Countdown: Wir sind bereit und die Ruhe selbst

Der Countdown hat begonnen. Keine zehn Tage mehr und wir werden in den Nachtstunden gen Südwesten entschweben. So kurz vor dem Abflug sollte ich hypernervös sein, fahrig, gereizt, aufgewühlt – alles auf einmal. Doch alledem ist nicht so. Ich bin die Ruhe selbst. Und Wiebke geht es genauso. Wir sind fokussiert, aber nicht verkrampft. So muss es Jogi Löw gehen, wenn ein großes Turnier unmittelbar bevorsteht. Voll auf die Sache konzentriert, „högschte Konzentration“.

Die Kinder sind zwar erkältet, aber gut drauf. Sie blieben die letzten Tage schon daheim vom Kindergarten. Am Freitag werden sie dort ihren Abschied feiern, dann ist dieses Kapitel beendet. Ich habe das Gefühl, für die beiden war das Thema Kindergarten schon länger durch. Was sicher auch mit den Veränderungen dort zu tun hatte – viele Freunde seit Sommer in der Schule, viele beliebte Erzieher ebenfalls weg, seither kommt es einem vor, als herrsche dort nur noch Notbetrieb. Naja, kann uns egal sein, hat vielleicht sogar den Abschied vereinfacht.

Komisch nur: Als ich vor fast genau 20 Jahren aufbrach, von weinenden Erntehelferinnen gesäumt, um in England zu studieren, war mir ganz anders zumute. Ich war aufgelöst, nervenbündelig, kurz: für nix zu gebrauchen. Das legte sich jedoch schlagartig, als Boris, Schmal und Möpsen mich durch die Sicherheitsschleuse schoben und ich im Flieger zwischen einer 8. oder 9.Klasse auf Klassenfahrt saß. Von da an war ich fokussiert. Der Rest der Geschichte ist bekannt – wer sie noch nicht kennt, dem erzähle ich sie bei Gelegenheit gerne.

Unsere Vorbereitungen sind weitestgehend abgeschlossen: Papiere und Dokumente schon lange, nun zum Schluss Bankgeschichten, Versicherungen, Hausversorgung und natürlich die Wohnung vor Ort. Alles lief erstaunlich glatt. Fast so zu glatt, wie wir manchmal erstaunt selbst feststellten. Selbstunsere Festnetznummer werden wir weiter nutzen können – zum Ortstarif. Haben wir uns wirklich gut vorbereitet oder haben wir etwas Wichtiges übersehen?

Reisepass, Dienstausweis, internationaler Führerschein? Kurzum: alle Dokumente startklar, kopiert, mehrfach gespeichert? Check!

Impfungen und Untersuchungen; Zahnbehandlungen? Check!

Mobilverträge, Kabelfernsehen, Festnetz, Internet gekündigt?Auch sonstige Verträge und Abos rechtzeitig aufgelöst?  Check!

Krankenversicherung und andere Versicherungen angepasst (Riester, Hausrat etc.), Unfallversicherung für alle Fälle? Check!

Arbeitslos gemeldet um Anspruch nicht zu verlieren? Check!

Schulranzen und –tüte für die Kinder besorgt, nebst Inhalt? Auch andere Dinge, die schwer dort zu beschaffen sein könnten? Check!

Nachsendeantrag für die Post, Kataloge abbestellt? Check!

Keller, Garage, Haus aufgeräumt, entrümpelt, wichtige Dinge in Sicherheit gebracht? Check!

Genügend Gepäckstücke aufgetrieben? Check!

Elektronikausstattung tut es? Check!

 

Und viele andere Dinge, die mir nun gar nicht mehr einfallen. Sollte jemand Ähnliches planen und Fragen haben, meldet Euch ruhig per Mail. Es gibt sicher viel zu regeln, aber wenn man zeitig beginnt, ist das alles prima zu regeln.

Ein Großteil der mitzunehmenden Klamotten liegt bereit, die Seesäcke und Koffer warten darauf, befüllt zu werden. Und momentan sieht es echt so aus, als würde sogar alles Platz finden, was wir mitnehmen möchten.

Die Entspannung ist sogar so groß, dass ich vorige Woche noch Lust hatte, zum letzten MRZ-Stammtisch ins Mainzer Hafeneck zu gehen. Lustigerweise hat sich die Fotografin Eva, im Hauptberuf Lehrerin, ebenfalls nun für den Auslandsschuldienst beworben und hatte jede Menge Fragen.

Wiebke hat die Verabschiedung in der Schule auch gut hinter sich gebracht. Hinter sich bringen klingt etwas negativ, so, als ob sie nun froh sei, dort nicht mehr hingehen zu müssen. Im Gegenteil: Gerade weil es ihr so schwerfiel gehen zu müssen, hatte es sie vor der Verabschiedung ein wenig gegraut – sie hat nah am Wasser gebaut.

Vorerst letzter Stammtisch im Mainzer Hafeneck

Die Verabschiedungsrunde geht munter weiter. Den Großeltern haben wir schon „Auf Wiedersehen“ gesagt, in Neustadt bei meinem Bruder Markus und seiner Familie waren wir tags drauf. Kommenden Samstag kommt der große Schlussakkord mit der Abschiedsparty für Freunde und Nachbarn. Aber wir finden das muss sein. Wegschleichen gilt nicht.

Und so sitzen wir nun hier und warten darauf, dass es losgeht. Inzwischen kommt es mir vor wie damals bei Wiebkes Schwangerschaft kurz vor der Geburt: Wir hatten alles Mögliche zum Thema gelesen und beschlossen und nicht noch weiter verwirren zu lassen. Jedes Buch zeichnete andere Aspekte, und wurde das zu viel. Wie beschlossen schließlich, uns auf unseren Instinkt und Verstand zu verlassen. Die Fragen der Menschen um einem herum wiederholten sich, gebetsmühlenartig leierten wir die Antworten herunter. In der Theorie waren wir ganz groß. Wie wir uns in der Praxis schlagen würden, würde sich zeigen. Wir wollten uns auch endlich beweisen und wollten nur noch, dass es losgeht.

So ist es auch jetzt: Inzwischen lesen wir keine Bücher mehr über Brasilien, wir wollen uns nicht mehr nur vorstellen, wie es dort sein könnte, wir wollen es selbst erleben. Von uns aus kann und soll und muss es nun endlich losgehen!