Neulich in der Klasse 1R2 – der erste Schultag

Der Morgen ist noch kühl und wolkenverhangen. Ein angenehmer Wind säuselt um 7 Uhr um unseren Balkon. Die Kinder und Wiebke sind schon aus dem Haus, zur Schule. Betten sind gemacht, durchgefegt und gespült ist – einmal Zeit, die Gedanken wieder zu sortieren.

Diese Zeit werde ich nun morgens häufiger haben. Zwischen 7 und 12.40 Uhr übernehme ich den Part des Hausmanns, des Familien- und Finanzmanagers, der Besorgers und Organisators, des Am-Laufen-Halters. Auch wenn dies, im Groben, unser Alltag sein wird. Momentan fühlt sich das Ganze noch etwas sanfter an, ein wenig nach Urlaub.

Erstmals zweizügig

Ja, gestern war der große Tag. Ella und Edgar hatten ihre Einschulung. Nun sind die Schüler der Klasse 1R2 der Escuola Alema Corcovado in Rio de Janeiro. 30 Kinder sind im deutschen Zweig der Eingangsklassen. Ein Novum. Erstmals in 51 Jahren startet der deutsche Zweig zweizügig. 16 Kinder sind in Edgars und Ellas Klasse, drei bis vier ebenfalls deutschsprachig mit einem deutschen Elternteil. Der Rest Brasilianer, die jedoch schon in Kindergarten Deutsch gelernt hatten.

P107019216 Schüler – in Deutschland ein Traum. In Frankfurt, wo das Flexsystem teilweise praktiziert wird, bei dem die ersten beiden Klassen gemeinsam unterrichtet werden, sitzen mitunter 50 Kinder in einem Raum. 16 Schüler, das erinnert mich ein wenig an meine Grundschulzeit in der Grundschule Altendorf-Ersdorf. Damals waren wir 12 Kinder in der Klasse – 2 Jungs, 10 Mädchen.

An meine Einschulung erinnere ich mich nicht mehr genau. Ich habe aber die Fotos vor Augen. 2 Stück gab es: Eines mit mir alleine (Sandalen, beigefarbene Hose, rotes T-Shirt, Schultüte), eines mit der Klasse vor dem Eingang. Das war’s. Heute werden Ereignisse wie Einschulungen wesentlich großer und medialer gefeiert.

Wir waren schon früh dort, konnten also miterleben, wie sich die Aula der Schule langsam füllte. Es war noch genügend Zeit für ein Posing vor der Bühne – Kind, Schultüte, Eltern, breites Grinsen. Später, nachdem alle Schüler auf die Bühne gerufen worden waren, scharten sich die Eltern mit Smartphone und Kamera um die Bühne – ein Blitzlichtgewitter, fast wie auf dem roten Teppich beim Filmfest in Cannes.

Schultüten gehören eigentlich nicht zum brasilianischen Schulalltag. An der deutschen Schule wird diese Tradition sehr gepflegt. Obwohl es weit und breit keine Schultüten hier zu kaufen gibt.

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Kampf mit dem Heißkleber

Wir hatten wohlweißlich Bausätze importiert. Für Ella eine Tüte mit Pferden. Edgar wollte etwas mit Star Wars. Gibt es aber so nicht zu kaufen. Komisch eigentlich. Glücklicherweise hatte sein Bambini-Kollege Georg vor der Abreiseeine Rakete gebastelt, die wir auf die Tüte klebten. Rundherum Sticker von Star Wars – fertig war die improvisierte Tüte.

Wobei: Ganz so leicht war es nicht. Zum Verkleben reichte nämlich kein Prittstift, in der Anleitung stand was von Heißklebepistole. Also zogen wir los, eine solche zu besorgen: Pistola da cola quente, so der Fachbegriff. Doch das Gerät stellte sich als untauglich heraus: Der Abzug klemmte schon nach vier Mal drücken, das Kabel maß 25 cm, sodass wir in Bodennähe arbeiten mussten. Kleben tat das Teil aber trotzdem nicht. Der Kleber trocknete viel zu schnell wieder ein, als dass er für die ca 80 Zentimeter lange Bahn gereicht hätte. Zum Glück hatten wir doppelseitiges Klebeband dabei. Eigentlich, um die mitgebrachten Rauchmelder an der Decke zu befestigen. Doch auch zum Schultütenkleben geeignet.

Die Einschulungsfeier selbst war nett: Einige höhere Grundschulklassen brachten ein Ständchen, auf Portugiesisch und Deutsch wurden die Lehrer kurz vorgestellt. Nach dem Gruppenfoto führten diese die Kinder in den Klassenraum. Stolz und selbstbewusst stapften Ella und Edgar hinterher. Für die Eltern gab es anschließend noch eine kurze Belehrung bezüglich Elternabenden, Pausenbroten anderen Formalia. In einen anderen Saal der Schule war dann ein Frühstück für die Eltern aufgebaut. Dort warteten wir, bis um 11.15 Uhr der erste Schultag beendet wurde.

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Erste zaghafte Annäherungen

Schön zu sehen, dass die beiden gleich erste zarte Kontakte zu ihren Mitschülern geknüpft zu haben schienen. Einige kamen noch herüber, verabschiedeten sich mit einem zaghaften „Bis Morgen“ und einem Winken.

Dass der erste Schultag so gut gelaufen war, scheint auch die Kinder erleichtert zu haben. Beim Mittagessen (Ella hatte sich Sushi gewünscht, Edgar bekam Frühlingsrollen) erlebte ich die Kinder so entspannt und gelöst wie schon länger nicht mehr. Offenbar hatte sie das Unbekannte doch mehr beschäftigt als gedacht. Aber: Heute Morgen stapften sie frohen Muts wieder los, hinaus in das neue Abenteuer Schule- auch wenn es erst kurz vor 7 Uhr früh war.