Umzugspläne: Ja, nein ich mein‘: jein

Soll ich’s schreiben? Oder besser lassen? Ist doch jetzt klar – oder doch noch nicht? Ja, wenn wir nur wüssten, wie wir den Stand der Dinge zur neuen Wohnung und unserem Umzug bewerten sollen, wäre uns deutlich wohler. Aber bislang ging jede Prognose in die Hose, überschlugen sich die Ereignisse nach tagelangem zähem Stillstand. Darum fasse ich mal den Stand der Dinge bis heute, Sonntag, 12. März, zusammen, auch wenn er schon morgen wieder überholt sein könnte.

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Phantasievoller Grundriss.

Angeschaut hatten wir uns die Wohnung schon früh, vor 5 Wochen. Noch vor der Karnevalswoche, in der hier in der Stadt nichts – also wirklich nichts, nicht das normale nichts – läuft, hatten wir unser Interesse bekundet. Danach kam die große Sendepause. Was uns nervös machte: In der Wohnanlage waren gleich mehrere Appartments in www.zap.com.br eingestellt. Anhand der Bilder ließen sich keine Unterschiede ausmachen. Wir vermuteten also, dass ein und dieselbe Wohnung gleich mehrfach von unterschiedlicher Stelle angeboten worden sein könnte.

Wir hatten noch ein zweites Eisen im Feuer. Dort, ebenfalls in Botafogo, hatte mich Wiebke nochmals hingeschickt um zu schauen, ob die Außenbrüstungen tatsächlich hoch genug seien. Schließlich lag diese Wohnung im Hochparterre, d.h. vom „Play“, so nennt man hier die Zwischenebene, auf der sich Spielplätze unf Gemeinschaftsanlagen wie Pool oder Churrasqueria (Grillecke) befinden, wäre dies die nächstgelegene Wohnung. Und irgendwie war die Mauer rundherum Wiebke nicht sonderlich hoch vorgekommen. Sicherheit ist ein wichtiges Thema beim Wohnen hier, deshalb ja auch die ganzen 24-h-überwachten Wohnanlagen. Drum schlappte ich eines Morgens halt nochmal hin. Es gab eh noch einiges zu erledigen.

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Blick vom Balkon.

Als ich dort eintraf, musste ich schmunzeln. Denn weder Wiebke noch mir war bei der ersten Besichtigung aufgefallen, dass die Wohnung zwar im Hochparterre liegt. Dieses Hochparterre beginnt jedoch erst oberhalb der beiden Autoparkdecks, die wiederum oberhalb des Eingangs lag. Denn im Erdgeschoss befindet sich ein Supermarkt. Wenn man so will, wächst das Hochhaus also auf einem stattlichen Sockel von mindestens 10 Metern Höhe empor. Das ließ sich sehr gut feststellen, als zwei Frauen das kleine Törchen gleich neben dem Klotz aufschlossen – offenbar um an ihre Wohnung zu gelangen. Neben dem Törchen ragte die weiße Mauer senkrecht empor. Selbst Spiderman hätte hier Probleme bekommen. Die kleine Mauer also, die neben dem Pool verlief und von oben betrachtet vielleicht 1,50 m hoch war, fiel auf ihrer Rückseite also 10-12 m ab. Das sollte doch reichen. Abends trug ich Wiebke meine neu gewonnenen Sicherheitserkenntnisse vor. Seither war zumindest das Thema abgehakt.

Aber wir wollten ja eigentlich auch die andere Wohnung, das hatte die Familie mit 3:1 Stimmen entschieden (ich favorisierte leicht die andere Wohnung, eben weil sie etwas niedriger als der 8. Stock liegt, aber egal).

Petra* von der Schule – ja, genau die, die mit uns die ganzen lustigen Ausflüge machen darf (Policia Federal, Wohnungsbesichtigungen etc.) – telefonierte in regelmäßigen Abständen mit der Firma, vermutlich dem Makler. Richtig neues gab es nicht. Eines Tages hieß es nur: Der Vertrag sei unterwegs. Jetzt geht es bestimmt flott, dachte ich. Denkste. (* nicht der richtige Name)

