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Ankunft in Rio: Erste Schritte in der neuen Welt

Die Kinder schlafen noch tief und fest – sie haben sich am Mittwochabend im Sportclub Guliandia ziemlich verausgabt im Pool, aber auch beim Spielen mit den Kindern von Wiebkes Kollegen, die uns als Gäste mitgenommen hatten, damit wir uns ein Bild von der Einrichtung machen können. Es war Ellas und Edgars erster Kontakt mit Kindern in ihrer neuen Welt, mit Kindern, die sie auch verstehen. Und als wir sahen, wie euphorisch und aufgekratzt die Kinder wieder waren, hatten wir das Gefühl, dass auch sie nun langsam in ihrer Zwischenheimat Rio de Janeiro ankommen – schön zu sehen.

Eine knappe Woche sind wir nun da, der Kopf ist voller Eindrücke, sodass es mir schwerfällt, alles in geordnete Bahnen zu lenken. Ich will es trotzdem versuchen.

Rio ist grün

IMAG1036Die Stadt: Die Ankunft war entspannt, auch und vor allem, weil uns Julia von der deutschen Schule am Flughafen mit unseren acht großen Gepäckstücken aufgesammelt hat und wir uns um nichts zu kümmern brauchten. Raus aus dem Terminal, rein in die Dampfküche (30 Grad am Morgen schon, Dank der holländischen Backpackerin Marijke kamen wir auch mir den Gepäckwagen klar) und hinein in den klimatisierten Sprinter, der uns zu unserer Wohnung in der Rua David Campista bringen sollte. Da wir vom Flughafen einmal quer durch die Zona Norte fahren mussten, kam der Transfer einer kleinen Sightseeing-Tour gleich – wenngleich auch durch die teilweise weniger attraktiven Gegenden.

Die Zona Sul, die Südzone, in der wir leben, ist im Grunde das Rio, das man gemeinhin so kennt – die Strände von Copacabana (ja, von da Copacabana ein Stadtteil ist) und Ipanema gehören dazu, wie Zuckerhut und Christusstatue (Cristo Redentor) auf dem Corcovado. Beides, Zuckerhut und Cristo, sind von unserer Wohnung, die im Stadtteil Humaitá liegt, zu sehen.

IMG_20160201_174512Was uns sofort angenehm aufgefallen ist: Rio ist unheimlich grün. Die Straßen sind links und rechts von hohen Bäumen bewachsen. Man könnte fast meinen, die Planer hätten beim Anlegen der Straßen eine Schneise durch den dichten Besuchs schlagen müssen. Fast immer läuft man im Schatten. Das macht die hohe Temperaturen – fast immer ist es bisher weit über 30 Grad gewesen – gut erträglich, auch wenn es einen aus dem Winterkommenden Mitteleuropäer zunächst schon etwas aus den Schuhen haut. Auch beim Blick aus dem Haus sieht man viel Grün. Vor dem Schlafzimmer wachsen Bambuspflanzen bis fast vor das Fenster. Vor dem Haus steht ein gewaltiger Mangobaum. Und hinter dem Haus wächst ein Felsen, ein Murro, in die Höhe, der den Anstieg zum Corcovado einläutet. Wir wohnen also mit dem Rücken zum Felsen, können dafür, weil unser zehngeschossiges Wohnhaus etwas erhöht steht, schön über die Stadtteile Humaitá und Botafogo blicken.

Riesen Palmen am Schulportal

IMG_20160201_174610Circa 300 Meter Luftlinie entfernt liegt die deutsche Schule Escola Alama Corcovado. Der Weg dorthin führt durch eine hübsche Wohngegend – wieder schön bewachsen, überall blüht es. Die Natur zeigt sich von ihrer lieblichsten und verschwenderischsten Seite. Und auf dem Schulgelände geht es gerade so weiter.

