Nach der Wohnungssuche ist vor der Wohnungssuche

Wir hatten ja ziemliches Glück- gleich vor der Ankunft noch eine Wohnung fixgemacht, nicht erst noch in einer Ferienwohnung zwischenparken müssen. Doch das Mieten einer Wohnung auf 9000 Kilometer Entfernung hat ihre Tücken. So muss man sich anhand von Fotos einen Eindruck verschaffen, Details erkennt man dabei nicht.
So war uns auch nicht aufgefallen, dass der Parkettboden an einigen Stellen ziemlich kaputt und generell ziemlich versaut ist, die Schiebetüre zum Balkon an einer Seite so dermaßen klemmt,dass sie sich nicht bewegen lässt und folglich immer zu 15 Zentimetern offen steht. Gut, die Wohnung ist im 5. Stock, Besucher wird man da kaum befürchten müssen. Und auch jetzt im Sommer ist man über jeden Luftzug dankbar.

“Forca azul” bringt uns voran
Bei unserer Ankunft lief kein Waschbecken richtig ab. Nach dem Spülen war pömpeln angesagt – in der Küche und in den Bädern. Ich habe keine Ahnung, was genau für ein Gebräu „Forca Azul“ ist – wahrscheinlich eine Art Domestos – aber nach exzessivem Einsatz in allen Rohren war das Problem gelöst. Seither läuft alles schnell ab.

Wobei das jetzt auch zu negativ klingt. Die Wohnung ist ein charmanter Altbau mit tollem Blick über Botofogo bis zum Zuckerhut, ruhig im Grünen gelegen (heute kamen Tukane zu Besuch). Aber halt auch einfach abgerockt. Vielleicht fiel uns die Umstellung von unserem rödelheimer Reihenhaus zu schwer, vielleicht sind wir inzwischen auch in einem Alter, in dem der Zustand einer Wohnung nicht mehr unbedingt nur WG-tauglich sein muss.

Mehr Auslauf für die Kinder nötig
Aber eigentlich ist die Wohnung für den Zustand schlicht zu teuer, auch wenn sie gut geschnitten ist. Ein Blick auf den brasilianischen Immoscout,www.zap.com.br, zeigt, dass es deutlich konkurrenzfähigere Produkte auf dem Markt gibt, teilweise sogar günstiger. Denn der Mietpreistrend zeigt nach einiger Zeit nach unten, der Markt entspannt sich zusehends. Und da die Kinder in unserer jetzigen Wohnung wie im Käfig leben und es rund um das Haus keine Auslaufmöglichkeiten gibt (der nächste Spielplatz ist eine Ecke weg) haben wir uns entschieden, schnellstmöglich nochmals umzuziehen.
Julia, von der deutschen Schule, hat uns gleich ein paar Besichtigungstermine organisiert. Prinzipiell scheint für Wohnungen hier zu gelten: Teilmöblierung ist Standard – Schlafzimmer verfügen grundsätzlich über Einbauschränke, ebenso sind Küchen, abgesehen von den Elektrogeräten, ebenfalls eingerichtet. In Bädern sind Waschtische auch schon vorhanden. Das schränkt einerseits ein. In der jetzigen Wohnung sind die Einbauschräke braun, erinnern an spätsozialistischen Möbelbau. Damit muss man dann klarkommen. Andererseits gibt es viel Stauraum und man muss keine Schränke kaufen.

Originelle Grundrisse
Originell sind auch die Wohnungsgrundrisse. Schließt man die Wohnungstüre auf, landet man entweder gleich in der Küche oder steht direkt im Wohnzimmer. Neben der Küche geht meist ein Extrazimmer ab, das nicht bei der Gesamtzimmerzahl berücksichtigt wird. Oft hat es nicht einmal ein Fenster, in keinem Fall eine Aircon. Es misst oft nur wenige Quadratmeter, dafür ist ein kleines Klo mit Dusche direkt dabei. Es handelt sich um den Empregada-Bereich.

