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Vom Dorf auf 6,3 Millionen – Leben in einer Megacity

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Das Maracana-Stadion ist ein Wahrzeichen der Nordzone.

Meine Kindheit und Jugend verbrachte ich auf dem Dorf (2000 EW). Später zog ich zum studieren nach Bonn (350.000) und Manchester (1 Mio.), dann nach Frankfurt (700.000). Jetzt lebe ich mit meiner Familie in einer sogenannten Megacity. Rio de Janeiro. Zweitgrößte Stadt Brasiliens. Laut einer Erhebung der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2010 teile ich mir diese Stadt mit 6,32 Mio. anderen Menschen.

6,32 Millionen – das ist in Etwa die doppelte Einwohnerzahl von Berlin, gut das Dreifache von München. Damit belegt Rio Platz 27 auf der Welt (Sao Paulo ist mit 11 Millionen fast doppelt so groß) gleichzwischen Bogotá (26.) und Bagdad (28.) Aber merkt man es auch, dass man in solch einer riesigen Stadt lebt? Man ahnt es natürlich – schon der erste verhaltene Kontakt , die Taxifahrt vom internationalen Flughafen im Norden nach Botafogo, bzw. Humaitá – dem Stadtteil, in dem wir nun leben – ging die ganze Zeit durch die Stadt. 45 Minuten Fahrt, ohne nennenswerte Verkehrsbehinderung, größtenteils auf Schnellstraßen, als mit 60, 70 Kilometern pro Stunde im Schnitt. Das ist schon was. In der Zeit schaffe ich es lässig von Rödelheim hinauf zum Mainzer Lerchenberg. Und dazwischen liegen gute 50 km. Hier lag dazwischen von Anfang bis Ende Rio.

Vom Flughafen in die Südzone

Natürlich sind das nicht nur Wohngebiete. Man fährt vorbei an Gegenden, die man in Deutschland Gewerbegebiet nennen würde. Doch dieser Begriff passt auch nicht. Mal sieht man eine dicke, alte eingestürzte Fabrik, dann wieder ein Meer an niedrigen, eingeschossigen Geschäftsstraßen. Gleich daneben Hochhäuser – Büros aber hier vor allem Wohnungen. Bunt gewürfelt, wo gerade etwas frei wurde oder Geld da war. Und dort, wo noch Platz ist, oder im Laufe der Zeit Platz entstand. Wo vielleicht früher noch Bäume standen, ein bewaldeter Felsen – zwischen allem fressen sich die Communidades in die Stadt, früher und auch heute noch Favelas genannt, in die Straßen, die Hänge hinauf. Es fällt nicht schwer sich vorzustellen, vor welch schier unlösbaren Aufgabe das Planungsamt stehen muss.

Mit den Hängen hat das eine besondere Bewandtnis. Früher waren die Favelas illegale Siedlungen. Sprich: Kein Grundbesitz, keine Infrastruktur, kein Anrecht dort zu leben. Die Unterkünfte, es waren Hütten aus Pappe, Holz und Blech ließ die Stadt regelmäßig bulldozern. Ihre Art, mit dem Problem umzugehen. Darum begannen sich die Favelas die Hänge zu erobern – zu steil für die Planierraupe.

Von Hütten und Palästen

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Links: Wohnhochhaus, rechts der Versuch, eine Favela in geordnete Bahnen zu lenken. Beides oft nah beisammen.

1000 solcher Favelas, oder heutzutage offiziell Communidades genannte Siedlungen soll es geben. Viele kleine, ein paar Dutzend Häuser und sehr große: die Größte ist Rocinha, die von Süden her vornehmen Stadtteil Gávea über den Hügel lugt.

Die Hütten sind inzwischen längst massiv, teilweise bis zu drei oder vier Stockwerke hoch. Und das ganz ohne Architekt und Statiker. Strom gibt es von irgendwoher. Wasser kommt meist aus blauen Plastikbehältern, die auf den Dächern stehen. Wohin das Wasser fließt, wenn es benutzt wurde? Wahrscheinlich landet es wie fast alles Abwasser der Stadt in die Guanabara-Bucht, wo demnächst die Ruderer um Medaillen kämpfen sollen.

Längst hat die Verwaltung erkannt, dass Verdrängung nicht funktioniert. Vor einigen Jahren gab es eine Art Amnestie. Gebäude, die eine bestimmte Zeit lang gestanden hatten, konnten legalisiert werden. Damit besteht seither auch dort die Möglichkeit, Eigentum zu erschaffen und zu erwerben. Inzwischen sind Favelas, die als befriedet gelten, auch auf dem Mietmarkt durchaus attraktiv. Und bei abenteuerlustigen Touristen. Favelas sind also, wie man das im Erdkundeunterricht der 80er-Jahre gelernt hat, nicht mehr mit dem Begriff Elendsviertel gleichzusetzen. Auch dort tut sich etwas, hält die Mittelschicht Einzug. Wenn auch langsam.

