Das Duell: Arbeitsamt vs. Konsulat – welches Amt kann es besser?

IMG_20151111_092356Erst zum Konsulat, wenige Tage später zum Arbeitsamt. Zwei Behörden im direkten Vergleich. Dass das brasilianische Konsulat erfreulich schnell unsere Visumsanträge bearbeitete und uns gleich noch eine Steuernummer ausstellte, hatte ich ja schon berichtet. Entsprechend hoch lag die Messlatte als ich neulich zum Arbeitsamt musste. Ich mein zur Arbeitsagentur – weiß-rot statt rot-weiß – die Mutter aller Behörden.

Das Frankfurter Arbeitsamt mag es gesellig. Es liegt, ein wenig versteckt (das muss so ein Klotz erstmal hinbekommen) im selben Block mit diversen städtischen Ämtern und der Zentrale der Verkehrsgesellschaft, ganz in der Nähe der Konstablerwache. Verkehrsmäßig top zu erreichen. Der erste Eindruck bestätigt meine Vorurteile. Ein nüchterner Klotz mit einem langen Zuweg. Wer hier entlangschleicht, wobei man nicht unbedingt Angestellt und „Kunden“ am Gang unterscheiden kann, hat genügend Zeit noch einmal gedanklich durchzugehen, ob er alle geforderten Unterlagen dabei hat. Oder sich eine gute Ausrede zu überlegen.

Ich habe einen Termin. 8.45 Uhr, Platz 1. Da es für mich ein Erstkontakt ist und keinerlei Orientierung habe, wende ich mich an den Empfang. Wobei Empfang gut ist. Knapp 10 Meter vor dem Tresen ein Schild: Bitte hier warten bis sie aufgerufen werden. Vor mir niemand. Hinter der Scheibe eine Frau. Sie scheint beschäftigt, richten den Blick nach unten, hinter den Tresen. Nach einigen Sekunden Reaktionszeit darf ich nähertreten. „Zur Antragsstelle dort rechts in den Gang hinein.“ Aha, Antragsstelle, soso.

Ich hatte alles dabei. Antragsformular (ausgefüllt), Kopie des Kündigungsschreibens, Bescheinigungen der letzten Arbeitgeber, für alle Fälle Wiebkes Arbeitsvertrag (für die Kündigungsbegründung) und der Dienstausweis mit Visum. „Fünf Minuten vor der Zeit…“ hatte mein Opa immer gesagt. Ich sitze um 8.25 Uhr auf einem roten Plastikstuhl in einem kargen Gang mit marmorierten PVC-Fliesen. Vor Jeder Tür ein Schild. „Platz 1“, Platz 2“, Platz 4“ – Wo war Platz 3 frage ich mich. Ich bin übrigens der einzige dort. Eine Türe öffnet sich. Eine ältere Frau schaut heraus. „Herr Ihle“, ruft sie monoton. Blick links, Blick rechts. Ein Schulterzucken. Die Tür schließt sich wieder.

Die Tür zum Büro „Platz 4“ steht offen. Ein Mittfünftiger mit Birkenstocksandalen kommt von rechts den Gang entlang geschlichen, den Kaffeebecher in Vorhalte. Ich fühle mich wie im Comic. Bislang ist alles wie im Klischee. Fast schon zu Klischee. Grauer Fußboden, graues Gemüt. Der Mann geht in das offene Büro. In der Begrüßung nehme ich erstmals sowas wie Leben war. Etwa fünf Minuten vernehme ich Gesprächsfetzen. Es wird erstaunlich engagiert diskutiert. „Wir sind nur zu dritt“, höre ich „bei uns Türmen sich die Überstunden und abbauen können wir nicht.“ Und lauter solche Dinge. Als das Gespräch endet schleicht der Mann nach links weiter. Zum Kaffeeautomaten, vermute ich.

