Zum Geburtstags gab es das Abschiedsgeschenk

P1070333 Die zweite Schulwoche hat begonnen. Wiebke und die Kinder haben das Haus pünktlich verlassen, der Boden ist gewischt, die Waschmaschine rattert – Teil meiner neuen Alltagsroutine als Hausmann. Heute brauche ich nichts zu kochen, wir treffen uns in der Schulkantine, da Wiebke und ich anschließend Portugiesisch lernen. Die Kinder gehen in der Zeit in die Bücherei.

Gestern war Wiebkes Geburtstag. Ella und Edgar haben es so gerade noch geschafft, unser Geschenk – einen Tonpapagei zum Aufhängen – nicht vorab auszuplaudern. Es war ihnen aber ganz schön schwergefallen. Wer die beiden kennt weiß, wie gerne sie anderen eine Freude machen. Und den Papagei hatten sie sogar selbst entdeckt, beim Blumenhändler neben dem kleinen Spielplatz am Largo desLeoes. Als wir ihn kauften, konnte der Blumenhändler nicht wechseln, hatte uns deshalb 5 Reais erlassen. Nachmittags hatten wir, sehr zur Freude des Mannes, die Schulden beglichen.

P1070280Der Brasilianer zahlt viel mit Kreditkarte. Für uns ist jedoch das Bargeld noch das wichtigste Zahlungsmittel – da wir noch kein brasilianisches Konto haben dürfen. Das geht erst, wenn die Bundespolizei (Policia Federal) Anfang März unseren Aufenthaltsstatus offiziell bestätigen wird. Wir sollen zu diesem Termin viel Zeit mitbringen, hat man uns gesagt.

Es gibt Banknoten von 2, 5, 10, 20, 50 und 100 Reais. Obwohl beim Einkauf recht schnell Beträge um oder über 100 Reais (ca. 22 Euro) zusammenkommen, scheinen Kassiererinnen nicht gerne 50er oder 100er Scheine anzunehmen. Regelmäßig fragen sie nach kleineren Scheinen – die man am Bankautomat jedoch nicht so ohne weiteres bekommt.

Aber ich wollte ja was über den Geburtstag erzählen.

P1070341Bei unserer Abschiedsfeier am 23.1. hatten uns Conny und Rajko sowie Jeanette und Wolfgang einen Gutschein für eine Stadtführung geschenkt. Rajko hatte ellenlang recherchiert und letztlich einen deutschen Anbieter für Touren gefunden und alles festgezurrt. Als Tag für die Führung hatten wir uns den 21. Februar ausgesucht. Um 11 Uhr stand Frank auf der Matte.

Der Sachse, gebürtig aus Zwickau, lebt seit 17 Jahren in Rio, arbeitet seither als Tourguide (www.discover-rio.com). Hinein in den Van und ab in Richtung Zuckerhut – wenn auch nicht hinauf, dann doch an den Fuß der Seilbahn. Die Fahrt dorthin hat auch einen anderen Sinn, nämlich einen kinderfreundlichen Strand mit weniger hohen Wellen zu zeigen. Außerdem wirkt Urca durch seine wenigen Hochhäuser bzw.vielen, älteren, kleineren Häuser recht urig und ruhig. Außerdem ist man schnell am Yachthafen, den man zu Fuß umschlendern kann. Aber auch radelnd,skatend…

P1070351In Lapa sind wir dann schon mitten im Herzen des alten Rio, das jedoch hauptsächlich nach Sonnenuntergang zu schlagen beginnt. Lapa ist das Ausgehviertel mit Restaurants, Bars, Musikclubs. Hätte nicht zufällig der Künstler Selarón Fiesen gesammelt, wer weiß wie die normal die Treppe hinauf nach Santa Teresa (sonntags führt die historische Straßenbahn Bonde nicht) aussehen würde. Aus allen Teilen der Welt brachten Menschen dem Künstler, der 2013 starb, Fliesen mit, die er in seinem Kunstwerk in Progress nach und nach verbaut – ein Traum in rot (seitlich) und gelb-grün. Und am Ende die brasilianische Flagge. Wir finden Bremen, Heidelberg, Düsseldorf und Frankfurt.