Manche, an denen wir vorbeifahren, sind aber auch wirklich übel. Vor den Häusern aus unverputzten Lehmziegeln kaputte, lehmige Straßen mit Schlaglöchern. Überall kleine Tümpel –idealer Lebensraum für die Tigermücke und ihr Zikavirus. Freie Flächen zugemüllt. Es stinkt, wobei das auch in normalen Häusern durchaus vorkommt. Im ersten Moment waren wir froh, dass wir im Auto sitzen durften.

Den Strom scheint man sich einfach irgendwo vom nächsten Strommast abzuzweigen. Wenn man dort vor lauter abgehenden Kabeln überhaupt noch Platz findet. Elektriker müssen hier lebensmüde sein. In den feineren bürgerlichen Wohnvierteln, die ab Laranjeras und Flamengo sich in die Südzone erstrecken, sehen Strommasten aber keinesfalls anders aus. Alles überirdisch, verzweigt, unübersichtlich und für Ahnungslose garantiert tödlich.

Die erste halbe Stunde kann man sich schon fragen, was die Cariocas dazu geritten haben könnte, ihre Stadt als Cidade Maravilhosa, die wunderschöne Stadt, zu bezeichnen. Viel Entwicklungspotenzial könnten risikofreudige Projektentwickler hier sehen. Für das unbedarfte Auge sieht das einfach nur aus wie dritte Welt pur.

Doch kommt man dem Cristo auf dem Corcovado näher – er dreht übrigens den Armen in der Nordzone den Rücken zu, entfaltet Rio seinen Postkartencharme.

Die Südzone ist unser wesentlicher Bewegungsradius bislang gewesen. Copacabana, Ipanema am Strand, Jardim Botanico an der Lagoa – das waren die Viertel, in denen wir uns bislang sicher bewegten.

Der Verkehr kriecht

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Botafogo, der Stadtteil, in dem wir leben.

Zeitsprung, drei Wochen weiter. Wir leben inzwischen in Botafogo, dort, wo auch die Schule ist. Das ist nicht unwichtig, denn der Verkehr kann zäh werden. Die schule beginnt um 7.15 Uhr. Der Schulbeginn ist auch deshalbso früh, weil zu einer späteren Zeit kaum doch Durchkommen. Wer aus Ipanema, Leblon oder gar Barra kommt, verbringt einen Gutteil seines Tages im Auto. Anfangs war mir das gar nicht so stark aufgefallen. Ich dachte sogar: hey, das fließt doch alles verhältnismäßig gut ab. Bis wir mal an einem Freitag mit dem Taxi zum Strand wollten. Seither fällt mir auf, dass sich das Szenario nicht nur freitags, sondern mehrmals täglich wiederholt.

Wir brauchten eine Weile, um ein freies Taxi zu finden. Taxen selbst gab es genug, doch versuchten wir sie heranzuwinken, machten die Fahrer mit den Fingern ein bestimmtes Zeichen: Finger und Daumen bewegen sich aufeinander zu, wie bei einer Handpuppe. Für mich stand das immer für „Schwätzer“ oder „lass ihn reden“, weshalb ich das zunächst auch etwas unhöflich fand. Und es schien auch gar nicht zu den sonst so überaus freundlichen Carioca zu passen. Wir fanden irgendwann auch ein Taxi. Und weil wir nun ohnehin uns nur langsam in Richtung Lagoa de Freitas schoben – es war Wochenendverkehr – blieb Zeit zum Nachfragen. „Das Zeichen bedeutet besetzt“, klärte uns unser Taxler auf. Also nix Schwätzer, alles ganz harmlos.

Nach etwas Strand und Meer fuhren wir zurück. Wieder mit dem Taxi. Wieder standen wir im Stau. Das Handynavi des Fahrer zeigte beim Austeigen für die knapp 5 km eine Fahrzeit von 49 Minuten an. Um schnell zu trocken, hatten wir nur unsere Badesachen an, dazu ein T-Shirt. 49 Minuten Taxifahrt bedeutet aber auch: 49 Minuten Klimaanlage auf volle Pulle. Man friert. Wie die Sau. Ich kuschelte mich mit den Kindern auf der Rückbank zusammen. Während wir langsam durch den Stau schoben, zu den Klängen des bei Taxlern recht beliebten Schnulzensenders 99.9 FM, schliefen die Kinder ein. Es war dunkel, als wir daheim ankamen.