Die deutsche Schule ist die ehemalige Residenz des amerikanischen Botschafters – ehe die Botschaft in den 50er Jahren nach Brasilia umziehen musste, weil die Hauptstadt umzog (viele Bedienstete des öffentlichen Dienstes und der Ministerien pendeln noch heute, um möglichst wenig Zeit in der Retortenstadt verbringen zu müssen. Der Carioca hängt an seiner Scholle). Zwei riesige Palmen säumen das Portal, rund um den Sportplatz blüht und wächst es ebenfalls. Besonders angetan hat es mir der Kanonenkugelbaum, meine Lieblingspflanze derzeit. Die Blüten erinnern an Orchideen, die Früchte, groß wie Fußbälle und braun, an Kokosnüsse. Apropos Kokosnuss: Die hat Ella schon am ersten Tag für sich entdeckt, am Strand von Ipanema – unserem ersten Ausflug am Sonntag. Früh schon gegen 8.30 Uhr verlassen wir das Haus, nehmen ein Taxi an den Strand. „Eu queria de ir para a praia de Ipanema, por favor.“ Der Taxifahrer nickt verständig. 25 Reais kostet uns die Fahrt, umgerechnet 5-6 Euro, günstiger als der Frankfurter RMV. Wer dachte, am Strand sei um diese Zeit noch recht leer, der irrt. Um 9 Uhr herrscht dort Betrieb wie am Lido im den italienischen Sommerferien. Fast zumindest. Wir lassen uns am Posto 8 nieder. Postos, das sind die Posten der Rettungsschwimmer, die in regelmäßigen Abständen an den großen Stadtstränden stehen. Die sind anscheinend auch nötig. Denn so lieblich das Meer auch aussieht. Bereits unmittelbar am Strand verfügt die Brandung über einen stattlichen Sog. Wer nicht aufpasst, zu weit hinaus schwimmt und sich selbst überschätzt, könnte hinaus aufs Meer gezogen werden. Daher überall die Rettungsschwimmer.

Tag am Meer

IMAG1044Viel sollte man nicht mitnehmen an den Strand. Badeklamotten am besten schon anziehen, Handtuch, Sonnenbrille, ein wenig Geld. Mehr hat niemand dabei. Für Erfrischungen wird am Platz gesorgt. Alle paar Minuten kommen Händler vorbei und offerieren Cerveja, also Bier, aqua gelada (kaltes Wasser), aqua de coco (Kokusnusswasser), Knabbereien und allerlei Schnickschnack an. Die Kinder plantschen vergnügt. Auch wenn wir nicht immer gleich neben ihnen im Wasser sind, habe ich immer das Gefühl, dass auch die anderen Leute einen Blick für die Kinder hätten und im Notfall schnell zur Hilfe kämen. Gegen 11 Uhr haben wir genug Sonne (nicht gleich übertreiben) und ziehen uns wieder zurück. Ella bekommt ihre erste Kokosnuss. Gleich neben uns steht ein Lkw mit großen Boxen. Obendrauf Leute mit Mikrofonen, sie machen Soundcheck. Knapp zwei Stunden später sehe ich eine Luftaufnahme von dieser Stelle: Der Laster umringt von tausenden Menschen – Karneval am Strand. Hat sicher was. Wir hingegen sind froh, dass wir rechtzeitig, wenn auch unbewusst, dem Massentreiben entgangen sind.

Schräge Taxifahrer

Taxifahrer sind schräge Typen. Unser Kutscher für den Weg zurück sorgt sich vor allem um seine Sitzpolster. Er möchte sichergehen, dass ich mit meiner so gut wie trockenen Badehose keine Spuren hinterlasse. Da mein Portugiesisch noch nicht ausreicht, seine Sorgen verbal zu zerstreuen, setze ich mich halt auf das Handtuch. 11 Uhr in Ipanema – dicker Verkehr (was ist hier wohl an Werktagen los), maskierte Menschen – wobei sich die Maskierungen auf Kopfbedeckungen beschränken – strömen in Richtung Strand. Trotz des Verkehrs hat unser Fahrer anscheinend noch Zeit und Muße, Sportnachrichten auf dem eingebauten Monitor zu verfolgen. Ungewöhnlich seine Frage, ob er einen Schluck aus unserer Wasserflasche haben dürfe. Verdutzt reiche ich die Flasche rüber. Scheinbar brauchte er einen Schluck, um seine Aircon-geschädigten Schleimhäute zu wässern. Anschließend läuft jedenfalls der Rotz. Er schneutzt und gurgelt, dass es eine Pracht ist. Beim Ausstieg wirft er mir zum „Dank“ noch ein paar Sätze an den Kopf, die ich nicht verstehe. Frei übersetzt würde ich sagen: Er war nicht sehr erfreut, dass überall ein wenig Sand auf den Sitzen zurückblieb.