Kurioses aus dem Alltag, Vol. 1

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Ein Kilobüffet.

So, nach der ganzen Wohnungs- und Umzugsorgie jetzt endlich wieder was immobilienfreies – fast, zumindest. Einige Alltagskuriositäten.

Überqueren von Straßen

Ein Zebrastreifen oder eine grüne Fußgängerampel geben einem Fußgänger noch lange nicht das Recht, die Straße sorglos zu überqueren. Hinter jeder Fahrzeugreihe verlangsamt der Fußgänger den Schritt und schaut die Gasse zwischen den wartenden Fahrzeugen hinauf – gut möglich, dass dort nämlich ein Motorrad angeschossen kommt.

Rettungsgasse freimachen

Nähert sich ein Feuerwehrauto oder ein Krankenwagen, ist man in Deutschland angehalten, eine Gasse zu bilden, damit dieses Fahrzeug zügig zum Einsatzort kommt. Sirenen jucken hier niemanden. Und wenn jemand Platz machen sollte – uns ist das erst einmal wirklich aufgefallen – steht, schwups, ein anderes Auto in der Lücke. Und die Feuerwehr steht weiter.

Gespaltenes Zeitverständnis

Im Allgemeinen ist man hier eher relaxed. Zu Verabredungen verspätet man sich gerne mal ein halbes Stündchen, bei Partyeinladungen kommt man auch mal eine Stunde später. Aber, es eine Sache bezüglich der Zeit, da versteht der Carioca keinen Spaß. Bei den tageszeitbezogenen Grußfloskeln. Bom Dia sagt man am Morgen, boa tarde am Nachmittag, boa noite am Abend oder vor dem Zubettgehen. Das gilt in Deutschland grundsätzlich auch. Wenn auch ein „Tach“ ganztägig gilt und der liebe Gotte für die Zeit von 10 bis ca. 15 Uhr die „Mahlzeit“ erfunden hat. Hier undenkbar. Bom dia gilt nur am Vormittag. Und der endet um Schlag 11.59 Uhr. Komme ich also zur Schule, um die Kinder abzuholen, ist es in der Regel 20 nach 12, also boa tarde-Zeit. Es kommt aber auch vor, dass ich um kurz nach 12 dort aufschlage, weil noch Dinge zu regeln sind oder ich gerade Zeit hatte. Da für mich noch kinderfreier Vormittag ist, werfe ich dem Porteiro ein freudliches „Bom dia, tudo bem?“ vor die Füße. Er stutzt kurz und antwortet: „Boa tarde, bom.“ Er hat meinen Lapsus nicht ganz unter den Teppichgekehrt, mich dafür aber indirekt ganz nonchalant darauf hingewiesen, dass ja der Nachmittag schon längst begonnen hatte.

Ebenso verhält es sich 6 Stunden später, beim Wechsel vom „tarde“ zur „noite“, nämlich genau um 17.59 Uhr und keinen Deut später. Egal, ob es noch hell und knalleheiß ist, oder es schon dunkel geworden ist. Ab 18 Uhr ist „noite“, basta.

Neverending TV

Die Glotze ist ein wesentlicher Alltagsbegleiter der Brasilianer. In den Wohnungen rennen die Teile von Früh bis Spät. Aber auch im kleinsten Laden hängt irgendwo ein Fernseher. Oder im Wachhäuschen des Porteiros. Oder ein Taschenformat klebt auf dem Taxi-Armaturenbrett – könnte ja bald mal wieder Stau sein.

Gasanklemmen? Kein Problem!

Möbelpacker haben keine Probleme damit einen Gasherd ab- und anzuklemmen. Aber Lampen aufhängen? Dafür möge man doch bitte einen Elektriker holen.

Mittagessen kiloweise

Brasilianer lieben Büffets zum Mittagessen. Jeder nimmt sich, was er mag, vorausgesetzt es gibt Reis, rote/schwarze Bohnen und gebratenes Hühner- der Rindfleisch. Angerechnet wird nicht pauschal, sondern genau nach verzehrter Menge beim so genannten Kilo-Büffet. Man lädt zunächst auf, geht dann zur Kasse, wo man seinen Teller auf eine Waage stellt. Am Ende wird alles addiert und grammgenau abgerechnet.

Laute Restaurants

Restaurants sind ein denkbar schlechter Ort für ungestörte Zweisamkeit. Denn Restaurants sind vor allem eines: laut. Gerne sitzen Brasilianer fröhlich lärmend beisammen während sie essen. Essen ist nichts intimes, es ist etwas geselliges.

