Einkaufen 2: Die Entschleunigung durch die Kassiererin

Wer aus Rödelheim kommt und hin uns wieder bei Aldi einkauft, kennt sie: Die Frau mit den kurzen, farbenfrohen Haaren. Immer für einen kleinen Schnack zu haben, schiebt sie die Waren so schnell über den Scanner, als hätte sie vier Arme. Und egal, wie sehr man versucht hat, die Waren vorher strategisch auf dem Band zu platzieren, um beim Einkaufskisten-Tetris gegen sie überhaupt eine Chance zu haben – es wird nicht gelingen, sie ist schneller. Als ob sie im Akkord bezahlt würde. Keine Millisekunde Zeit verplempern, Nächster, bitte!

Wer einmal das genaue Gegenteil erleben möchte, Entschleunigung die beinahe schmerzt, der sollte mal hierher kommen – und in irgendeinen Laden gehen. Denn egal, ob der Laden gerammelt voll ist, weil jeder vor dem wichtigen Fußballspiel im TV noch schnell Bier braucht, oder der Klamottenladen erst vor wenigen Minuten geöffnet hat und gar nicht viele Kunden schon an der Kasse stehen können. In Rio sorgt die Kassiererin an der Kasse dafür, dass man auf seine Mindestverweildauer kommt.

Warten lassen, bis die Schlange lang ist

Ein Paradebeispiel erlebte ich heute in der örtlichen C&A-Filiale. Ich wollte nur schnell eine Badehose bezahlen. Zwei Leute vor mir, nur eine Kasse offen, das sollte doch gehen. „Proximo – der nächste, bitte“ nuschelt die Kassiererin, die erste Kundin geht zur Kasse. Sie trägt ein Firmen-T-shirt, scheinbar will sie schnell in der Frühstückspause ein paar Leggings kaufen.

Wie auf Valium, mit versteinertem Gesicht, nimmt die Kassiererin die Ware entgegen. Gemächlich den Kleiderbügel lösen, langsam beiseite legen. Behutsam falten, weglegen, erst mal nach Tüte greifen. Ware wieder aufnehmen, in die Tüte stecken, hinlegen. Erst jetzt die entscheidende Frage bei jedem Kassiervorgang: „Debito ou credito?“ Kartenzahlung ist ohnehin klar. Ich habe in 5 Wochen erst eine handvoll Leute beobachtet, die ihre Einkäufe bar gezahlt haben. Und meist hatte vorher die Karte gestreikt.

Gerät aktiviert, schneller Blick in Whatsapp, während die Kundin ihre Geheimzahl eintippt. Nochmal kurz Mail checken. Erst jetzt rattert der Belegdrucker. Nochmal sorgfältig anstarren, das Papier, dann dem Kunden reichen – nicht in die Tüte stecken. Fünf Minuten vergehen so lockerst.

„Proximo“

Nächste Kundin nun, sollte man meinen. Aber erst mal alle Kleiderbügel (sechs Stück) schön sortiert hinter sich an ein Rack hängen. Ein offener Schuhkarton irritiert mich. Anscheinend ein Umtausch-oder Rückgabeartikel. Doch so richtig schlüssig, was sie damit anfangen soll, ist sie nicht. Ping, Nachricht bei Whatsapp. „Proximo“. Eine kräftige junge Frau vor mir hat sich mit ein paar Basics eingedeckt. Hinter mir ist die Warteschlange auf inzwischen 5 Personen angewachsen. Aber deswegen einen Zacken zulegen? Mir ist es noch Wurscht, ich habe Zeit, muss erst in zwei Stunden die Kinder in der Schule abholen, das sollte doch reichen.

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Nach dieser Kundin wäre ich theoretisch der nächste. Doch erstmal ein kurzes Schwätzchen mit der Kollegin, die gerade um die Ecke kommt. So,nun bin ichdran. Um den Bezahlvorgang kurz zu halten, habe ich mich zur Barzahlung entschlossen, den 50 Reais-Schein schon in der Hand. Wie in Trance verpackt die Kassiererin meine Badehose. Ich reiche ihr den Schein. Nebenan öffnet derweil Kasse zwo. Die Kassiererin spricht einen Satz, schaut mich an. Ich habe sie nicht verstanden, glaube, sie muss erst Wechselgeld holen verschwindet um die Ecke. Immerhin: der Beleg steckt schon im Drucker, wenn sie dann kommt, geht es bestimmt flott.