In einer Wohnung, schon etwas in die Jahre gekommen, war das Empregada-Zimmer ein dunkles, fensterloses Kabuff. Auf dem Boden eine Art Pritsche. Mich erinnerte es eher an Guantanamo oder Robben Island, aber nicht an ein Zimmer, das man einem Menschen gerne anbietet. Mich hätte es jedesmal, wenn ich daran vorbeigegangen wäre, gegruselt.
Empregadas sind Hausbedienstete, die Putzen und den Haushalt in Ordnung halten. Sie sind in Brasilien weit verbreitet, viel normaler, als in Deutschland etwa eine Putzhilfe zu beschäftigen. In manchen Haushalten leben die Empregadas regelrecht im Haus mit. Dafür braucht man dann ein Rückzugszimmer. Wir haben keine Empregada beschäftigt. Zum einen, weil es uns dekadent erscheinen würde. Zum anderen ist der Job als Empregada für viele Frauen aus der Favela die einzige Chance auf einen Job und damit Einkommen. So, wie überhaupt der ganze Kleingewerbesektor ziemlich ausgeprägt ist: Sonnenschirmvermieter am Strand, fliegende Verkäufer, Einkaufslieferdienst der Supermärkte.
Wohnzimmer sind meist lang und schmal geschnitten, die Flure ebenso. Die Schlafzimmer sind auch mini. In die Elternschlafzimmer passt mit ach und krach ein Doppelbett (nicht breiter als 1,50 m), bei den sogenannten Kinderzimmern fragen wir uns immer wieder, ob es sich nicht doch um Abstellkammern handelt. 6 bis 8 Quadratmeter sind da schon groß.

Minimum zwei Bäder, wenn auch klein
Überhaupt gibt es in jeder Wohnung mindestens zwei Bäder, wobei das Wort Bad eine gewisse Größe impliziert. In Deutschland denkt man an Badewanne und oder Dusche, Waschbecken, Klosett – so 8 bis 10 Quadratmeter. Zumindest so groß, dass sich zwei erwachsene Menschen gut darin begegnen können. Dafür hat man meist eines und rechts neben der Haustüre noch ein Gästeklo. In Brasilien sind Bäder sehr klein. 2-3 qm, gerade groß genug für Dusche, Waschbecken und Klo, nicht aber zur Doppelnutzung. Dafür hat jede Wohnung deren zwei oder mehr. Eines gerne in Verbindung mit dem Elternschlafzimmer, als en suite. Dann eines für die Empregada und dann noch mal eines irgendwo, wo der Architekt noch etwas vergessen hatte.
Wenig aussagekräftig ist die Angabe der Gesamtwohnfläche. Viele Wohnungen sollen 100 und mehr Quadratmeter haben. Wir fragen uns nur: Wo sollen die sein? Vielleicht werden noch andere Gemeinschaftsflächen (Grillecke churrasqueria), Spielecke, Sauna, z.T. Maniküresalon, Pool, Raum für Feste etc. anteilig eingerechnet. Dann käme es vielleicht hin.

Fliesen statt Teppichboden
Für Fußboden scheint es auch Standards zu geben. Mag der deutsche Teppichboden oder Laminat, bevorzugt der Brasilianer Fliesen. Das ist schön pflegeleicht, lässt sich kehren und wischen und droht nicht, anders als ein Teppichboden, bei der hohen Luftfeuchtigkeit zu verschimmeln. Zudem wäre ein Teppichboden im Nu versaut, da man in aller Regel sich mit Flip-Flops bewegt. Oder barfuß. Folge: Innerhalb kurzer Zeit sind die Fußsohlen schwarz – und damit über den cremefarbenen Hochflor schleichen…
Balkone, hier Varanda genannt, sind ebenfalls wichtig – je größer desto besser. Viele Balkone gehen nahtlos ins Wohnzimmer über, sind vollständig möbliert, sogar mit Bild an der Wand. Egal wie groß, Balkon muss sein, der Brasilianer ist ein Draußenmensch. Eine Wohnung wurde uns angeboten mit dem Argument, sie habe einen Balkon, der über die gesamte Länge gehe. Dumm nur, dass der Balkon nur einen halben Fuß tief war. Man hätte also 30-40 Sixpacks Bier zum kühlen (höhö, kühlen!) rausstellen können – nebeneinander.