Diese Vermutung dürfte aber falsch gewesen sein. Denn als ich in das Büro gerufen werde, fällt mir sofort die Kaffeemaschine, Typ Senseo, ins Auge. So eine hat hier bestimmt jeder. Ein Wandtattoo „Time for a cup of coffee“ unterstreicht die zentrale Wichtigkeit dieses Aparillos für das Büro und sicher auch das amt selbst. Ob jeder so eine hat? Bekommt man da als Behörde eigentlich Mengenrabatt?

Noch mehr Individualität in die Amtsstube bringt ein Poster mit irgendeinem England-Motiv – Union Jack und so Zeug. Darunter auf dem Sideboard jede Menge Süßkram: Kekse, Schokolade, Minischokoküsse. Dies und mutmaßlich zu wenig Bewegung und man kann erahnen, welches Kaliber dort nun vor mir saß.

Mit aufgekratzter Jovialität versuche ich den Vorgang so schnell wie möglich voranzutreiben. Ich hole die Dokumente aus dem Umschlag, breite die geforderten Unterlagen griffbereit auf dem Schreibtisch aus. Die Dame greift zum Antragsformular. „Ist ja alles mit Bleistift ausgefüllt, das geht nicht.“ Scheiße, denke ich und fühle mich prompt erwischt. Jetzt werde ich nach Hause geschickt und darf nochmal antanzen.

„Ja wissen sie, das habe ich extra so gemacht, ist doch ärgerlich, wenn man sich auf so wichtigen Formularen mit Kugelschreiber verschreibt…“

„Und hier haben sie ja gar nichts ausgefüllt!“ Dabei hatte in dem Brief gestanden: Erst Termin vereinbaren wenn alles ausgefüllt und alle benötigten Unterlagen vorhanden sind. „Ach wissen sie was, ich mach das schnell“, sage ich und schnappe mir das Formular. Denn inzwischen hat sie die Bescheinigung meines Noch-Arbeitgebers zwischen. „Diese Arbeitgeber, da fehlt ja die Hälfte.“ Diesmal muss ich mich gar nicht doof stellen. Ich hatte tatsächlich drauf vertraut, dass das alles ordnungsgemäß ausgefüllt wurde und unterstütze die Empörung der Sachbearbeiterin. „Das gibt es doch nicht. Das müssen die doch wissen, machen die doch bei mir sicher nicht zum ersten Mal.“ Das Eis bricht. „Sie glauben ja gar nicht, was die einem hier so vorlegen“, seufzt sie. „Ja kann man denn die Unternehmen nicht dazu verpflichten, das richtig zu machen?“ Spätestens jetzt sind wir Verbündete im Kampf gegen nachlässige Arbeitgeber. Inzwischen ist das Antragsformular mit Kugelschreiber nachausgefüllt.

„Brauchen Sie für den Arbeitsvertrag meiner Frau?“ frage ich, jetzt schon mit Oberwasser. Braucht sie nicht. „Zeigen Sie mal her.“ Das Formular für meinen Arbeitgeber gibt sie mir als Hausaufgabe mit. „Hauen Sie das Ihrer Buchhaltung um die Ohren.“ Ich muss aber nicht wiederkommen. Einschicken reicht. Außerdem soll ich doch bitte noch mitteilen, wann wir beabsichtigen das Land zu verlassen. Das verspreche ich umgehend zu tun. Sobald der Bescheid da ist, versteht sich. Nicht dass da noch was schiefläuft.

Zum Schluss plaudern wir noch ein wenig. Was ich in Brasilien denn machen werde, oder ob wir nicht vielleicht ganz dort bleiben. Fehlt nur noch, dass sie mir eine Tasse Cafissimo-Kaffee anbietet, so hübsch verläuft die Unterhaltung nun. Nach gut 20 Minuten bin ich raus. Nicht schlecht. Als ich anrief, um den Termin zu vereinbaren, war man noch von 45 Minuten ausgegangen. Auf dem Gang draußen sitzt, als ich wieder herauskomme, immer noch niemand.

Der vorläufige Bescheid ist inzwischen auch schon da. Vier Tage nach dem Termin. Fast einen Monat vor Inkrafttreten.