläufe. Hier ist alles Freestyle, erlaubt ist das, was gefällt, zur Musik passt und vor allem so unverschämt beneidenswert eleganz anzusehen ist: vom extrovertierten Ausdruckstanz bis zum intimen Schieber mit sanftem Hüftschwung. Alles intuitiv und perfekt zur Musik passend. Das eingebettet in dieses spektakuläre Szenario dieses Parks – so langsam scheine ich eine Ahnung davon zu bekommen, wie diese Stadt tickt und was das Lebensgefühl auszumachen scheint.

Da wir Weißnasen ja auch zur ersten Kategorie zählen und uns nicht gleich als Gringos outen wollen, beschränken wir und auf das zuhören und beobachten.

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Ladenbesitzer in Santa Teresa.

Künstlerviertel Santa Teresa

Ehe wir uns in der Leichtigkeit des lauschigen Abends verloren, stand ein wenig Kultur auf dem Programm. Santa Teresa, eines der letzten baulich erhaltenen alten Stadtviertel Rios, genießt einen Ruf als Szene- und Künstlerviertel. Das wollten wir uns anschauen, schließlich sind wir ja immer noch auf der Suche nach Wandschmuck. Bei Wiebkes Geburtstagsstadtführung hatte uns Guide Frank kurz durch das Viertel gefahren. Am Largo deGuimaraes steigen wir aus dem Taxi.

Santa Teresa ist auch bekannt durch die kleine gelbe Tram, die Bondinho, die sich durch die alten Köpfsteinpflastersträßchen von Lapa aus hinaufkämpft. Übrigens hübsch beschrieben in dem Animationsfilm Rio 1. Nur halt leider sonntags fährt sie nicht.

Der Charme Santa Teresas liegt im gepflegten Verfall. Knallbunte Häuschen aus vorvergangenen Jahrhundertwende, an denen die Patina der Zeit ungehindert wirken kann. Blätternde Farben, abgeplatzter Putz neben Streetart und aufwendig Restauriertem erzeugen in der Tat Atmosphäre – ein wenig wie das frühe Nachwende-Berlin, nur kleiner und weniger schrill. Sicherlich gehört Santa Teresa zu den Vierteln, in denen Gentrifizierung eine Rolle spielt – die Boheme- Studenten, Künstler, Lebenskünstler –  schätzt die Narben, Kanten, die Geschichte.

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Galerie – das Bild oben in der Mitte hat es mir angetan.

 

Zu der trägt aber auch die Gastronomie bei. Die Kneipen – halb Hafenspelunke halb Schöner Wohnen öffnen sich zur Straße – der Duft der Küche und der leichte Klang der Bossa Nova schlängeln sich unaufdringlich aber einnehmend hinaus ins Freie. Fast so, als wäre es inszeniert. Es ist eine Gratwanderung, wie sich Santa Teresa präsentiert, zwischen authentisch gewachsenen Kiez und Freilichtmuseum.

Wir werden nicht fündig in den Galerien. Das heißt, ein Bild habe ich mir schon ins Auge gefasst, mal drüber schlafen. So richtig vomHocker gehauen hat uns Santa Teresa nicht, man merkt den Hype, der da vereinzelt betrieben wird, das Viertel hipper, schöner, aufregender zu machen als es ist. Vielleicht sollte man das lassen. Charme und Atmosphäre kann man nicht herbeischreiben. Aber enttäuscht sind wir auch nicht.

Hinter der Hauptstraße hält Santa Teresa Siesta. Im Schatten haben Anwohner vereinzelt improvisierte Imbissstände aufgebaut, bieten selbstgebacken Kuchen und Süßigkeiten an, hoffen auf Touristen, für die der Besuch in Santa Teresa schon auf der Liste steht. Aber halt nur, wenn die Bondinho fährt.

Tote Hose ohne Bondinho

Die wenigsten stapfen die Fliesentreppe des Selaron hierher hinauf, auch wenn der Blick, der sich vom Parque das Ruinas sowohl über das Zentrum als auch Richtung Zuckerhut bietet, zu den schönsten zählt, die wir bislang sehen durften.

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Ruinenausschnitt.

Den Namen hat der Park von einer Ruine eines Wohnhauses aus der Belle Epoque, der  Palacete Murtinho Nobre, erbaut zwischen 1898 und 1902. Es gehörte Laurinda Santos Lobo, einer Gesellschaftsdame aus einer reichen Händlerfamilie, die sich viel in Paris aufhielt. Laurinda machte daraus einen Treffpunkt der Intellektuellen und Kunstschaffenden. Laurinda starb kinderlos 1946. Ihr Anwesen vermachte sie der Homöopathischen Gesellschaft, die damit jedoch anscheinend nicht viel anzufangen wusste.

Vom Drogentreff zum Kulturzentrum

Es verfiel im Laufe der Zeit, würde zum Treffpunkt der Drogenabhängigen und Dealer. Erst 1993 beschloss die Stadtverwaltung von Rio das Gebäude vor dem kompletten Verfall zu retten und ernannte das Gelände zum Parque das Ruinas (1997). Seither ist die Kultur zurückgekehrt, in Form von Konzerten, die in unregelmäßigen Abständen unter freiem Himmel abgehalten werden. Ein Veranstaltungsort mit einem der spektakulärsten Panoramen der Stadt und wunderbarer Atmosphäre. Eine der kleinen, unscheinbaren Erfolgsgeschichten der Stadtpolitik.

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Die Ruine ist heute ein Aussichtspunkt und Kulturzentrum.

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Belle Epoque.

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Sehr fotogen.