Nebenan die Kassiererin drückt auf die Tube, ein Kunde nach dem anderen tritt näher, zahlt, geht, tritt näher, zahlt, geht. Muss aber auch, denn zur größten Rushhour warteten dort, inklusive mir, acht oder neun Personen. Ach ja, meine Kassiererin bleibt verschwunden. Eine gefühlte Ewigkeit lang. Irgendwann kommt sie wieder, mit einem Stoffbeutel in der Hand. War sie jetzt nur auf dem Klo, eine Rauchen, ein Pausenbrot essen – oder alles drei zusammen? Nein, im Beutel ist tatsächlich Wechselgeld. Sie reicht mit 30 Reais – eigentlich zehn zu viel, wie ich feststelle. Aber ich sage nichts – das ist meine Warteentschädigung rede ich mir ein-, sondern stecke das Wechselgeld ein, bedanke mich und gehe. Eigentlich wollte ich noch Bettwäsche kaufen und Lebensmittel, aber ich mache mich langsam auf den Heimweg.

Genervt sein bringt nichts

Das schöne an solchen Situationen ist aber: ich füge mich geduldig in mein Schicksal. Hätte ich früher nervös geschnalzt, vernehmlich genervt aufgestöhnt oder „gibt es doch nicht“ halblaut vor mich hingemurmelt – hier nehme ich das stoisch hin. Macht hier ja auch überhaupt keinen Sinn zu drängeln, oder eilig zu tun. Weil es einfach keinen juckt.Außerdem würde mich niemand verstehen. Und soweit, dass ich unflätig auf Portugiesisch vor mich hinfluchen könnte, bin ich noch nicht.

An der Kasse gibt die Kassiererin die Schlagzahl vor, sonst niemand. Eine ganz neue Erfahrung für mich. Für mich gehört dasinzwischen dazu, ich nutze die Zeit, betreibe derweil Sozialstudien, schaue mir die Leute respektive Kassiererinnen genau an. Eine, die sich mir einmal wegen ihres ganz besonders gleichgültigen Gesichtsausdrucks ins Gedächtnis quasi eingebrannt hatte, habe ich Tage später auf der Straße gleich wiedererkannt, als sie mir begegnete. Und das bei meinem Gesichtsgedächtnis.

Eine andere, im selben Supermarkt, kommt derart aufgebrezelt zur Arbeit als würde sie im Chanel-Flagshipstore arbeiten oder auf ihre Entdeckung als Modelwarten, um dem Trott entrinnen zu können.

Vielleicht ist das der Schlüssel zum Ganzen. Die Schicht muss abgerissen werden, so oderso. Egal, ob Kunden warten, oder nicht. In Deutschland müsste die Kassiererin bei einer Lücke aufspringen, Regale auffüllen, wischen, weiß der Geier was noch. Zur Erinnerung: Bei Schlecker arbeitete immer genau eine Person. Hier sind manchmal acht Kassen besetzt, aber kein Kunde wartet. Und für das Auffüllen gibt es anderes Spezialbersonal. Im Papierladen, wo ich die Heißklebepistole kaufte, standen hinter der Theke vier Leute, im Laden liefen weitere zwei herum, eine siebte saß an der Kasse. Und das in einem Laden so groß, wie eine Doppelgarage.

Ein anderes Mal findet die ältere Dame im Supermarkt die Zeit, sich mit Wiebke über die Schwierigkeiten den Fremdsprachenlernens zu unterhalten, wobei sie ausführlich und wortreich doch Wiebkes gutes Portugiesisch würdigt.

Im Fachhandel sieht das anders aus. Etwa im Badelatschenladen im Praia Shoppingcenter. Verkaufsfläche 12 qm, fünf Verkäufer stehen sich auf den Füßen. In Deutschland wäre man noch vor dem Laden angequatscht worden, hier haben wir zu viert – damit ist der Laden voll – kein Problem. Wir schauen, testen, hängen falsch zurück (wollte sehen, ob das jemandem auffällt) oder lassen liegen – juckt hier keinen. Eine Verkäuferin steht einen halben Meter neben uns, vertieft in einen Whatsapp-Chat. Ein zweiter, den ich vorher gar nicht bemerkt hatte, drückt sich vor dem einzigen Spiegel im Laden in aller Seelenruhe Pickel aus.

Inzwischen haben wir unsere Auswahlgetroffen, gehen zur Kasse. Auf anderthalb Quadratmetern stehen dort nochmal drei junge Verkäufer herum, unschlüssig, wer nun kurz aus dem Gespräch aussteigen und kassieren muss.