Karneval in Rio: Im Bloco durch die Nachbarschaft

IMAG1130 Erinnert sich noch jemand an 1991? Weil im Januar der erste Golfkrieg gestartet war, hatten die Karnevalisten entschlossen, die Umzüge im Februar abzusagen – die Feierei passte nicht zum Ernst der Weltlage. Die Züge wurden in den Sommer verschoben. Für den Rheinländer ungewöhnlich, bei 25 oder 30 Grad zu schunkeln. Für den Brasilianer ist das normal. Denn der Karneval fällt hier immer in den Sommer.

Mehrere Hundert Umzüge soll es in Rio während des Carnavals geben. Blocos werden sie genannt, ins Rheinische am treffendsten übersetzt mit dem Begriff Veedelszoch. Wie viele es sind, weiß anscheinend niemand so genau. Denn nicht jeder Bloco ist organisiert. Manche entstehen spontan, wenn einige feierwütige Menschen aufeinandertreffen. Mit etwas Glück gesellt sich noch jemand mit einem Rhythmusinstrument hinzu und irgendwann tanzen und singen alle.

IMAG1153Karneval in Rio bedeutet Ausnahmezustand. Man hatte uns gewarnt: Viele Geschäfte schließen über die tollen Tage. Da wir nicht verhungern wollten, taten wir, was Deutsche nur zu gerne tun, wenn mal mehr als ein Wochenende frei ist: Hamsterkäufe tätigen. Bloß: An der Kasse gefragt, ob der Laden geöffnet sei, verwies die Kassiererin auf ein Schild am Eingang: Jeden Tag bis 23 Uhr geöffnet. Also jeden Tag. Wir hätten die Vorräte, die wir nun in zwölf oder 15 dünnen Plastiktüten bei 35 Grad die ansteigende Rua hochschleppten, auch schön Portionsweise kaufen können. Aber wollten wir hier nicht auch mehr Sport treiben? Et voilá!

Blocos sind recht unterschiedlich groß. Manchmal feiern nur ein paar Hundert Leute. In der Innenstadt oder an den Stränden können es auch schon mal gut eine halbe Million werden.

Es gibt zwar eine App, die versucht, der unübersichtlichen Bloco-Lage Herr zu werden, aber verlassen sollte man sich darauf nicht zu 100 Prozent.

IMAG1145Wir hatten den Tipp bekommen, dass am Samstagmorgen um 9.30 Uhr ein Kinderbloco gleich bei uns um die Ecke stattfinden sollte. Ein kleiner Bloco – mir kam gleich der Karnevalsumzug im rheinischen Todenfeld in den Sinn. Dorthin waren wir in den vergangenen Jahren immer mit den Kindern gegangen. Kein großes Gedränge, ein überschaubarer Zug mit zwei, drei Wagen, ein paar Fußgruppen – und man kann, wenn man taktisch gut steht, den Zug an der selben Stelle dreimal sehen. Der ideale Einsteigerzug für Kinder. Sowas sollte es nun auch werden. Der ideale Einsteigerzug zu uns Rio-Greenhorns.

Die Freundin einer Lehrerinnenkollegin von Wiebke hatte den Tipp gegeben. Am Abend zuvor kam dazu eine Sprachnachricht via Whatsapp: wir sollten besser etwas früher losgehen, denn manchmal seien die Anfangszeiten nach hinten verlegt worden, damit der Andrang nicht zu groß würde.

Pünktlich, wie Deutsche nunmal sind, waren wir schon um 8.30 Uhr am Platz. Zu sehen: nichts. Am Rande des Platzes schraubte ein Mann gelassen ein Trampolin zusammen, auf dem Spielplatz tummelten sich zwei kleine Mädchen im Bienenkostüm, während Schneewittchen aufpasste. Von großer Party war noch nichts zu sehen, wir waren zu früh.

IMAG1156Erst eine gute halbe Stunde später füllte sich der Platz allmählich an einer Ecke. Kostümierte Menschen, darunter viele Kinder deckten sich an den Verkaufsständen mit Seifenblasenpistolen, Konfetti in Säcken, Luftschlangen – die aussahen, als seien sie aus Umweltklopapier hergestellt – und einem Sprühschaum in Dosen ein. Letzterer ist bei den Kindern besonders beliebt, verspricht er doch die maximale Sauerei.

Während die Sambaband am Rande des Platzes sich warmspielte und sich immer wieder spontan um weitere Musiker erweiterte, brachten sich die erwachsenen Cariocas mit Bier in Stimmung. Glücklicherweise befand sich am Sammelpunkt eine Kneipe, die sich über einen beachtlichen Umsatz freuen dürfte. Soweit also wie in Deutschland: Noch bevor es losgeht, wird schon mal vorgeglüht.

Nach einer Weile ging alles ganz schnell. Die Band wanderte in Richtung Platzausgang, wo wenige Minuten zuvor ein hellblaues Banner eingetroffen war. Anscheinend handelt es sich um die Vereinsfarbe des örtlichen Karnevalsvereins. Der Umzug setzte sich in Bewegung: Voran das Banner, dahinter die Band, dann die Besucher –ähnlich einem Martinsumzug oder einer Prozession. Gut so, denn der Platz war bereits zentimeterdick mit Luftschlangen und Konfetti eingestreut.

Zwei große Unterschiede: Kamelle werden nicht geworfen. Und: Es gibt keine Zuschauer, sondern nur mitwirkende. Vereinzelt sehen wir an den Häusern, an denen wir vorüberziehen, Menschen stehen. Aber im Wesentlichen feiern die Zugteilnehmer sich selbst. Witzigerweise führt der Zugweg gleich an unserer Wohnung vorbei, wir hätten das bunte Treiben auch von oben betrachten können. Aber mittendrin macht deutlich mehr Spaß.

Nach einer guten Stunde ist der Bloco wieder am Ausgangspunkt eingetroffen und löst sich auf. Viele gehen heim, verschwinden in den umliegenden Kneipen oder ziehen kurzerhand weiter zum nächsten Bloco. Bis einschließlich Aschermittwoch – und teilweise noch Tage darüber hinaus – gibt es davon mehr als genug.