Flasche leer, aber unterschiedlich groß

Prinzipiell benutzt man in Brasilien auch das metrische System im Zentimetern, Litern etc. Aber genormte Füllmengen, etwa bei Bierbehältern gibt es nicht: es gibt Dosen mit 275, 335, 350 ml, Flaschen mit 355, 660 oder 960 ml – letztere sind ordentliche Kawänzmänner. Gäbe es diese, wie die 660-ml-Flaschen im Kasten (24 Stück), hätte man ordentlich was zu schleppen. Die unterschiedliche Gebindegröße macht den Preisvergleich nicht gerade transparent. Bei Sonderangeboten muss man genau auf die Größe der Behältnisse achten. Aber auch andere Standardmaße sucht man hier vergebens. Tipp: Bei allem, was man kaufen will ist es wichtig, den Gegenstand genau auszumessen. Das gilt auch für die Nischen und Ecken, die man füllen möchte.

Wettbüros sind hier Apotheken

Das, was in deutschen Innenstädten einmal die Wettbüros waren, sind in Brasilien die Apotheken (pharmacia). Von wegen Gebietsschutz – sobald ein Ladenlokal frei wird, eröffnet darin scheinbar als nächstes eine Apotheke.

Immer auf Du

Nachnamen gibt es hier, sie sind sogar recht lang zu melodiös- Marcos Inátio Goncalves da Silva Rocha könnte ein solcher Name sein. Braucht man sich aber nicht zu merken. Denn in Brasilien duzt man sich grundsätzlich und spricht nur von einer Person, in dem man sie beim Vornamen nennt. „Es geht um Andreas Wohnung“ könnte also ein normaler Satz in einer Korrespondenz mit dem Vermieter sein, selbst wenn es sich um eine große Gesellschaftmit vielen hundert Mietern handelt. Wer genau gemeint ist, wird sich im weiteren Verlauf des Gesprächs schon klären. Selbst Lehrer werden mit Vornamen bezeichnet. Die noch-Staatspräsidentin ist deshalb auch nicht Frau Rousseff, sondern schlicht Dilma.

Ratenzahlung – aus Rache

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Auch im Möbelhaus wird natürlich in Raten gezahlt.

Brasilianer lieben es, Einkäufe nicht gleich zu bezahlen, sondern gestückelt in Raten. Egal, ob den beinahe täglichen Lebensmitteleinkauf, Schuhe, eine Klobrille oder den Staubsauger. Von größeren Anschaffungen gar nicht zu reden. Das wird zwar in Deutschland auch zunehmend üblich, mir erscheint das fremd. Ich bin da altmodisch. Denn ich mag zum einen nicht den Überblick über die Finanzen verlieren, zum  anderen stehe  ich auf dem Standpunkt: Kann ich mir’s leisten, zahle ich gleich – sonst spare ich halt. Ja, ziemlich 50s sowas. Erstmals damit konfrontiert wurde ich, als ich unseren super Staubsauger erstand. Zunächst erwartete ich die übliche Frage: „Credito ou debito?“, also die Frage nach der Art der Kartenzahlung. Ich spitzte die Lauscher, doch der Satzhörte sich verdammt anders an. Die Frau wiederholte. Ich grinste dümmlich, zuckte mit den Schultern. Sie drehte das Display der Kasse. Dort sah ich eine Tabelle, in der der Rechnungsbetrag von 119 Reais (knapp 30 Euro) in Ratenzahlungen von bis zu zehn Raten aufgesplittet war. Ich hatte also die Wahl, ob ich in 2, 3, 8 oder 10 Raten das Teil abstottern wollte. Hätte ich letzteres gewählt, hatte der Bezahlzeitraum wahrscheinlich die Lebensdauer des Teils überschritten, denn er roch schon nach der ersten Nutzung leicht verschmort, tut es aber bis heute noch.

Wenn mich Alltagsdinge aus der Fassung bringen, oder ich von selbst auf keine Erklärung komme, frage ich meine Sprachlehrerin Kora. Schließlich gehört zum Sprachunterricht auch ein guter Schuss Landeskunde. Und als Frau mittleren Alters mit einer erwachsenen Tochter und einem Taxifahrer als Mann, dazu eine waschechte Carioca, bringt sie mir näher, wie ihre Landsleute ticken. Und das ganz unverblümt manchmal.

