Einen Haarschnitt und einen Cafézinho, por favor!

Historisches ereignete sich am Samstag. Erstmals, nachdem wir unseren Fuß auf den südamerikanischen Kontinent gesetzt haben, vor nunmehr 72 Tagen, haben Edgar und ich einen Friseur besucht. Solange hatte die Schur von Francesco Leonardi gehalten. Doch ich wollte mein Versprechen nicht wahrmachen und nach drei Jahren Wachstumszeit zurückkehren, wie einst Tom Hanks von der einsamen Insel in Cast Away.

?

Friseursalon.

Terminabsprache war nicht nötig. Kurz fragen, fünf Minuten warten. Friseursalons scheinen hier, mehr als in Deutschland unisex-Betriebe zu sein. Sprich: keine getrennten Bereiche für Herren und Damen, geschnitten, gefärbt und gesträhnt wird dort, wo gerade Platz ist. Entlang der anderen Wand des Raumes ist der Salon Beleza, der Beauty-Salon. Hier sind das nämlich kombinierte Betriebe: Haare schneiden, Maniküre, Pediküre – alles unter einem Dach.

Dazwischen kommt immer eine der Damen mit einem Tablett herum und reicht Kaffee in winzigen Plastikbechern herum – Cafézinho. Schwarz oder mit viel Zucker. Ich entscheide mich für die Zuckervariante. Ein Fehler. Zucker mit Kaffee würde eher passen.

Anders als in deutschen Salons herrscht keinesfalls eine ruhige, andächtige Atmosphäre bei der Wartende stumm in Zeitschriften blättern. Warum sollte das hier auch anders sein als anderswo? Jeder babbelt mit jedem, quer durch den Raum, alles ganz normal.

Nur der Friseur selbst ist kein großer Schwätzer und damit in seiner Zunft wohl eher die Ausnahme. Als ich als Heranwachsender hin und wieder den Salon im Nachbardorf (wir hatten keinen), beim “Budschum”, aufsuchte, kaute er mit regelmäßig ein Ohr ab über Autotuning. Wer mein Verhältnis zu Autos kennt (muss fahren und ein Radio haben) kann sich vorstellen, die antörnend das war. Mangels Alternativen ließ ich es über mich ergehen. Später entwickelte ich einen merkwürdigen Habitus. Ich wechselte den Friseur regelmäßig. Nicht kann ich weniger ertragen, als wie ein guter Freund begrüßt zu werden, am besten Bussi links und recht – Käffchen? Kommt sofort. So blicke ich auf eine recht stattliche Anzahl gesammelter Salonbesuche zurück. Friseurhopping nennt man das wohl.

Dieser Friseur war anders. Klar, unvermeidlich das Thema Fußall. “Qual é seu teme?” Was ist Dein Team? fragte er. “Colonia”, meine Antwort. “Und Deines? Botafogo? Flamengo oder gar Vasco?”

“Immer das Team des Kunden.”

Bitte was? Was soll das sein? Will der sich hier ranschmeißen, oder was?!! Unfassbar. Und das von einem Brasilianer. Ob der von seinen Landsleuten überhaupt ernst genommen wird, wenn der solche Sprüche raushaut? Danach war für mich der Smalltalk-Bedarf auch irgendwie gedackt.

Nach 20 Minuten sind wir fertig. Haarschnitt für Vater und Sohn, jeweils 25 Reais (6 Euro)- ja sind wir ja fast dran am legendären Sechs-Dollar-Haarschnitt (n, wer erkennt das Filmzitat. Tipp: 80er, Michael J. Fox, aber nicht Zurück in die Zukunft).

Tags: