Auf dem Konsulat oder herrlich entspannt zum Visum und Steuernummer CPF

 

Das Hoheitsabzeichen Brasiliens.

Das Hoheitsabzeichen Brasiliens.

Manchmal wünschte ich, alles wäre so entspannt wie – ein Visum beantragen im Brasilianischen Konsulat in Frankfurt. Kurz nach 9 Uhr am Morgen, wir sind nicht die ersten. Eine vierköpfige Familie ist schon dort. Außerdem ein gemischtes Pärchen: Sie dunkelhäutige Brasilianerin, er ein bierbäuchiger Gringo, gut 60 Jahre alt, Lederjacke, Saarbrücker Zeitung in der Tasche. Ginge es nicht um Brasilien, sondern um Thailand, ich hätte schon eine Vermutung, wie sich die beiden kennengelernt haben.

Konsulat klingt irgendwie immer ziemlich groß und wichtig. In diesem Fall ist es eher, naja, wie die Kfz-Zulassungsstelle in einer Kleinstadt. Rechts ein Schalter mit drei Arbeitsplätzen. Links etwa 20 Kunstledersessel für die Wartenden. In der Mitte der Willkommensschalter: Ein Tisch mit einem Laptop, dahinter eine freundliche Frau. „Bom Dia.“ Doch zum Glück spricht sie Deutsch. „Visum beantragen, da müssen sie an Schalter vier.“ Der befindet sich in einem kleinen Durchgangskabuff neben den drei regulären Schaltern. „Visa Schalter 4“steht auf einem ausgedruckten A-4-Blatt neben dem Durchgang. Wir bekommen eine laminierte orangene Karte mit einer Wartenummer. 401. „Sie sind die ersten heute, die ein Visum wollen“, sagt die freundliche Frau, die vielleicht so um die 40 ist. „Nehmen Sie noch einen Moment Platz.“

Frühestens 90 Tage vor Reiseantritt kann man ein Langzeitvisum (2 Jahre) für Brasilien beantragen. Wir fliegen am 29. Januar. Heute ist der 29. Oktober. Deutsche Pünktlichkeit.

Keine langen Wartezeiten

Innerlich richte ich mich auf eine lange Wartezeit ein, obwohl wenig los ist. Jedenfalls haben wir den Sprachkurs, der eigentlich heute wäre, auf den Nachmittag verschoben. Man weiß ja nie. Und man kennt deutsche Behörden. Alles schon dagewesen.

„Numero quatro“, ruft der Mann mit hellblauem Hemd und Krawatte. Die Familie springt auf und geht zum Schalter. Jetzt erst fällt mir die Anzeigetafel auf, die über der netten Empfangsdame hängt. Wie auf dem Einwohnermeldeamt. Doch warum werden die Nummern nicht dort angezeigt, sondern aufgerufen, denke ich noch. Da macht es „Ping“. Und wir sind dran.

Wiebke hat alles dabei. Auch das, was sie vorab schon mühsam hochladen musste. Sicherheitshalber. Die Sachbearbeiterin ist ebenfalls sehr nett. „Hübsche Kinder haben Sie“, sagt sie, während sie Ellas Passbild in das richtige Format stutzt. Dienstausweis, Geburtsurkundenkopie, Führungszeugnis, notariell beglaubigtes Dingsbums ab in eine Klarsichthülle – nur den Arbeitsvertrag haben wir nicht kopiert. Fuck. Wir müssen bestimmt alles wieder mitnehmen und wiederkommen. Noch ein Vormittag im Arsch.

„Eine Straße weiter ist ein Copyshop, dort können sie den Vertrag kopieren.“

Eine Viertelstunde später betreten wir das Konsulat erneut. Weil wir auch gleich die brasilianische Steuernummer CPF (Cadastro da Pessoa Física – Kataster der steuerpflichtigen Personen) beantragen können (das spart vor Ort Unmengen Zeit!) haben wir auch gleich die Reisepässe mitkopiert. Die CPFs werden im Nebenzimmer vergeben, die Vertragskopie muss wieder an Schalter 4. Aber erstmal Nummer ziehen. Diesmal 404. Viel hat sich bislang aber nicht getan.