Ewiges hin und her

Denn es dauerte wieder mindestens eine Woche, bis der Vertrag aus Sao Paulo in Rio eintraf. Nun musste die Schule das Papier prüfen, schließlich übernimmt sie die Bürgschaft. Der Verwaltungsrat befindet, der Justiziar prüft. Zudem hatte der Vermieter eine Bonitätsauskunft der Schule gefordert. Die spaßfreien Paulistas scheinen den lebenslustigen Cariocas ja richtig zu vertrauen. Doch nach einer weiteren Woche ging der Vertrag zurück. Mit ein paar kleineren Änderungswünschen. Was genau? Keine Ahnung. Wir haben das Teil noch nicht gesehen, zudem wäre es eh auf Portugiesisch. Aber da die Schule im Zweifelsfall die Birne hinhalten muss, vertrauen wir ganz auf deren Verhandlungsgeschick.

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Der Balkon ist schön groß.

Da die erste Besichtigung schön länger zurücklag, wollten wir uns die Butze nochmal anschauen. Schöngeredet hatten wir sie uns längst. Nun sollte der Abgleich mit der Realität erfolgen. Kein Problem: Donnerstag, 16 Uhr, am Objekt. Julia kommt als Dolmetscher mit.

Dachten wir. Donnerstags die Whatsapp von Wiebke: Julia krank, geht schon mal vor, komme nach. Puh. Na gut. Schlag 16 Uhr stand ich mit den Kindern auf der Matte, bzw. vor dem 2,5 m hohen Zaun an der Gegensprechanlage. „Visitacao para apartamento“, sprach ich hinein. Anschließend ging die Glastüre auf, und ein Porteiro kam mit fragendem Blick auf mich zu. „Visitacao, apartamento, hoje quarto hora aqui“, legte ich nun los. Immerhin ließ er mich rein. Verstanden hatte er aber immer noch nichts, fürchte ich.

Denn von einer Besichtigung wusste er nichts. Und ich wusste weder die Apartmentnummer noch die vermittelnde Firma noch sonstwas. Das ist eben der Nachteil, wenn man andere alles planen lässt und die Schlüsselspieler kurzfristig krank werden. Aber ich konnte Zeit gewinnen. „Minha esposa vai em 20 minutos“, verwies ich auf die später kommende Wiebke. Vielleicht hatte sie kurzfristig noch mehr Infos sammeln können. Wir durften derweil im Foyer Platz nehmen.

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Nach der Besichtigung regnete es ordentlich.

Doch meine Hoffnung erfüllte sich nicht. Wiebke wusste auch nicht mehr. Kurz drauf saßen wir zu viert dumm rum. Immerhin war der Porteiro clever. Ihm war eingefallen, dass eine deutsche Familie im Haus wohnt und bat diese als Übersetzer hinzu. Zumindest war das geklärt. Von einem Besichtigungstermin wusste er aber danach immer noch nichts. Sehr viel später gingen wir heim. Die Hoffnung hatte einen Dämpfer erhalten. In mir wuchs ein Verdacht: Sollten doch mehrere Makler die Finger im Spiel haben? Vielleicht hatte ein anderer ein paar hundert Reais mehr Miete geboten und uns so aus dem Rennen geschossen. In solchen Situationen neigt man ja hin und wieder zu Verschwörungstheorien.

Am nächsten Tag musste ich zur Schule. Wiebkes Schlüssel holen. Mir war beim Müllrausbringen die Tür zugefallen. Der Schlüssel steckte innen natürlich. Wlan geht aber vor der Haustüre auch, also schrieb ich Wiebke eine Whatsapp und stiefelte los. Aber erstmal einkaufen.

Julia war immer noch krank. Als ich den Schlüssel im Sekretariat bei Corinna holen wollte, war sie am Telefon und machte mir vieldeutige Zeichen. Offenbar war der Makler an der Strippe. „Habt ihr morgen um 13 Uhr Zeit?“, fragte sie, nachdem sie aufgelegt hatte. „Vielleicht klappt es noch mit einer Besichtigung. Muss ja weitergehen.“

„Klar“, antwortete ich. Wollte ja jetzt nicht zicken und den Termin versemmeln. „Wir sind da.“

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Gekauft zwar, aber nicht geliebt. Unser Sofa.

„Gut, ich versuche das einzurichten“, sagte sie. Beruhigt ging ich heim, hoffend, dass der Schlüssel funktionieren würde trotz steckendem Gegenstück. Um es kurz zu machen: War kein Problem. Hätte ich länger drüber nachgedacht, wäre meine Freude sicher Sicherheitsbedenken gewichen. Aber wofür haben wir denn die anderen beiden Schlösser.

