Essen ist eine logistische Herausforderung – genaues Hinsehen ist nötig

Kochen. Das fällt, seit wir in Rio sind, in mein Ressort. Nicht, dass ich nicht schon früher an Wochenenden und auch sonst gekocht hätte. Es fällt mir also nicht sonderlich schwer und allen schmeckt es sogar. Aber jetzt jeden Tag für die Ernährung der Familie maßgeblich verantwortlich zu sein, erfordert doch mehr und ernsthaften logistischen Aufwand.

Das Einkaufsproblem schilderte ich ja schon. Ohne Auto rennst du jeden Tag los – und wenn es nur Brot ist, was du noch brauchst, oder Orangensaft, oder Obst und Gemüse. Das trage ich dann in den dünnen Plastiktüten in unser Apartment. Immer vorbei an den Porteiros, die sich wahrscheinlich auch schon wundern, was der der Gringo da tagtäglich ins seine Hütte schleppt. Sagenhaft, was man hier für Müllbergeproduziert und sich schlecht dabei fühlt, weil man im Grunde genau weiß, dass der Kram hinterher kaum recycelt wird. Alleine die Mengen an leeren 1,5-Liter-Wasserflaschen.

Mülltrennung ist Glückssache

Auf unserem Flur gibt es eine Müllecke. Wir müssen den Müll also nicht nach unten bringen, er wird abgeholt. Darin zwei Tonnen: Recycelbare Abfälle und Organische Abfälle. Die Tonne mit organischen Abfällen ist meist so gut wie leer. Und wenn etwas drin liegt, dann fein säuberlich in eine Plastiktüre eingeschnürt. Die Tonne recycelbare Abfälle könnte demnach auch mit „alles andere“ überschrieben werden. Als Wiebke mich neulich zum Mülltrennen anhielt, wollte sie zunächst nicht glauben, dass diese Unterscheidung existiert. Sie hatte natürlich schon Müll rausgebracht, aber auf diese Feinheit nicht geachtet. Ich erklärte, dass ich diese Art der Mülltrennung für sinnlos halte. Bei genauerem Hinsehen lenkte sie ein.

Herantasten an einheimisches Gemüse

CfndhuRWQAAvb6VIm Prinzip ist der Warenkorb hier ähnlich wie in Deutschland: Kartoffeln, Möhren und andere Basics, die auch aus Brasilien stammen (Tomaten, Gurken) sind sehr günstig. Ebenso wirklich Einheimisches die diverse Süßkartoffelarten oder Chuchu (eine Mischung aus Gurke und Zucchini, schmeckt gedünstet ganz lecker), Tapioka. Beim Obst ist es ebenso: Einheimisches wie Papaya, Mamao (große Papaya), Ananas, Mangos oder Melonen werden zu günstigen Kilopreisen verkauft. Was nach Brasilien importiert werden muss ist entweder gar nicht da oder sauteuer. In Deutschland braucht es dafür millionenschwere Marketingkampagnen, wenn die Leute saisonal und regional kaufen sollen. Hier ist das einfach so. Hinzu kommt, dass die Ware optisch nicht unbedingt 1a-Ware sein muss. Es gibt extrem dicke Möhren und krumme, manche Früchte haben Schalenfehler andere nicht. Alles wird angeboten, alles wird verkauft.

Um uns anfangs erst einmal zurecht zu finden, konzentrierten wir uns auf die bekannten Basics. Inzwischen sind wir experimentierfreudiger. Chuchu gehört inzwischen ebenso dazu, wie Süßkartoffeln  diverse Fischarten.

Fertigpizza ist schlimm

Der Teufel steckt durchaus im Detail, vor allem in Fertigprodukten. Kochschinken, gibt es ausschließlich im Block als Analogfleisch, mehr oder weniger fein geshreddert. Andere Wurst ist ebenfalls eher unappetitlich. Unserem Metzger Kerber kämen die Tränen. Zudem scheinen die Brasilianer ein ausgeprägtes Faible für Fertiggerichte zu haben. Wer es nicht selber kochen mag, kann sich Reis, Bohnen und Huhn auftauen. Die von uns getestete Fertigpizza ist nahezu ungenießbar. Das beste war der Herstellername: pif paf – der Lappen muss eraff. Danke, ohne uns.