Der erste Grund, den sie mir für die Ratenzahlungen nannte, war mir auch schon eingefallen: Viele haben in dem Moment einfach das Geld nicht. Die Wirtschaft ist schwach, das Land steckt in der Krise, hat ja wahrscheinlich jeder schon mal gehört. Und hat man nicht in der Tasche, möchte aber weiter so konsumieren, als hätte man, dann kann man den Preis abstottern. Das ist südlich des Äquators nicht anders als sonstwo. „Manchmal habe ich gerade auch einfach nur 50 Reais dabei und die Tasche kostet aber hundert“, nennt Karo das nächste Argument. Nun gut, ich würde zum nächsten Bankautomat gehen. „Früher war auch oft die Inflation der Grund“, nennt sie den Dritten. Bei hoher Inflation sichert man sich so den Tagespreis unabhängig von der weiteren Wertentwicklung. Na immerhin. Hätte man bei Bezahlung auch, aber leuchtet immerhin halbwegs ein. Außerdem ist die Ratenzahlung in den allermeisten Fällen zinsfrei. Es wird also nur der reine Kaufpreis gestückelt.  Der vierte Grund gefällt mir am besten: „Viele Leute gehen in den Laden und fragen, ob es bei Barzahlung einen Preisnachlass gibt.“ Habe ich in Deutschland auch schon gehört. Skonto bei Barzahlung im Wirtschaftsdeutsch, sonst: feilschen. „Gibt es keinen Rabatt, dann vereinbaren sie eine Ratenzahlung.“ Das leuchtet ein! Ratenzahlung als Strafe für einen nicht gewährten Rabatt. Clever, die Brasilianer!

Ob es regnet oder die Sonne knallt – Haltung wahren

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Es regnet: Perfekter Halt…

Gepflegtes Äußeres ist den Brasilianern extrem wichtig, man könnte sie als eitel bezeichnen. Drum duschen Brasilianer täglich, wenn es sein muss mehrfach und duften in der Regel gut – egal, ob morgens, mittags oder abends. Wie sie das bei 35 oder mehr Grad nach einem Arbeitstag schaffen, ist mir ein Rätsel. Eine gewisse Anmut und Selbstachtung gehört einfach dazu. Daran ändern auch zwei Ausnahmesituationen nichts, die tatsächlich gar nicht so große Ausnahmen sind. Erstens: Man musste sich beeilen oder anstrengen – binnen Minuten sehen Hemd oder T-Shirt aus wie frisch aus dem Schleudergang. Zweite Situation: Man kommt am Nachmittag in einen der berüchtigten Regengüsse und hat, natürlich, keinen Schirm dabei, weil ja am Morgen auch die Sonne geschienen hat. Auch hier ist man binnen Sekunden nass bis auf die Knochen.

Beides ist jedem Carioca schon einmal passiert, doch kein Grund zur Panik. Man tut einfach so, als wäre nichts gewesen. Erwischt dich der Platzregen 50 Meter vor der rettenden Bushaltestelle, würde der deutsche die Beine in die Hand nehmen und unter das schützende Wellblechdach stürzen. Beim Carioca könnte man meinen, er bekommt den Regen gar nicht mit. Unvermindert langsam setzt er seinen Weg unbeirrt fort, gerne auch im feinen Lackschuh.

Als ich das erste Mal einen solchen Platzregen erlebte, kam ich gerade vom Fußballspielen, war also komplett durch – normal, nach anderthalb Stunden Kicken mit beschissener Kondition bei 90% Luftfeuchtigkeit. Als ich losging, fielen ein paar Tropfen. Noch bevor ich mir überlegt hatte, ob ich es vielleicht doch noch halbwegs trocken nach Hause schaffen könnte, goss es wie aus Eimern. Und was macht der ohnehin sicknasse Gringo? Klar! Er quetscht sich zu den trocken gebliebenen Menschen in die Bushaltestelle.

Immerhin: Niemand schien dies für einen halbwegs exotischen Anblick zu halten: Einen begossenen Pudel mit FC-Trikot an einer brasilianischen Bushaltestelle. Warum auch? Ist schließlich jedem schon mal passiert.

Aber auch nur, um 10 Minuten später festzustellen (ja, ein Groschen ist kein Sturzbomber manchmal), wie beknackt das jetzt eigentlich gerade ist. Inzwischen war der Gehweg zum Sturzbach angeschwollen, schön braun, sodass man die Schlaglöcher natürlich auch nicht mehr sehen konnte. Aber eines muss ich sagen: Stapft man erstmals mit Schuhen und Socken durch knöcheltiefes Wasser und dachte, man sei schon nass gewesen – ein Bisschen nasser geht doch noch.