Besuch auf dem Friedhof Sao Joao Batista

?

Kopf einziehen – Ostereier.

Nein, in Sachen Wohnung tut sich nichts. Machen können wir nichts, also versuchen wir, so gut es geht um diese Frage herumzuleben.

Nächste Woche ist Ostern. Hier scheint es üblich zu sein, überdimensionale Schokoeier zu verschenken: Riesenei Peppa Pig, Riesenei Fluminense, Riesenei mit weißer/dunkler/ Nuss- Schokolade, Riesenei Brigadeiro (das sind diese kleinen Schokowürmchen, wie bei unseren Rumkugeln) und was sich sonst noch so vermarkten lässt. Gerne dekorieren die Supermärkte so, dass über einem Gang der Himmel mit diesen Eiern vollgehängt wird – die Regale sind ja voll, also wohin damit? Klar, bis zur Decke ist viel Luft.

Biege ich also im Supermarkt Pao de Acucar mit dem Einkaufswagen aus dem Gang mit Reinigungsmitteln in den Zwischengang, ist mein Sichtfeld stark eingeschränkt. Denn die Eier hängen auf knapp 2 Metern Höhe (kommt ja sonst niemand mehr dran). Doch die sind, wie gesagt, ziemlich groß, weshalb sie bis auf rund 1,80 Meter Höhe runterbaumeln. Das spürt man dann mit 1,90 Metern Körperlänge deutlich. Bei Lojas Americanas – eine Art Woolworth – macht man das auch. Und auch bei Prezunic, einem flammneuen Supermarkt an der Rua Gal. Polidoro, wohin ich mich am Mittwoch das erste Mal aufgemacht hatte.

?

Hier geht es ruhig zu.

Nur kurz zur Oientierung: Durch den langgezogenen Stadtteil Botafogo verlaufen in Längsrichtung vier Straßen, die die Hauptverkehrsachsen darstellen. An der ersten liegt die Schule. Die vierte ist besagte Rua Gal. Polidoro. Der Supermarkt war nicht das Ziel, auch wenn ich immer für neue Supermärkte zu haben bin (es gibt nämlich nicht, wie bei uns, in jedem Laden immer alles. Man läuft tatsächlich für einige Dinge hin und her. Sei es, weil es sonst gar nicht da ist, der Preis sich deutlich unterscheidet oder schlicht die Qualität eine andere ist. Einkaufsliste schreiben ist gleichzeitig Mindmapping). Auch die zahlreichen Autowerkstätten, die es dort in jeder Größe und Seriositätsabstufung zu geben scheint, interessierten mich nicht. Wir haben nämlich gar kein Auto.

?

Etwas anders als gewohnt.

Nein, ich wollte mich aufmachen zum Cemitério São João Batista, dem, wenn ich das richtig gelesen habe, einzigen Friedhof in Rios Südzone. Er liegt auf der Grenze zum Stadtteil Copacabana. Mit dem Taxi kamen wir schon einige Male auf dem Rückweg vom Strand vorbei.

Ich mag Friedhöfe. Genauso, wie ich gerne Kirchen besichtige. Jedes Land hat seine besondere Bestattungskultur. Und meistens sind es Oasen der Ruhe im hektischen Großstadtgewirr. Wer bei diesem Thema in die Tiefe gehen will, dem empfehle ich die ausführliche Abhandlung zur brasilianischen Bestattungskultur, den ich auf der Seite Bestattung online gefunden habe.

Ich kenn das noch aus dem Rheinland. Naht der Totenmonat November wird das Grab der Verwandten herausgeputzt auf Teufel komm raus. Blümchen pflanzen, Blätter rechen, Buchbäumchen stutzen, Kerze auffrischen – was sollen sonst die anderen Leute denken. Damit ist man auf diesem Friedhof schnell fertig. Denn dort finden sich keine beetartigen und bepflanzten Gräber.

?

Schmuck ist eher selten.

