Arbeitsamt, Teil 2 oder: Oh, Sie sind ja schon gemeldet!

Arbeitsamt, Teil 2. Schriftlich hatte mich das Amt vor Weihnachten aufgefordert, ich möge mich doch am 4. Januar, dem ersten offiziellen Werktag der Arbeitslosigkeit zum Vermittlungsgespräch einfinden. Und damit ich mich gar nicht erst an das arbeitslose Lotterleben gewöhne, müsse dies um 8.15 Uhr am Schalter in der Eingangshalle geschehen.

Gegen 8.05 biege ich auf die Zielgerade. Im Vergleich zu meinem Erstbesuch am 11.11. ist der Zuweg inzwischen schön hergerichtet. Der Kasten sieht freilich noch genauso abstoßend aus. Weil beim letzten Mal so gut wie nix los war, wähne ich mich gut in der Zeit. Pustekuchen. Beim Betreten des Foyers stehen rund 40 Polen schon in der Warteschlange. Ein Unternehmen hatte zum Jahresbeginn mal eben die gesamte Belegschaft stempeln geschickt. Na gutes neues Jahr dann. Ich nehme es sportlich. Schließlich wird es für mich für rund 3 Jahre der letzte Besuch sein. Den Bewilligungsbescheid habe ich auch schon in der Tasche.

Zwei Termine eng hintereinander

Nur bei dieser Schlange werde ich den zweiten Termin, der kurz nach dem ersten ebenfalls auf dem Postwege mitgeteilt wurde (was das alles ein Porto kosten muss!), wohl kaum schaffen. Im 4. OG soll ich um 9 Uhr zur Pflichtvorlesung „Rechte und Pflichten nach dem Sozialgesetzbuch III“ antanzen. Wer da nicht kommt, hat gleich gelitten: 1 Woche Leistungssperre. Nur in Tippelschritten geht es voran. 8.15 Uhr ist schon vorbei. „Gibt bestimmt gleich einen Anschiss“, denke ich mir. Immerhin ist um mich herum gute Stimmung – Shakehands, Kollegen unter sich.

Gegen 8.40 Uhr sitze ich am Tisch bei Sachbearbeiterin Frau M. Sie darf mir zur Begrüßung nicht die Hände schütteln, steht es auf einer Karte mit Piktogramm nahe der Tischkante. Ein „Guten Tag“ tut es ja schließlich auch. Der Blick in meine Kundenakte, so heißt das jetzt, überrascht sie. „Sie sind schon arbeitssuchend gemeldet?“, fragt sie. „Ja, seit 11.11.“. Schön, auf dem Weg 20 Meter durchs Foyer den Gang entlang wurde etwas bearbeitet was an anderer Stelle anscheinend nicht einzusehen war. Kurz überschlage ich, wie hoch bei dieser Riesenbehörde die Gefahr zu sein scheint, dass Datenbanken im selben Haus, in der selben Etage, scheinbar nicht unbedingt synchronisiert sein müssen. Wie sieht das erst aus, wenn es durch unterschiedliche Abteilungen oder gar Standorten geht. Der Gedanke macht mir Angst.

Sind die Datensätze wirklich synchronisiert?

„Ah, und den Bescheid haben Sie auch schon! Was wollen Sie dann hier?“ Frage ich mich auch, denke ich, antworte aber: „Ich habe eine schriftliche Einladung erhalten.“ Anscheinend hätte ich mir das also sparen können. Was nun, wenn die seinerzeit angekündigte Abmeldung zum 29. Januar nicht vermerkt ist? Ich hake nach. „Steht denn da etwas, dass ich Ende des Monats mit meiner Familie nach Brasilien ziehe und deshalb gerne unterbrechen würde?“ frage ich. Die Antwort konnte ich mir denken.

Die spitzmausartige Sachbearbeiterin schaltet schnell. Wenn sie jetzt alles richtig macht, hat sie die nächsten drei Jahre vor mir Ruhe. „Dann tragen wir das doch schon mal ein“, sagt sie und tippt drauflos. Kurzdrauf liegt ein Antragsformular unterschriftsreif vor der Nase. Wilhelm drunter, fertig. Mit etwas Glück schaffe ich es doch noch Pünktlich zur Belehrung in den vierten Stock.

Wie komme ich dorthin? Ich irre durch die Gänge, vorbei an schlecht beleuchteten Büros mit offenen Türen. In vielen sitzen Sachbearbeiter scheinbar regungslos und starren auf die Tischplatte. Eine einzelne Schreibtischlampe spendet ein wenig Licht. Als der Gang mit einer Wand abschließt, frage ich nach. OK, zu weit, halbe Strecke zurück.

 

Ein Sitzungssaal mit rund 60 Sitzplätzen. 30 Leute sind schon da. Die Agenturfrau hält in ihren Händen eine fünfseitige engbedruckte Liste. Eigentlich müssten demnach mindestens 150 Leute erwartet werden. Circa 20 werden bis Ende der Sitzung im Minutentakt noch hinzukommen. Der Raum drückt aufs Gemüt. Dunkles Holz und hinter drei Flipcharts in der Ecke lässt sich die Bundesfahne ganz schön hängen. Kein Wunder, diese trostlose Ambiente raubt schlagartig jede Energie.

Es geht um die üblichen Dinge – Verfügbarkeit, Eigeninitiative, Konsequenzen. Das meiste hat man schon mal irgendwo gehört. Oft beginnen Sätze mit „wir erwarten“ oder „sie müssen“. Interessant sind die Zumutbarkeitsregeln. Ein Arbeitsweg von 2,5 Stunden pro Tag (hin und zurück) oder ein angebotenes Gehalt maximal 30% unter dem vorherigen liegt ist demnach nicht zumutbar. Auch interessant, dass Leistungssperren gestaffelt sind. Nichterscheinen zum Beratungstermin: 2 Wochen Sperre; im Krankheitsfall Krankmeldung ab dem ersten Tag. Wenn nicht – Sperre. Zumutbare Beschäftigung nicht angenommen – bis zu 12 Monate Sperre. Doch damit ist es nicht getan, denn die Sperrzeiten werden aufaddiert. Hat man es geschafft, 21 Wochen Sperrzeiten aufzuhäufen, erlischt der Anspruch auf Geld.

Dafür dürfte man monatlich 165 Euro hinzuverdienen, ohne dass dieses angerechnet wird. Voraussetzung: Man arbeitet maximal 14 Stunden die Woche und sagt Bescheid. Tut man das nicht, werden 450 Euro (Minijob) pauschal angerechnet. Aber Moment – 14 Stunden mal 4, also 56. 165 geteilt durch 56 – circa 3 Euro. Stundenlohn. Mit dem Mindestlohn kann man diesen Zuverdienst also strenggenommen knicken, oder?

Egal, nach 40 Minuten ist Schluss mit Belehrung. Ich sehe zu, dass ich rauskomme.