Warteraum hat sich inzwischen gefüllt

Der Warteraum hat sich ein wenig gefüllt. Dennoch werden wir für die CPF (blaue Wartenummer) flott mündlich aufgerufen. „Nur eine Person“, sagt die spröde Sachbearbeiterin. So habe ich mir den Ton hier vorgestellt. Ich muss warten, werde aber inzwischen mit der 404 aufgerufen. Ich drücke der Sachbearbeiterin das Papier in die Hand, gebe die Nummer am Infoschalter ab. Ein Fehler, wie ich später lerne. Auch dieser Vorgang gehört schließlich anständig dokumentiert. Ich hätte die Nummer mir den Kopien abgeben müssen.

Jetzt bekomme ich meine CPF. Weil mit der älteren Dame offensichtlich nicht zu spaßen ist, gebe ich mich ganz devot. Doch eigentlich werde ich nur gebraucht, um ihr den Namen meiner Mutter mitzuteilen, den braucht man. Vermutlich einfach deshalb, weil jeder eine Mutter hat. „Bitte lesen“, sie hält mir einen Ausdruck hin. Entgegen meiner sonstigen Neigung zur Oberflächlichkeit lese ich sehr gewissenhaft. „Macht das etwas aus, dass mein Nachname einen Umlaut (ö) hat, hier aber Nothen steht?“

„Wir kenne in Brasilien keinen Umlaut“, sagt die Dame. „Sie dürfen auch in Brasilien keinen Umlaut oder oe schreiben.“ Ok, verstanden, meinetwegen – was soll ich auch mit den zwei ollen Punkten. Hauptsache ich habe nun eine brasilianische Steuernummer. Wahrscheinlich ist das auch typisch deutsch: Wir freuen uns über unsere brasilianische Steuernummer. Der Teutone hat Spaß daran, wenn ihn der Fiskus am Wickel hat – bestimmt ein sehr deutsches Vergnügen.

„Wir kennen keine Umlaute“

Was man aber wissen muss: Die CPF ist viel wichtiger als die deutsche Steuernummer. Denn egal, ob man einen Flug bucht, bei Amazon bestellt, oder im Supermarkt bezahlen will – immer wieder wird man nach der CPF gefragt.

In Brasilien dient die CPF zur Identifikation jedes dort lebenden Bürgers (egal ob brasilianischer Staatsbürger oder nicht) und wird bei den verschiedensten Gelegenheiten (Behörden, Kontoeröffnung, Mietverträge etc.) verlangt. Zusammen mit dem Título Eleitoral ist sie mit Abstand das wichtigste Identifikationsmerkmal jedes brasilianischen Staatsangehörigen. Diesbezüglich ist sie mit der Kanadas SIN und der SSN der USA vergleichbar, obwohl die CPF keine Versicherungsnummer ist, sondern vom Finanzamt vergeben wird. Gegenwärtig wird in Deutschland die Einführung der entsprechenden bundesweiten Identifkationsnummer zur flächendeckenden Überwachung des Bürgers vorbereitet.

Etwas ähnliches gibt es auch in Italien. Auf der Seite der Deutschen Botschaft findet man Näheres: „Wer sich länger in Italien aufhält, mit Behörden in Kontakt tritt, eine Ferienwohnung kaufen, einenMobiltelefonvertrag abschließen oder vergünstigte Bahntickets erwerben will kommt ohne codice fiscale (Steuernummer) nicht weit. Es handelt sich dabei um eine Kombination aus Buchstaben und Ziffern, die Schlüsseldaten des Bürgers (Name, Vorname, Geschlecht, Geburtsdatum, Geburtsort oder -land) bezeichnet. Der codice fiscale ist in Italien ein Instrument zur Identifizierung des Bürgers. Er wird auf Antrag durch jede Steuerbehörde (Agenzia delle Entrate) kostenfrei ausgestellt.“

Nach etwa anderthalb Stunden sind wir durch. Das Visum ist kommende Woche fertig. Und die CPF haben wir schon jetzt. Soll noch mal einer was sagen.