Durch Santa Teresa fahren wir nur kurz mit dem Auto. Das Künstlerviertel ist aber sicher eine Ecke, die wir uns mal dringend in Ruhe anschauen sollten: hübsche Cafés und Restaurants, originelle Galerien und Läden mit Kunsthandwerk gibt es dort zuhauf. Wir schrauben uns langsam die Kopfsteinpflastersträßlein hinauf – quasi auf der anderen Seite des Berges, der hinter unserem Wohnhaus in die Höhe wächst: dem Corcovado.

Ganz hinauf geht es aber nicht. Etwas unterhalb des Cristo gibt es ebenfalls einen schönen Aussichtspunkt. Außerdem entdecken wir auf dem Weg in den Bäumen noch Kapuzineräffchen, die wir uns eine Weile anschauen. Nochmal außerdem: der etwas unterhalb gelegene Punkt bietet die Möglichkeit eines Fotos mit Cristo im Hintergrund.

P1070364Nächster Stop: Der Nationalpark von Tijuca, dem größten innerstädtischen Urwald der Welt. Gleich hinter dem Botanischen Garten geht es hinauf vom Vista Chinesa, einem weiteren Aussichtspunkt. Besonderheit hier: Es ist der einzige Punkt, von dem aus man den Corcovado und den Zuckerhut gleichzeitig sehen kann.

Der Nationalpark ist ziemlich cool – doch touristisch kaum erschlossen. Kaum Ausflugslokale, schlecht angebunden; wer hinein will, muss das eigene Auto nehmen. Aber Parkplätze sind auch rar. So parkt man entlang der Straße. Doch Vorsicht! Nicht alles, was man womöglich seit Jahren praktizierte, bleibt auf ewig legal. So bekam unser Guide Frank tags zuvor an ähnlicher Stelle eine Knolle, eine saftige. 80 Euro und vier Punkte für Falschparken. Zum Vergleich: Bei 20 Punkten gibt man auch in Brasilien die Pappe ab. Dennoch: Der Park ist super, der Wasserfall hübsch, die Schildkröten der Publikumsliebling im Teich, auch wenn darin 80 cm lange Koi-Karpfen ihre Runden drehen.

P1070371Weiter nach Barra de Tijuca – Neureichenstadtteil, Olympia-Schwerpunkt und von den Einheimischen liebevoll little Miami genannt, wegen der Architektur mit Wohntürmen, so weit das Auge reicht. So ähnlich, wenn auch nicht so schön neu, stelle ich mir die Vororte von Moskau oder Peking vor. Der Strand soll einer der schönsten von Rio sein, wir schippern auf einem betagten Holzboot (eigentlich eine Kleine Personenfähre, die sonst die Bewohner zu ihren Häusern bringen) durch die Lagunen rundherum.

Auch hier ist der Mensch längst angekommen. Die Ufer weitgehend zugebaut verhindert nur ein nahe gelegener Golfplatz, dass wohl auch noch der Rest der Gegend vermarktet wird. Menschliche Hinterlassenschaften auch überall am Ufer. Zwischen den Mangrovenwurzeln jagen nicht nur diverse Reiher und Kaimane – dort dümpeln auch Plastikflaschen und anderer Müll herum. Flächendeckend. Scheint aber niemanden zu stören. Auf unser deutsches Gemüt wirkt das verstörend. Wie kann man, selbst wenn man dort wohnt, diese Vermüllung so zulassen? Eine Frage, die ich mir in Rio ständig stelle.

Denn so etwas wie Mülltrennung gibt es bereits, theoretisch jedenfalls. Auch wenn es damit nicht weit her ist. Vier Tonnen stehen vor dem Haus: Papier, Metall, Plastik, Glas. Schön farbig sortiert. Doch darin: der normale Müll, völlig unsortiert. Immerhin: Büchsensammler sortieren Bierbüchsen allerorten aus, das scheint halbwegs zu funktionieren. Aber die unsäglichen Plastikflaschen von denen wir auch viel zu viele verbrauchen müssen, weil es schlicht nichts anderes gibt?

Nach der Bootstour geht es wieder heim. Im Schneckentempo, denn es ist mal wieder Stau. Zeit, im Vorbeischleichen etwas über die größte Favela Rocinha zu erfahren (was ich schon vorher wusste: hier soll Richter Gnadenlos, Ronald Barnabas Schill hausen) oder über Sao Conrado, gleich nebenan, wiederum ein Wohnquartier der oberen Mittelschicht. Wie so oft: In Rio wohnen die Gegensätze oft Tür an Tür.

Falls sich jemand mal für eine ähnliche Tour bei Frank Hopfe interessiert: www.discover-rio.com