Ich packe meinen Koffer (1)…; Welche Musik kommt mit?

Aus rund 1000 mach 10 – maximal. Mehr Platz wird nicht bleiben, für CDs im Gepäck. Und Zeit auch nicht, um alles zu digitalisieren. Also: Eine Auswahl muss getroffen werden. Früher gab es im Magazin Musikexpress ein Fragebogeninterview. Eine beliebte Frage war die nach den 5 Platten für die einsame Insel. Vamos!

0766397449128Catie Curtis, Sweet Life. Ich kannte Catie Curtis nicht, als ich Wiebke die CD als Geburtstagsgeschenk bestellte. Es muss 2009 oder 2010 gewesen sein. Aber ich dacht mir: Wenn die Musik das hält, was das Cover verspricht, nämlich lockerflockige Gutelaunelieder, dann mach ich nix verkehrt. Riskant zwar, und in manchen Fällen auch ein Trugschluss, aber hier ging der Gedanke auf. „Sweet Life“ wurde innerhalb kürzester Zeit zu meinem Frühlingssoundtrack. Leichtfüßig mit leicht nachdenklichem Unterton erzählt Catie Curtis bezaubernde Geschichten, irgendwo aus der amerikanischen Provinz, randvoll mit Leben. Ob in „Sweet Life„, in dem sie die Suche nach Geborgenheit und Partnerschaft beschreibt, ein Weg, der über viele Umwege und schmerzhafte Erfahrungen führte: „There’s music in the kitchen, laughter down the hall; didn’t know what I’ve been missing, but I almost missed it all“. Im zweiten Track beschreibt sie die letzten Tage einer zu Ende gehenden Kindheit, den Aufbruch ins Leben, der mit Trennung von zu Hause und den Freunden verbunden ist: „They do the cannonball into the creek, they do the cannonball one more week; at the end of the summer good friend ready to fly“. So, wie die Texte mit feiner Mine geschrieben sind, genauso sind sie instrumentalisiert: dezent, sparsam und sich deutlich zu den Country- und Folkwurzeln bekennend. Wer also warmherziges Songwriting auf extrem hohem Niveau mag, Popperlen mit Tiefgang und Suchtfaktor, der kann hier nix falsch machen – außer die CD weiter zu verschenken. Keine Ahnung, bei wie vielen Autofahrten die CD lief, wie oft im Wohnzimmer bei aufgerissener Türe. Diese CD brauche ich.

0786851262520Ganz ähnlich übrigens wie The near demise of the high wire dancer der Amerikanerin Antje Duvekot. Schon der Titel dieses Songwriteralbums ist pure Poesie, finde ich. Geboren wurde Antje Duvekot übrigens in Heidelberg, ehe sie als Teenager mit den Eltern in die Staaten zog, ohne auch nur ein Wort Englisch zu sprechen, irgendwo in der Pampa. Kein Wunder, dass sie an der Highschool zunächst ein einzelgängerischer Sonderling war. Es war die Musik des ebenfalls umwerfenden Singer/Songwriters John Gorka, die ihr Kraft gaben und sie letztlich zu Musik brachten. Einen Teil ihrer Teenagermelancholie hat sie sich scheinbar erhalten – sie ist der Grundzutat ihrer Musik. Mitunter hat sie einen Hang zu großen Gefühlen und zum Drama – die im Stück The Scream zu ganz großem Songwriting auftürmen – das einen aufwühlt, mitreißt, ein wenig traurig macht. Und bei dem die Musik nicht besser zum Text passen könnte:

I am coldfront and you are a rosebud

I am a saltmine and you are a deep cut

I am a floodwave and you are a nutshell

You are an ice patch and I am the sun

Die Musik von Antje zu entdecken war nicht nur ein ausgesprochener Glücksfall. Sie öffnete mir die Türe zu einem ganz neuen Musikkosmos, den der nordamerikanischen Folk-Songwriterinnen. Fast zwei Jahre hörte ich nichts anderes mehr. So entdeckte ich die Musik der 2008 an Krebs verstorbenen Katie Reider, Christa Couture aus Kanada, Ann Vriend undundund.

