Ein Bier bitte? Diese Sätze hören wir zurzeit am häufigsten

12079143_10153667830271974_3879253031152631804_nVergangene Nacht ist es passiert. Ich habe das erste Mal von Brasilien geträumt. Natürlich kriege ich die Bilder nicht mehr zusammen. Eine Handlung erst recht nicht. Es war sicher nicht Rio, kein Bild, das mir in letzter Zeit schon einmal begegnet wäre. Aber als ich aufwachte, war es mir völlig klar, dass ich kurz zuvor in dort gewesen war. Es war ein angenehmes Gefühl, ich kam aus der Wärme.

Gut zwei Monate sind es noch, dann werden wir im Frankfurter Nachthimmel entschwinden. Inzwischen hat es sich herumgesprochen. Heute sprach mich mein Friseur drauf an. Ist das Gespräch erst in dieser Bahn, wird es vorhersehbar. Wann genau geht es los? Kommt dann als nächstes. Oh, ist ja schon bald, meist direkt danach. Was macht ihr mit dem Haus? Ich ertappe mich, wie ich bei derart gelagerten Konversationen einsilbig werde. So oft habe ich schon die Fragen beantwortet. Vor allem bei Letztgenannter reagiere ich ausweichend bis gereizt – das Thema ist noch eine Baustelle. Aber das wissen die meisten ja nicht.

Können sie nicht. Wie auch. Vielmehr ist die Anteilnahme ziemlich überwältigend. Wenn einem die Betreiberin des kleinen Asia-Imbisses, Frau Mai, sagt, dass sie der Gedanke daran traurig macht, dann isst man vielleicht zu oft bei ihr zu Mittag. Aber man bekommt das Gefühl etwas mehr zu sein, als nur der Typ, der sich dort hin und wieder etwas reinschaufelt, fünf Euro dort lässt und nach 20 Minuten wieder geht. Ich glaube ich habe, abgesehen von ein paar Höflichkeitsfloskeln mich noch nie groß mit ihr unterhalten.

In den sozialen Medien, wo der aktuelle Aufenthaltsort ohnehin kaum noch eine Rolle spielt, beginnen Chats neuerdings gerne mit „Seid ihr schon weg?“ Und auch hier, wo es eigentlich egal ist, ob man ein paar Häuser weiter sitzt oder am anderen Ende der Welt, spüre ich deutlich, dass es die Leute beschäftigt. Das Wörtchen „Krass!“ kommt dann oft. Seit es das Internet, genauer Facebook oder Whatsapp gibt, kann ich mich Personen verbunden fühlen, die zu treffen in analoger Echtzeit überhaupt keine Zeit bliebe. Wie bitte, soll man Kontakte pflegen, wenn alleine 17 oder 18 von 24 Stunden durch Arbeit (inklusive An-und Abreise) und Schlafen draufgehen? Mit Familie, wohlgemerkt.

Entweder man konzentriert sich ganz auf sich und reduziert Sozialkontakte auf das direkte Familien- und Wohnumfeld, oder man hängt vor der Kiste. Ist es bekloppt, trotzdem von Nähe und Anteilnahme zu sprechen, oder sind das erste Anzeichen dafür, dass die nächste Degenerationsstufe erreicht ist? Heute schrieb eine Kollegin auf die Frage, ob sie meine Pläne für sinnvoll erachte. „Du bist mutig und ideenreich. Das wird sich auszahlen. So oder so.“

Auf der Arbeit spürt man das nahende Ende auch. Nicht nur, weil plötzlich noch sehr viele teils aufgeschobene Dinge angeleiert, geregelt oder vollendet werden müssen. Auch im alltäglichen Mailverkehr, etwa wenn man in der Themenrundmail des Nachrichtenchefs kurz Erwähnung findet. Dort stand dieser Tage: „Kollege Nöthen wird voraussichtlich am 18. Dezember seinen letzten Arbeitstag haben.“ Nur zwei Sätze hinter: „Angela Merkel ist heiser.“

Vielgehört außerdem:

Bevor Du weg bist, musst Du noch XY machen.

Bevor ihr weggeht, müssen wir uns unbedingt nochmal treffen (zuvor hatten wir uns zuletzt, lass mal überlegen, war es schon dieses Jahrtausend? Gesehen)

Bevor ihr weggeht, gehen wir nochmal so richtig einen trinken

Was wollt ihr denn mit dem Auto machen?

Und was machst Du da so (das werde ich in einem der nächsten Kapitel erläutern, aber noch gibt es nichts konkretes, so stay tuned)?

Sprecht Ihr Spanisch?

Ist Brasilianisch sehr anders als Portugiesisch?

Was heißt denn guten Tag auf Brasilianisch?

Und: Ein Bier bitte?

Wart ihr schon mal in Brasilien?

Mir wäre das zu gefährlich.