Gräber bestehen hier meist aus polierten Steinkisten, die wie eine englische Vorstadtreihenhaussiedlung eng nebeneinander stehen. Manche sind schlicht, tragen einen Schriftzug und die Lebensdaten. Andere zeigen den oder die Verstorbene zusätzlich auf einem kleine Foto. Schwarz-weiss meist, denn die Gräber auf diesem Friedhof sind sehr alt. Oft sieht man Gräber mit frommen Motiven – Pietas, Kreuzigungsszenen, Jesusstatuen – oder sie gleichen gar kleine Mausoleen. Schmuck findet man kaum – ein paar kleine Blumentöpfchen vielleicht, meist aber eher Plastikblumen wie von der Kirmesschießbude. Halten ja auch länger.

1852 wurde der Friedhof eröffnet. Auf 183.123 qm Fläche bietet er 100.000 Gräbern Platz. Rund 2 Mio. Menschen wurden seither dort beerdigt, vor allem viele prominente Brasilianer. Da die Orientierung nicht so leicht ist, ist die Teilnahme an einer Friedhofsführung empfohlen. Sie finden einmal monatlich statt. Nähere Infos dazu hier.

Berühmte Tote

?

An manchen Gräbern worde nicht gespart.

Der Erfinder und Komponist des Mädchens von Ipanema, Antonio Carlos „Tom“ Jobim , liegt dort begraben (Alea Prinzipal Nr. 24013) und weitere bekannte Musiker wie Carmen Miranda (Alea 5 Nr. 1724E-1) , Nelson Goncalves oder Schriftsteller Vinicius de Moraes . Auch Clara Nunes und Alberto Santos-Dumont (brasilianischer Luftfahrtpionier) fanden dort ihre letzte Ruhe. Zudem bettet Sao Joao Batista etliche Ex-Präsidenten und hohe Militärs und bietet schon deshalb eine Gelegenheit in die Geschichte Brasiliens tief einzutauchen.

Bis 2012 war dort auch das Mädchen Odete Vidal de Oliveira begraben, den Cariocas als Odetinha bekannt. Sie ist die erste Carioca, für die der Vatikan das Verfahren zur Heiligsprechung eröffnet hat. Deshalb wurde sie umgebettet. Ihre Gebeine finden sich nun in der Igreja Imaculado Conçeicão, ebenfalls in Botafogo.

Übrigens auch architektonisch ist der Friedhof interessant. Er bietet auf engem Raum Einblicke über die Bestattungsvorlieben der vergangenen 150 Jahre. So finden sich auch etliche gut erhaltene Art Deco Gräber. Einer der letzten großen Brasilianer, der dort bestattet wurde, ist der Stararchitekt Oskar Niemeyer (Q 3 Nr. 10387). Leider habe ich von den vielen Prominenten erst nach meinem Besuch gelesen. Drum werde ich auf jeden Fall bald nochmals hingehen.

?

Blumengruß.

Auch wenn der Besuch mit gewisser Vorsicht zu genießen sein soll. Das hatte ich im Vorfeld einige Male gesagt bekommen.Aber das ist bei den meisten Sehenswürdigkeiten so, dass man zuvor vor Dieben und Überfällen gewarnt wird. Klar, kein Frund leichtsinnig zu sein. Es ist zwar nichts passiert (der Friedhof ist umzäunt und bewacht), aber ich hatte auch nur das Nötigste mit. Mit allzu offensichtlichem Fotografieren sollte man auch vorsichtig sein, das wird aus Pietätsgründen nicht allzu gerne gesehen. Aber ich war meistens mutterseelenallein unterwegs.

Der Friedhof war 2012 geschossen worden, ist aber seit 2014 wiedereröffnet. Bewirtschaftet und betrieben wird er von dem Privatunternehmen Rio Pax.

 

Öffnungszeiten: 7 bis 17 Uhr.

?

Brasilianische Bestattungskultur.