Angst vor kleinen Räubern und die Barbaren von Paris

IMAG0633Eine, eigentlich die einzige Sorge, die wir uns im Vorfeld der Rio-Abenteuers machen, ist das Thema Sicherheit und dabei vor allem die Sorge, auf offener Straße unter Umständen Opfer eines Raubüberfalls werden zu können. Seit knapp drei Tagen erscheint mir diese Angst ziemlich lächerlich. Neulich erhielt diese eher unterschwellige Sorge, neue Nahrung. Kurz nachdem Wiebke von ihrem Seminar in Berlin zurückgekehrt war, erhielt sie einen Brief: Die Sicherheitslage im Einsatzland habe sich geändert, deshalb müsse sie in Kürze zu einem eintägigen Sicherheitstraining (Bericht folgt) nach Bonn. Teilnahme verbindlich. Als ich davon hörte, steuerte ich gleich die Internetseite des Auswärtigen Amts an. Da ich dort schon einige Mal herumgestöbert hatte, waren mir die bisherigen Sicherheitstipps durchaus geläufig. Deshalb konnte ich auch keine Veränderungen feststellen. Auch die Nachrichtenlage aus Brasilien verfolge ich eigentlich recht gewissenhaft. Von einem solch vermeintlich gravierenden Abschwung, der eine solche Warnung gerechtfertigt hätte, hatte ich auch dort nichts mitbekommen. Nachdem Wiebke einige Male telefoniert hatte, gab sie Entwarnung. Anscheinend sei das Sicherheitstraining Teil des normalen Vorbereitungsprogramms und hätte ohnehin stattgefunden. Also keine Lageverschärfung, alles gut, durchatmen.

Ich verfolgte mit einem Auge am Freitag (12. November) das Fußballspiel zwischen Frankreich und Deutschland. Das Spiel fand in Paris statt. Nach 22 Minuten knallte es dort ziemlich laut und vernehmlich. In einem Fußballstadion nichts Besonderes und, obwohl verboten, oft von Klatschen und Begeisterungsrufen begleitet. Doch dieser Knall löste keine Begeisterung aus, denn er war, wie später berichtet wurde, nicht aus dem Stadioninnenraum gekommen und viel zu heftig gewesen.

Im Laufe der zweiten Halbzeit sickerte durch, dass die französische Hauptstadt an jenem Abend nicht nur Schauplatz eines überflüssigen Freundschaftskicks war, sondern zugleich Schauplatz des größten Blutbads, das Terroristen jemals in Europa angerichtet haben. Knapp 130 Tote wurden am Ende gezählt – völlig wahllos im Restaurant, im Konzertsaal. Die Botschaft ist klar: Es kann jederzeit überall passieren. Beim letzten abendlichen Blick auf Facebook ein verstörender Eintrag zwischen allen Likes und Daumenhochs: K-Shu La Mona (eine französische Sängerin, die ich vor einiger Zeit interviewte und mit der ich seither verlinkt bin) wird von den Pariser Sicherheitsbehörden als „in Sicherheit“ identifiziert. Ich stutze. Nicht, dass ich sie so gut kennen würde. Aber nun war der Terrorismus auch in meiner kleinen Welt angekommen. Noch sehr am Rande zwar, aber da. Das ließ mich innerlich kurz aufmerken. Doch es sollte sogar noch ein Stückchen näher kommen.

Bislang kannte ich, kannten wohl die meisten von uns, den Terrorismus Gott sei Dank nur aus dem Fernsehen oder der Zeitung. Doch mit den Anschlägen von Paris ist der verdammte Terrorismus auch ein Stück weit hier bei uns in Rödelheim angekommen. Plötzlich ist die sinnlose Gewalt keine abstrakte Bedrohung, sondern betrifft und konkret – wenn auch nur mittelbar.

So stand am Samstagmorgen mein Weingaragenkollege* Wolfgang Zimmermann vor der Türe. „Ich hab da ein Problem“, sagte er schmal. „Was ist los?“ fragte ich, „Auto kaputt, Saumagen vergessen?“ Es konnte doch eigentlich nichts Schlimmes sein. „Habt ihr noch keine Nachrichten gehört?“ fragte er zurück. „Ich muss nach Paris.“ Drei Stunden später saß er im Flieger. Die verschissenen Terroristen hatten es tatsächlich geschafft, ein Stück weit die Weingarage zu sprengen.

*Den Begriff Weingarage muss ich hier kurz erklären. Es handelt sich dabei um ein kleines Nachbarschaftsfest in Frankfurt-Rödelheim, dass ich2014 mit meinem Freund und Nachbarn Wolfgang Zimmermann ins Leben gerufen hatte. Der Rest des Begriffs Weingarage ist genau so, wie man sich das nun vorstellt: Garage auf, Tisch raus, Wein trinken und miteinander klönen. Nix Großes, aber ein schönes Fest.

Es kam mir plötzlich wieder in den Sinn. Vor ziemlich genau einem Jahr hatte es so ausgesehen, als würde uns unser Auslandsabenteuer nach Paris, genauer Buc bei Versailles führen. Für uns wäre das in etwa so gewesen, als wären wir nach Bad Homburg oder Hamburg-Harburg gezogen. Wäre es das überhaupt wert, einen Umzug, eine berufliche Neuorientierung auf sich zu nehmen? Paris, so unsere Überlegung, ist zwar eine geile Stadt, aber halt auch wenig exotisch. Beide waren wir schon einige Male dort – würden nicht Kurztrips reichen?

Dann, kurz nach der Absage, kam der Anschlag auf Charlie Hebdo und ich dachte nur: meine Fresse. Das wird die Stadt verändern. Plötzlich war Paris nicht mehr nur nicht exotisch, sondern zugleich auch semi-gefährlich. Wobei ich immer davon ausgegangen wäre, dass ein solcher Anschlag zum einen kaum noch zu toppen sein würde, zum anderen wahrscheinlich doch in einer anderen europäischen Hauptstadt stattfinden würde. Weit gefehlt. Dann kam, fast zeitgleich, eine Geiselnahme in einem Supermarkt. Paris wurde für mich zu einer Stadt, in der man dann doch wohl aufpassen müsse künftig. Und jetzt das. Zumal wir, wäre alles normal gelaufen, vergangenen August bereit dorthin gezogen wären, nun also vor Ort gewesen wären. Im Vergleich dazu sind unsere Sorgen nichts.