Um 16 Uhr kam Wiebke aus der Schule. „Corinna hat noch niemanden erreichen können“, schien sie meine erste Frage zu erahnen. Wird dann wohl nix dachte ich und ging mit Edgar einen Staubsauer kaufen. Schließlich haben wir diverse Stücke unserer teuer erstandenen Sperrmüllsammlung in diversen Facebook-Gruppen (Gringoes – buy and sell; Rio buy and sell) eingestellt, unter anderem unser ehemals cremefarbenes Sofa. Damit dieses überhaupt eine Chance auf dem Markt haben würde, trotz des konkurrenzlos günstigen Einstandspreises von 100 Reais, wollte ich es auf jeden Fall einmal ausgesaugt haben und, wenn möglich, sogar mit Polsterreiniger behandeln. Nur: Wo zum Henker kriege ich Polsterreiniger her? In einer der besagten Gruppen empfahl mit eine Dame stattdessen Hundeshampoo.

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Roch nach dem zweiten Benutzen leicht verschmort, muss aber nichts heißen.

18.30 Uhr, Freitag. Ich decke den Tisch. Wiebke kommt aus dem Schlafzimmer, das Handy in der Hand. „Nachricht von Corinna“, sagt sie. „Morgen, 11.30 Uhr wartet Vanessa auf uns.“ Damit hatte ich nicht mehr gerechnet. Aber cool. Unser freitagliches Come-Together* auf dem Balkon, das wir voreinigen Wochen zum Wochenausklang eingeführt hatten, wurde zur klitzekleinen Feier.

(*Eigentlich sitzen wir abends mit den Kindern dann draußen, Kerze an, jeder ein nettes Getränk und genießen es zusammen zu sitzen und am nächsten Tag nicht so früh raus zu müssen. Werden wir in Deutschland später versuchen beizubehalten)

Samstagmorgen. Mit einsetzendem Regen treffen wir in der Straße 19 de Fevereiro ein. Es tropft. Kurze Zeit später würde ein stattliches Gewitter niedergehen. Aber das erlebten wir glücklicherweise in der Wohnung. Vanessa war nämlich schon da. Ein schüchternes Mädchen mit einem Schlüssel aber wenig Wissen über die Wohnung selbst. Also beschränkten wir uns auf das Ausmessen. Den Zollstock hatte ich im Laufe der Woche aufgetrieben.

Beim Messen fiel und eines auf: Die Wohnung ist eine ganze Ecke kleiner als die jetzige. Zwar auch drei Schlafzimmer, Küche, Wohnzimmer – aber die Räume deutlich kleiner geschnitten und dazu ziemlich verwinkelt. Sowas kann nur im Drogenrausch oder von einem komplett Ahnungslosen konzipiert worden sein. Scheißegal. Irgendwie werden wir unseren Kram schon unterbringen. Außerdem ist der Balkon riesig. Und da es hier ja wohl nie so richtig kühl wird, ist das quasi das verlängerte Wohnzimmer.

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Die Küche.

Weitere Vorteile: Alles gefliest. Kein pilziges, verranztes, loses Parkett. Nein, allesprima verlegt, hell und sauber. Stechdosen sehen auch so aus, als ließen sie sich benutzen, auch wenn ich nicht glaube, dass sie auf 220V laufen, wie das Mädchen behauptet.

Die Küche ist hell und das Beste: Alle Fenster und Türen lassen sich schließen, nicht klappert und scheppert. Das Wasser läuft ab. Alles prima, wir nehmen das Ding. Den großzügigen Pool, der ebenfalls zur Anlage gehört und der „Play“ mit Auslauf für die Kinder erwähnte ich ja schon, oder? Wenn nicht: ist auch da.

Wir verabschiedeten uns. Ob wir demnächst auch den Vertrag unterschreiben können, weiß ich nicht. Das wusste Vanessa nicht. Aber laut Corinna hat die Schule wohle eine Vertragspassage geändert, die dem Vermieter nicht zu passen scheint. Normales Geplänkel oder doch ernsthafte Bedrohung für die Umzugspläne? Warten wir es ab. Morgen gibt es bestimmt schon wieder einen neuen Wasserstand zu vermelden.