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Wir. Ziehen. Um.

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Nun also unser Balkon.

Ich fasse es nicht: Wir packen! Nein! Keine Sorge, wir kommen nicht zurück! Vorerst zumindest. Wir ziehen in eine andere Wohnung und zwar die, an der wir seit Wochen herumbaggern.

Freitag waren wir noch ernüchtert (s.u.), hatten uns innerlich ein weiteres Stückchen verabschiedet. Montag dann geht es Schlag auf Schlag: Whatsapp von Wiebke: „Vertrag wird heute vom Verwaltungsrat unterschrieben“. Mittags komme ich in die Schule zum Portugiesischkurs. „Hasteschon gehört?“ ruft mit eine Schulmitarbeiterin zu. Und gleich weiter: „Wollt ihr lieber Donnerstag oder Freitag umziehen?“ Was ein Glück, dass das lange Osterwochenende bevorsteht. Frei von einschließlich Donnerstag an. „Habt Ihr Kartons?“

Zwischen Hoffnungslosigkeit und Überholspur liegen manchmal echt nur wenige Stunden. Dienstag muss Wiebke in der Mittagspause zum Notar, den Vertrag unterschreiben, den ich umgehend in die Schule bringe, weil sie mit Edgar zum Arzt muss (nichts Schlimmes!) Das Umzugsteam ist organisiert, die stehen am Donnerstag um 6 Uhr (!) auf der Matte. Nun also schnell packen. Einigen Schrott haben wir entsorgt, anderes können die Porteiros gebrauchen. Die hatten auch noch ein paar Kartons im Gegenzug für uns.

Während die Mattese den Kram runterbringen – Morgen soll es übrigens viel regnen – werden wir die Betten zerlegen und die Schrauben verstauen – alter Ikea-Trapper-Trick: niemals den Umzugshelfern die Schrauben anvertrauen!

Der Wohnungsposse vierter Akt: die Kehrtwende

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Die Kartons liegen bereit.

Wer also glaubte, 180-Grad-Kehren in Serie könne in Brasilien nur die politische Klasse, der irrt. Es sieht so aus, als sei das systemimmanent.

Mitte der Woche erfuhren wir, woran der Mietvertrag derzeit hängt. Die Schule hatte einen Vertragspassus eingefügt, der dem Vermieter wiederstrebt. So möchte die Schule imFalle von Zahlungsrückständen unsererseits umgehend vom Vermieter informiert werden. Der Grund ist einleuchtend: Die Schule bürgt und möchte so unnötige, möglicherweise verschleppte Mahngebühren vermeiden. Der Vermieter argumentiert verbraucher- und datenschutzfreundlich: Das ist doch in erster Linie Sache zwischen Mieter und Vermieter. Ist auch was dran.

Ich kann beide Seiten verstehen. Drum haben wir angeboten – um endlich Ruhe zu haben – eine Erklärung für den Vermieter zu schreiben, wonach wir mit der Information an die Schule einverstanden sind. Denkbar auch: Die Schule tritt als Mieter auf, bekommt alle Infos direkt und wir überweisen die Miete an die Schule. Dies haben wir noch nicht vorgetragen.

Nichtsdestotrotz sind die neuerlichen Verschleppungen für uns Warnung genug, uns nach Alternativen umzuschauen. Also rein ins Netz, www.zap.com.br auf und festgestellt, dass dort nur die inzwischen die üblichen Verdächtigen feilgeboten werden.

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Ein Bett ist schon verstaut.

Unsere Wunschanlage, 19 de Fevereiro, ist mehrfach vertreten. Offenbar auch mit anderen Wohnungen. Zumindest kommen mir die Fotos nicht direkt bekannt vor. Ich kopiere den Link für die Schule und kontaktiere den Makler direkt. In der Not klappt es plötzlich auch mit dem Portugiesisch.

Zwei Stunden später erhalte ich Antwort, wann denn ein Besichtigungstermin passen würde. „Freitag nach 14.15 Uhr jederzeit“, antworte ich – vorsichtshalber auf Englisch gleich mit. Soll ja nicht an der Verständigung scheitern. Freitag morgen die Nachricht: „Anna erwartet Sie um 16.30 Uhr.“

Anna und wir sind pünktlich. 16.29 Uhr stehen wir wieder in der Empfangshalle der Nummer 45. Glücklicherweise hat der Porteiro, bei dem wir vorige Woche so rumgehampelt haben, scheinbar frei. Wir laufen zum Aufzug. Wir kennen den Weg. Anna drückt auf den Knopf, 8. Stock. Uns schwant etwas. „Das wird doch nicht die Wohnung vom letzten Mal sein?“, sagt Wiebke.

Doch, die ist es. Apartment 710. Déjà vu im 8.Stock. Wir tun so als wäre alles neu für uns. Messen ein wenig aus, nicken anerkennend, „tábom, tá bom (sehr schön, sehr schön)“. Die Kinder verstehen unser Schauspiel nicht und hampeln rum. Gut, dass Anna kein Deutsch spricht, sonst wäre unser Theater schnell aufgeflogen.- alles klar, die nehmen wir. Wir fragen nach dem Mietpreis. Überraschenderweise fällt der nach Auskunft Annas deutlich niedriger aus, als in dem Internetinserat und liegt auch deutlich unter dem bisher angenommenen Preis.

Prima, hätte sich die dritte Besichtigung womöglich doch noch gelohnt. Noch einen Blick zu Pool und Play – die Kinder fühlen sich schon heimisch und flitzen los. Aber: Der nun genannte Preis war fast zu identisch mit dem, den Anna für die zweite Wohnung nannte. Und den Preis wiederum kannten wir schon. Hier könnte eine Verwechslung vorliegen. Aber wir werden trotzdem mal fragen.

Da alles vertragliche über die Schule geht, geben wir eine Mailadresse der Verwaltung an. Plötzlich beschleicht uns aber der Verdacht, dass unser Schwindel auffallen könnte und der Vermieter verärgert werden könnte. Andererseits: Wir scheinen die einzigen ernsthaften Interessenten zu sein, so what? Wir beschließen, Anna das Ganze nicht zu erklären und verabschieden uns.

Erkenntnisse des Tages: Fotos im Internet können trügerisch sein. Der Mietpreis scheint möglicherweise noch etwas Luft zu haben. Wir wissen nun genau, dass wir die Möbel mitbekommen. Ist ja auch was.