Teuer ist auch Käse – vorausgesetzt man möchte etwas anderes, als schnittfest gemachte Salzlake. Dabei können die Brasilianer durchaus Käse machen. Zum Beispiel ihren Qeijo Minas. In rohem Zustand erinnert er sehr an den uns bekannten Mozzarella. Nicht ganz so fettig. Fertig gereift wird er richtig hart und ähnelt dann diesen italienischen Käsen, die außen bräunlich sind und immer eine Art Tropfenform haben. Was freute ich mich neulich, als ich ein Stück Emmentaler in Händen hielt. Umgerechnet 4 Euro für 200 Gramm Käse, das ist hier weg wie nix. Gouda, in Deutschland verramscht ist hier selten zu bekommen.

Zucker versteckt in vielen Dingen

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Der Name ist das beste. Ansonsten grenzt der Lappen an Körperverletzung.

Zucker ist ein beliebter Zusatzstoff. In beinahe allem. Im Naturjughurt genauso wie im angeblich frisch gepressten Fruchtsaft an der Saftbar. Man muss schon mehrfach und sehr deutlich darauf hinweisen, wenn man keinen Zucker in den frischen Orangensaft haben will. Auch sogenannte 100%-Säfte werden mit Zucker versetzt. Ein anderer beliebter Zusatzstoff ist Soja. Wächst hier in Massen, ist billig und genverändert. Wen das stört, der muss genau hinschauen, denn die Liste der Zusatzstoffe ist oft mikroskopisch klein.

Brot ist ein anderes Problem. Im Supermarkt gibt es meist nur Toastbrote, wie man sie aus angelsächsischen Ländern kennt: Ewig haltbar, formbar, labbrig, pappig. Anfangs ganz nett hängen sie einem schnell zum Hals raus. Bäckereien und deren Vielfalt wie in Deutschland kennt man hier natürlich auch nicht. Im Wesentlichen erstreckt sich das Angebot auf Weißbrotartiges. Doch wer suchet, der findet: tolle Baguettes, solange sie frisch sind etwa. Oder auch annehmbare Körnerbrote. Wiebke mag auch gerne das aus Deutschland kommende Schwarzbrot, vergleichbar dem ewig Haltbaren Dosenbrot, das Aldi gerne verkauft – nur hier halt in trocken. Immerhin 4 Monate (!) haltbar. Konservierungsstoffe? Nein, Quatsch, nie!

Zwischenfazit: Man muss echt genau hinschauen und schon mal wegen einzelnen Produkten unterschiedliche Supermärkte aufsuchen. Fast jeder Laden hat eine oder mehrere Spezialitäten, die es tatsächlich nur dort gibt. Also überlege ich bei allen notwendigen Besorgungen, welcher Laden in der Nähe liegt.So hat man zudem ein interessantes Gesprächsthema mit anderen Expats und auch deren Tipps sind stets willkommen.

Hinzu hommt ein inoffizielles Versorgungsnetz. So kursiert eine Liste mit Wurst- und Brotspezialitäten in der deutschen Gemeinde. Bestellt wird per E-Mail, geliefert wird zu festen Terminen. Pfälzer Leberwurst gibt es dort, Fleischkäse oder sogar Maultaschen (noch nicht getestet). Die Brote sind zwar nicht perfekt, aber schon besser. Wir überlegen aber ernsthaft, ins Brotbacken selbst einzusteigen – für den Hausgebrauch, versteht sich. Wenn es soweit ist, lest ihr es natürlich hier.

Unseren Wochenspeiseplan machen wir meistens am Sonntag. Einmal Kartoffeln, Reis, Nudeln, Rindfleisch, Huhn oder Fisch, abends Brot mit Salat, morgens Müsli, Joghurt, Früchte. Kakao.