Das-Maerchen-vom-gezogenen-Stecker--LiveBAP Das Märchen vom gezogenen Stecker. Ich kenne BAP von klein auf, als Rockband mit Mitgröhlfaktor und ich gebe zu, nach dem Aus von Klaus „Major“ Heuser hatte ich die Kapelle aus den Augen verloren. Für eine bewegende Reunion sorgte meine Frau, als sie mir zum Geburtstag Tickets für eben jenes Konzert in der Kölner Philharmonie schenkte, das nun hier uf CD für die Ewigkeit festgehalten wurde. Und zum Glück wurde es das. Denn so, wie diese Lieder eingespielt wurden, macht BAP plötzlich wieder Sinn. Weiser, reifer, überlegter, abgeklärter – so kommt das Album daher. Hier muss sich niemand mehr beweisen oder rechtfertigen. Hier haben sieben Musiker zusammengefunden, die sich hervorragend ergänzen und beflügeln; Selbst Lieder, die ich nicht mehr hören konnte (Verdamp lang her) machen so wieder Spaß. Danke, BAP, sehr geiles Album. Übrigens auch für Neueinsteiger, die ein Herz für Folk, Country oder Weltmusik haben. Ich bin wieder Fan. BAP sollte für Deutschland spielen! Darum muss die mit!

R-1583889-1230256685.jpegEin anderer Musiker, mit dem ich einen Großteil meiner Studienzeit verbrachte ist Onkel Paul Weller. Musikalisch sozialisiert mit Queen (Live Killers) und The Who in den späten 80ern war es nur eine Frage der Zeit, bis ich bei Paul Weller landen würde, dem – ich hasse diesen Ausdruck – Modfather. Er ebnete mit seiner Musik (The Jam, Style Council) aus den 70er Jahren heraus den Weg für die Lads von Oasis, Blur, Pulp; des Britpops, Cool Britannias. Sicher, zu den Wegbereitern zählten mindestens genauso Morrissey, die Smiths, Stone Roses und andere Mancunian Bands. Stanley Road war für mich der Durchbruch – mitnehmen würde ich stattdessen das Akustik-Album Days of Speed – für Weller der Einstieg in eine weniger Produktive Phase, in der er sich über mehrere Alben (Modern Classics, Catch Flame, Studio 150) sich und andere coverte. Aber auch nie schlecht. Aber es ist die Intimität, mit der Weller Days of Speed zu einem ganz besonders intimen und zugleich intensiven Hörgenuss macht. Zumal es ihm gelingt teilweise ordentlich durchgenudelte Songs so zu arrangieren, dass sie wieder neu und aufregend klingen. Und ein paar weniger bekannte Stücke aus der zweiten Reihe (the loved, above the clouds) wurden so entrümpelt, dass ihr songwriterischer Kern erst richtig zur Geltung kommen kann. Wunderbar zu Sonnenuntergang mit Bier oder Rotwein, oder längere Autofahrten im Dunkeln. Brauche ich – immer mal wieder und dann auch gleich mehrfach hintereinander.

Ebenfalls ein Tnomvulaüröffner, diesmal in die Welt der Weltmusik, ist das Debütalbum der südafrikanische Band Freshlyground (2006), das ich im Plattenladen warehouse an der V&A-Waterfront in Kapstadt das erste Mal in die Finger bekam. Es war eben jenes Jahr und Freshlyground war dort richtig dick angesagt, füllte ganze Stadien. Drum überraschte es mich schon, dass genau diese Band ein gutes Jahr später vor 300-400 Zuschauern in der nicht ausverkauften Brotfabrik in Frankfurt Hausen spielte. Am Ende des Konzert popelte ich von einer Wand ein Plakat ab, borgte mir einen Stift und schlich zur Bühne, wo Gitarrist Jules gerade damit beschäftigt war, die Verkabelung seiner Gitarre aufzurollen. Er grinste und unterschrieb gerne. Als ich ihn fragte, ob es vielleicht möglich wäre, dass er das Plakat kurz nach hinten zu den anderen bringen könnte… – antwortete er nur: „Geht doch selbst nach hinten, die Tür ist auf“ und wies auf die Türe neben der Bühne. Backstage gab es gerade Abendessen. Mit großem Hallo lud man uns zu Getränken und Essen ein. Wir quatschten eine Weile. Keine andere Band haben wir im neuen Jahrtausend häufiger live gesehen – insgesamt vier oder fünf Mal. Diese CD werden wir sogar ich echt mitnehmen. Es ist die einzige, die wir zweimal haben, weil sie zwischenzeitlich echt auf heavy rotation lief und Wiebke und ich sie uns gegenseitig aus dem Autoradio klauten. Macht einfach richtig gute Laune.

Und je länger ich drüber nachdenke, desto mehr CDs fallen mir ein, die ich eigentlich auch ganz dringend mitnehmen müsste…