Taxifahrer Carlos zeigt uns seine Welt in 15 Minuten

Wie lange braucht es, um vor einer anderen Person sein Leben auszubreiten? Taxifahrer Carlos braucht dafür knappe 15 Minuten. So lange dauert die Fahrt von Copacabana nach Botafogo.

Als die Türen ins Schloss fielen, waren wir plötzlich wie in einer anderen Welt, abgeschirmt vom hektischen Treiben der Avenida Nossa Senhora de Copacabana. Ein Gewitter war im Anmarsch, die Metrostation, die irgendwo in der Nähe sein sollten, hätten wir wahrscheinlich nicht mehr trockenen Fußes erreicht. Carlos strömte eine tiefe Gelassenheit aus. Aus dem Radio dudelten brasilianische Schlager der 70er-Jahre.

Wir saßen noch nicht richtig, da stellte er die erste Frage: „Seid ihr als Touristen in der Stadt oder wohnt ihr hier?“ Ich konterte: „Was ist das für Musik?“

„Roberto Carlos“, kam als Antwort. So selbstverständlich, als würde sich jede weitere Nachfrage erübrigen. Die Frage nach dem Fußballer verkniff ich mir. Aber ich hatte von ihm tatsächlich schon einmal gehört. Tags zuvor, im Portugiesisch-Unterricht sprachen wir von den Gegenden der Stadt, in denen wir Wohnen, bzw. gerne wohnen würden. Meist fällt dann auch Urca, am Fuße des Zuckerhuts. Der Stadtteil ist klein und hat, zum Vorteil gegenüber vielen anderen Stadtteilen, keinen Durchgangsverkehr. Außerdem gibt es dort den Praia Vermelha, den roten Strand, sehr beliebt bei Familien mit kleinen Kindern, weil es nicht sehr hohe Wellen gibt. Und, wie ich nun erfuhr, ist es der Wohnort von Roberto Carlos. Am Rande: Inzwischen habe ich herausgefunden, dass sich der Fußballer nach dem Sänger benannt haben soll.

Im Tunnel zwischen Copacabana und Botafogo Sirenengeheul, ein Krankenwagen hinter uns. Carlos steuerte links Richtung Rand. Als einziger. Das hatte ich schon häufiger beobachtet. Während man in Deutschland eine Rettungsgasse bildet, bildet sich hier nichts. „Warum fahren die anderen nicht an die Seite?“ will ich von Carlos wissen, erwarte als Antwort, dass dies hier kein Gesetz sei, oder so etwas. Doch. „Die meisten Cariocas sind nicht sehr gebildet.“

Nach einigen Sätzen darüber, wie wunderbar und groß Roberto Carlos uns seine Musik ist, wechselt Carlos das Thema. Unvermeidlich: Fußball. Ich soll raten, welches sein Team ist. Bislang kam meine weiß Gott nicht repräsentative Erhebung unter den Taxifahrer von Rio de Janeiro zu dem Ergebnis, dass die meisten von ihnen Flamengo unterstützen. „Flamengo?!“ lautet deshalb auch meine zögerliche Antwort. Leicht grinsend schaute er mich an. Etwa so, als hätte ich einen Frankfurter Taxifahrer für einen Fan der Offenbacher Kickers gehalten. Griff ins Klo, ganz klar dieser Tipp. „Fluminense.“

Welches ist Dein Team? Fragte er zurück. Nach meinem Fehlgriff zuvor eine eher rhetorische Frage. „Colonia“, sagte ich. „Ah, ta bom.“

Während ich noch überlegte, wie das Gespräch wiederbeleben könnte, begann Carlos mit Ella und Edgar zu schäkern. „Voce fala Portugues?“ fragte er sie abwechselnd. „Nao“, war deren Antwort. „Ah, fala Portugues!“ Das macht Spaß. Cariocas freuen sich tatsächlich, wenn man versucht als offensichtlicher Immi sich auf Portugiesisch zu unterhalten.

„Wie lange seid ihr in Rio?“ wollte er wissen, diesmal von Wiebke. Er wusste, wie er seine ganze Besatzung bei Laune halten kann. „Erst zwei Monate.“

„Und wie lange bleibt ihr?“

„Drei Jahre.“

„Ah, nach vier Jahren bist du ein echter Carioca.“

Verwandtschaft auf Whatsapp

„Habt ihr schon brasilianisches Essen probiert?“, fragte Carlos unbeirrt weiter. Wir drucksten herum, noch nicht so richtig, haben es aber vor, ganz bestimmt bald. Ich griff in die Plastiktüre und präsentierte ihm unser soeben erstandenes Kochbuch.

„Schon mal Feijoada probiert?“ Nein, noch nicht. „Oh, schön mit Schweinefüßen und Schweineohr – das ist das Beste.“

Punkten konnte ich bei Carlos wieder, indem ich die verwandtschaftlichen Beziehungen derer Personen problemlos auseinanderhalten konnte, die er mir nun – bei voller Fahrt versteht sich – in seiner Whatsapp-Kontaktliste per Profilfoto vorstellte. Enkel (2), Ehefrau, Schwägerin, Schwiegermutter (selbst das wusste ich: sogra, Danke, Michelle!) bis hinunter zum höchstens zwei Jahre alten Urenkel, der zwar sicher noch nicht richtig sprechen kann, aber schon einen Whatsapp-kontakt besitzt. Carlos ist in seinem Element. Que linda doch seine Enkelin sei. Um das zu beweisen, schob er mit seinen Fingern deren Profilbild soweit auseinander, bis es verpixelte. Ich nickte, „bonito“, sagte ich. Ja, das gefiel ihm dann wieder.

Drei bis vier Blocks weiter kannten wir sämtliche Verwandte von Carlos. Zumindest die, mit denen er über Whatsapp zu kommunizieren pflegt. Und wären wir nicht kurz vor dem Ziel gewesen, er hätte uns sicher mit allen Kontakten bekannt gemacht.

Die Wolken zogen sich weiter zusammen, es regnete aber nicht. Cristo, dessenAnblick normalerweise ein sicherer Hinweis darauf ist , wieder in Botafogo zu sein. Er war weg. In den Wolken. „Oh“, orakelte Carlos. „Wenn der Cristo in den Wolken steckt, wird es regnen.“

Darauf wäre ich jetzt  nicht gekommen. Allerdings: Es war noch trocken, obwohl die Wolken sehr tief hingen. „Vao com deus“, gab er uns mit auf den Weg. Und irgendwie klang es ernst gemeint. Auf unserer Hitliste der besten Taxifahrer, mit denen wir es in Rio zu tun hatten, steht Carlos seither ganz oben. Das nicht nur, weil er tatsächlich der einzige ist, an dessen Namen wir uns noch erinnern können.