Pausenbrot: Zwischen Gesundheit und Gruppendruck

Pausenbrote müssen auch her, ganz klar, der Schultag ist lang. Mehrfach wurden wir Eltern vonseiten der Schule dazu angehalten, doch für ein möglichst gesundes Pausenbrot zu sorgen. Aus Sicht der Schule gilt schon als gesund, wenn nicht ausschließlich Schokoriegel, Kuchen, Chips oder Popcorn und Limonade mitgegeben werden. Als ich nach dem Elternabend nachfragte, ob denn ein Brot mit Nutella okay sei, sagte man mir, dass wir damit gesundheitsmäßig schon ganz vorne mit dabei wären. Übrigens: Die selbe Person versuchte neulich unseren Kindern zu erklären, dass Popcorn doch im Grunde sehr gesund sei, wegen der Mineralien und so. Das Thema gesunde Ernährung in der Schule, in Deutschland ein großes, steckt hier noch ganz am Anfang.

In der Mittelschicht scheint eher noch der Grundgedanke der Wirtschaftswunderjahre in Deutschland zu stecken: Am Bauchumfang soll man den Wohlstand ablesen können. Hinzu kommt, dass die Ernährungsfrage in vielen Familien der Baba (dem Kindermädchen) oder der Empregada überlassen wird, weil beide Elternteile tagsüber nicht daheim sind. Oder man steckt den Kindern gleich 20 Reais zu,damit sie sich in der Schulkantine oder vor dem Schultür beim fliegenden Süßigkeitenhändler Marcello versorgen.

Merkblatt für Eltern die Lösung?

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Maxixe mit Shrimps – das erste brasilianische Rezept.

Interessanter Seitenaspekt: Für Schüler der ersten Klasse ist der Besuch des Schulkiosks ausdrücklich von der Schule selbst verboten. Ob man dort nicht mal ansetzen könnte? Schließlich hat die Schule als Betreiber der Kantine bzw. als Verpächter einen gewissen Einfluss auf den Speiseplan, sollte man meinen. Oder man veranstaltet statt einer der ewigen Reuniaos (Elternabende), bei denen viel geredet wird, einen Infoabend, an dem die Eltern über gesunde Pausenbrote aufgeklärt werden. Vielleicht noch ein Merkblatt dazu und eine Musterliste für 14 Tage, fertig ist die Kiste.

Wir bewegten uns also im ganz grünen Seite. Ein Brot mit Wurst oder Käse gibt es, dazu was frisches, entweder Obst (Banane, Apfel) oder Gemüse (Gurken, Möhren). Doch damit stehen unsere Kinder in ihrer Klasse ziemlich alleine da, wie sie sich einmal bitterlich beklagten. Wir mussten einen Kompromiss finden. Und der sieht so aus:

Montags: Normales Brot, Obst/Gemüse und ein Trinkpäckchen nach Wahl.

Dienstag: Nutellabrot, Obst

Mittwoch: Normales Brot (Wurst/Käse), Obst/Gemüse

Donnerstag: Normales Brot, Obst/Gemüse, Müsliriegel

Freitag: Eibrot, Obst/Gemüse

So gibt es immer wieder ein Highlight und wir kommen dem Wunsch der Schule nach.

Aber die Mahlzeiten sind doch noch immer sehr europalastig: Gulasch, Nizzasalat, Frikadellen, Hühnerfrikassee, Spätzle, Risotto, Fisch (gedünstet oder gebraten) natürlich Pasta, spanisch Huhn etc. Aber wir sind ja nicht hierhergekommen, um dasselbe zu essen, wie auch in Deutschland.

Brasilianische Kochkurse habe ich noch keine gefunden, würde ich aber sofort belegen. Gestern haben wir uns nun ein Kochbuch zugelegt: „Cozinha de Origem“ – „Ursprüngliche Küche“ von Thiago Castanho. Tolles Ding! Wir haben es in einer Buchhandlung in Copacabana entdeckt, als wir vom Arztbesuch zurück schlenderten. 10 junge brasilianische Köche entdecken die traditionellen Rezepte der Regionen neu und interpretieren sie zeitgemäß. Dieses Buch wird nun für uns die Grundlage sein, die brasilianische Küche zu entdecken.