Kultur: Im Museu do Amanha richten wir den Blick in die Zukunft

ãP1070431In einer Stadt wie Rio geht man in die Natur, aber nicht ins Museum – so sinngemäß kommentierte Hannelore unseren Sonntagsplan, nachmittags in das Museu do Amanhã, Museum von Morgen, zu gehen, das vor wenigen Wochen, Ende 2015, am Praça Mauá eröffnet hatte. Sämtliche Architekturmagazine widmeten dem spektakulären Bau, der aussieht wie ein Echsenskelett bereits große Geschichten, zeigten spektakuläre Bilderstrecken. Dabei ging es bislang immer stets um die Architektur des Spaniers Santiago Calatrava. Doch was im Inneren passiert, wie die Zukunft museal aufbereitet wird, darüber war bislang wenig zu lesen.

Trotzdem hier ein paar Daten: 5000 qm Ausstellungsfläche bietet das Museum, gewissermaßen das Sahnehäubchen auf dem aufwendig sanierten Viertel Porto Maravilha. Dort, wo einst schmierige Matrosenspelunken den Landgängern Amüsemang in jeder erdenklichen Form geboten wurde, hat die Prefeitura von Rio kurz vor den Olympischen Spielen einen Protzboulevard aus dem Boden gestampft. 7600 qm misst der Platz vor und um das Museum. Spektakulär ist natürlich vor allem das überhängende Vordach. 75 Meter ragt es auf die Praça Mauá hinaus, seeseits immerhin noch 45 Meter. 18 Meter hoch ist das Gebäude, das 230 Mio. Reais gekostet hatte – rund 75 Mio. Euro.

Präsentation dringt ins Bewusstsein

P1070445“The journey is a little trippy, a little hippy, very worthy but almost never dull”, schrieb der britische Guardian nach der Eröffnung zum musealen Konzept. Das greift kein besonders schönes Thema auf: Wie kann die Menschheit künftig trotz steigender Bevölkerung, wachsenden Ressourcenverbrauch und zunehmender Verschmutzung und Verstädterung überleben? Keine leichte Kost. Jedoch für europäische Gemüter, denen die Mülltrennung bereits im Säuglingsalter eingebimst wird, kein unbekanntes Themenfeld. Wer sich ein wenig mit der Thematik bereits auseinandergesetzt hat – und wer hat das nicht? – wird hier wenig Überraschendes oder Neues finden. Überragend und passend zur futuristischen Architektur ist freilich die Umsetzung.

Die setzt vor allem auf große optische Effekte. Man muss nicht viel lesen, um durch die Ausstellung zu finden. Man muss vor allem sehen und die optischen Reize – stets untermalt von sphärischen Trancetechnoklängen – in sich aufzunehmen. Großer Erkenntniszugewinn ist nicht zu erwarten, aber die Art der Präsentation beeindruckt und dringt durch die reizüberflutete Abgestumpftheit ins Bewusstsein. Auch wenn man alles schon wusste: So eindringlich wurden mir die Megathemen der Menschheit selten präsentiert. Das bleibt durchaus hängen.

Kinderfreundliche Preise

P1070437Der Eintritt kostet für einen Erwachsenen 10 Reais und für Kinder die Hälfte. Wer Kinder bis sechs Jahre mitbringt hat Glück: Er darf vorbei am Hauptfeld der Wartenden – und derzeit sind das noch viele – auf einer Priorityline ins Innere Bewegen. Die dort immernoch nicht unerhebliche Wartezeit verkürzt ein riesiger animierter Globus an der Decke, der diverse Phänomene – Tektonik, Klima – hübsch anschaulich zeigt. Zugleich ist er, ähnlich wie der schiefe Turm von Pisa, ein beliebtes Fotomotiv.

Wer jedoch nicht gerade am Pier nebenan mit einem Kreuzfahrtschiff anlegt, der muss sich von der Südzone etwas umständlich den Weg dorthin suchen. Die nächste Metrostation liegt gute 15 Minuten Fußmarsch entfernt. Da der Weg durch das sonntags Menschenleere Stadtzentrum führt, ist diese Option nicht zu empfehlen. Besser ein Taxi nehmen. Von Botafogo aus kostet die Fahrt 40-50 Reais – je nachdem, wie gut sich der Taxifahrer auskennt. „Nunca foi lá“ („noch nie dort gewesen“) sagte unser Kutscher auf dem Hinweg. Entsprechend gondelte er uns durch die weniger reizvollen Comminidades von Tijuca. Am Ende fragte er sogar einen anderen Taxifahrer. Aber wir erreichten das Museum trotzdem – er hatte sicher mehr Blut und Wasser geschwitzt als wir. Im klimatisierten Auto kann eine solche Fahrt schließlich auch interessant sein.

P1070459Also: Wer den Weg nach Rio findet und schnell den Cristo und Zuckerhut durchhat und auch nicht ständig an den Stränden herumlungern will, der sollte sich mal eines der vielen Museen der Stadt anschauen. Das Museu do Amanha ist sicher nicht nur für Geografen oder Grünen-Sympathisanten interessant. Außerdem: Warum nicht mal einen Blick in die Zukunft riskieren. Besonders dann, wenn es so knallig präsentiert wird wie hier.

 

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