Hippiemarkt in Ipanema: Ein Herz fürs Upcycling

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Der Hersteller der Taschen.

Nach einem Umzug ist die Wohnung anfangs vor allem eines noch nicht: wohnlich. Das wollten wir heute ändern. Drum auf zum Hippiemarkt, der jeden Sonntag auf dem Largo General Osorio abgehalten wird. Er ist einer der ältesten Kunsthandwerkermärkte in Rio, entstanden tatsächlich in der Hippiezeit Ende der 60er Jahre. Inzwischen eine Touristenattraktion und –falle gleichermaßen, die von der Stadtverwaltung unter besonderem Schutz steht.

Dort gibt es nämlich einen ganze Reihe von Künstlern, die ihre Bilder anbieten. Man kann sich das vorstellen, wie beim deutschen Kunstsupermarkt. Erschwingliche Kunst in allen möglichen Techniken, Farben, Motiven –man muss halt nur das richtige finden. Erschwinglich heißt: mit etwa 25 Reais ist man bei kleinformatigen Dingen dabei. Größere Bilder kosten schnell 150, 300 oder vielleicht auch mehr. Unsere Mission: Wir brauchen Bilder für das Wohnzimmer (2), Kinderzimmer (2) und das Elternschlafzimmer. Um es kurz zu machen: So richtig angesprungen hat uns nichts. Aber mit leeren Händen kamen wir trotzdem nicht zurück.

Wir hatten gerade den Markt betreten, da fiel mein Blick auf ein hübsches Souvenir. Bierdosenkühler in Form von Fußballtrikots. Wir rätselten noch, wer denn das Gesicht sein sollte, das das DFB-Trikot verunstaltete – das war ganz bestimmt Absicht, damit das keiner kauft (es sollte übrigens wohl Klose sein, auf den ein gewisser Herr Ronaldo seit dem Halbfinale einen besonderen Hals hat), da näherte sich ein älterer Mann von der Seite. Leicht gebückt hielt er uns etwas silbriges entgegen. „Por favor, por favor.“

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Upcycling:die Tasche.

Kein Freund von solchen Dialogen, war ich gerade dabei mich abzuwenden. Aber das Teil, was er in Händen hielt, war zu interessant um wegzuschauen. Eine Handtasche aus Getränkedosenverschlüssen. Diese mit Häkelgarn miteinander verbunden. Aus dem selben Material auch der Umhängegurt. Der Clou bei der Geschichte: Die Ringe sind so miteinander verbunden, dass sich die Tasche zusammenschieben lässt. Aus dem Täschchen, ca 20×20 cm, wird so eine Geldbörse – pasta, wie man hier dazu sagt. Mit Nudeln hat das übrigens nichts zu tun. Pasta, also italienische Teigwaren heißen hier nämlich massa.

Ich winkte Wiebke herbei. Die war angesichts des ausgeklügelten Patents gleich hin und weg. „Ich mache die selber“, antwortete er auf Wiebkes Frage, wo er die denn herhatte. Offenbar versuchte der alte Mann aus der umliegenden Favela sich so seinen Lebensunterhalt zu verdienen. In Deutschland nennt man das upcycling, wenn aus Müll neue Dinge entstehen. 30 Reais wollte er haben. Als er sah, dass wir kurz zögerten, senkte er den Preis auf 25 Reais, umgerechnet 6 Euro. Man möchte sich angesichts dieses Preises nicht den Stundenlohn des Mannes ausrechnen. Der dürfte im Centbereich liegen.

„Normalerweise arbeite ich am Strand“, sagt er als wir wissen wollen, ob er jeden Sonntag beim Hippiemarkt anzutreffen sei. Einen offiziellen Stand hat er nicht, so wie er sich vom Rande her an uns herangepirscht hatte.

Bei den Bildern hatten wir weniger Erfolg. Es gab zwar einige, die uns gefallen hätten, aber die waren zu klein, oder es fehlte das letzte Quentchen zu sagen, mit diesem Bild will ich die nächsten drei Jahre und darüber hinaus täglich zu tun haben.

Gestärkt mit einem Maiskolben und Popcorn machten wir uns zu einer weiteren Premiere auf: Unsere erste Fahrt mit der Metro. Jetzt,wo wir in der Nähe der Station Botafogo wohnen, bietet die Metro uns neue Mobilitätsperspektiven. Zumindest in zwei Richtungen: Richtung Ipanema zum Strand –wobei bis Olympia die Strecke bis Barra de Tijuca verlängert sein soll. Sollte eigentlich schon seit November 2015 in Betrieb sein. Aber vorige Woche hieß es immerhin, man werde es bis zu den Spielen schaffen. Oder in Richtung Nordzone, das Stadtzentrum durchfahrend. Es ist eine Linie, mehr gibt es nicht.

Vier Stationen nur dauerte die Fahrt, die wir kurioserweise in einem Frauenwagen verbrachten. Aber keine Sorge: Das gilt nur unter der Woche. Sollte übrigens jemand jetzt denken: Hey, die Tasche wäre ein originelles Geschenk oder will sie gar selbst haben: Wir kommen dort sicherlich nochmal hin in nächster Zeit. Im September erwarten wir ersten Besuch, sodass die Teile dann pünktlich zu Weihnachten zumindestens in Deutschland wären. Für einen guten Zweck ist es allemal. Bei Interesse einfach ins Kommentarfeld schreiben oder Mail schicken a.noethen@gmx.de