Vorgeschichte: Paris oder nicht Paris – Gedankenspiele

P1030694Das Ausland könnte durchaus eine Chance sein. Eine Chance, um Abstand zu gewinnen, von den letztlich doch sehr ausgelatschten Printwegen, auf denen ich meine ersten professionellen Schritte unternommen hatte. Abstand von einer Denke, die Andy Walther aus Bremberg, ein Bekannter und bekennender Verfechter des digitalen Publizierens gerne als Holzdenke beschreibt. Wie dem auch sei. Für mich bedeutet Ausland natürlich auch Neuland. Zunächst die Sprache. Mein Französisch ist bescheiden. So bescheiden, dass ich im Normalfall und ohne Alkoholzugabe die Existenz bevorzugt leugne.

Das Vorstellungsgespräch war schon. Um nicht unnötig Unruhe im Bekannten- und Familienkreis zu stiften, hatten wir uns auf die Sprechweise „Fortbildung“ geeinigt. Warum schon vorher die Pferde scheu machen? Noch gibt es nichts Konkretes zu vermelden. Das spart Diskussionen.

In Gedanken bin ich schon viel weiter. Ich habe mir eine Kladde gekauft, in die ich alles, war mir zum Thema Paris, Umzug, etc. einfällt, aufschreibe. Natürlich habe ich mich schon im Internet über Buc informiert. Und war schnell fertig. 5.500 Einwohner, kein Bahnanschluss – wenn wir als Stadtmenschendorthin ziehen, wird man uns für bekloppt erklären. Wie oft habe ich im Freundeskreis die Vorzüge des Stadtlebens gepriesen? Nur noch ein Auto, 9000 km im Jahr statt 60.000 vor noch ein paar Jahren.

Trotzdem: herrlich. Es sind eben auch nur 10 Minuten bis Versailles, weitere 10 bis zum Eiffelturm. Außerdem hoffen wir natürlich, dass die Mieten erschwinglich sind. Eine hoffentlich nicht repräsentative Internetstichprobe ergab: Für eine 70 qm Drei-Zimmer-Wohnung im Pariser Stadtgebiet – ohne natürlich zu wissen, ob es sich um eine gute Lage handelt – werden mal schnell 2.800 -3.200 Euro angerufen. Im Monat! Höre ich hier noch jemanden über Frankfurter Preise jammern? Für diesen Preis wohnt man hier auf 130 qm Stilaltbau im Holzhausenpark, luxussaniert mit Aufzug und Sauna. Kein Witz!

Warten. Gibt es etwas beschisseneres, als warten zu müssen? In Gedanken ist die Checkliste längst angelegt und wartet darauf, abgearbeitet zu werden. Was nehmen wir mit? Was bleibt? Wie kommen wir an eine Wohnung? … Da ist schon ziemlich was aufgelaufen. Aber noch bleibt es beim Träumen. Ein Bewerber steht noch aus. 50:50. Endspiel. Noch eine Woche. In vielleicht zehn Tagen wissen wir Bescheid. Hoffentlich.

Ein paar Mal wäre es mir schon beinahe rausgerutscht. Beim Mittagessen in der Kantine, neulich beim Weine. Man will ja auch ein Feedback haben – ist die Entscheidung total bekloppt, oder doch die richtige? Was den familiären Teil betrifft, kann ich mir die Reaktion schon jetzt ausmalen.

Gut, so richtig das Wasser halten konnte ich nicht. Einigen habe ich dann doch von unserem Plan erzählt. Meiner Kollegin Sonja etwa. Nicht nur, weil sie sich mit dem Thema Job und Karriere auskennt und sicher noch den einen oder anderen guten Tipp parat haben wird und auch schon hatte („da machen wir Dir vorher noch einen schönen Karriereplan“). Auch um das Vorgehen bezüglich Chefs und so betrifft; sie kennt den Laden einfach besser.

Dudi, meiner früheren Praktikantin Patrizia Dudeck, auch. Mit ihr bin ich eigentlich nur lose im Kontakt. Aber sie hat oft herrlich schräge Ideen und selbst einen krummen Lebensentwurf. Inzwischen lebt sie in Brüssel und versucht sich dort als Grafikerin, Erzieherin und was weiß ich noch alles durchzuschlagen. Gut, repräsentativ sind die beiden nicht und ich hätte sie mir wahrscheinlich nicht ausgesucht, wenn ich nicht geahnt hätte, dass sie mich unterstützen würden. Aber braucht man das nicht auch? Bedenkenträger wird es sicher noch genug geben.

Oder Jutta, ebenfalls Kollegin. Neulich traf ich ihren Mann, Reinhard. Er saß in seinem schwarzen Auto. Zigarette an, blauer Dunst. Kennt man heute kaum noch. Wie in alten französischen Filmen mit Jean-Paul Belmondo oder Jean Gabin. Da wurde gequarzt, dass die Heide wackelt. Oder in den 80ern. Damals fuhren wir immer mit Heiners Opa zu Auswärtsspielen. Er hatte eine schön glänzende Glatze und eine dicke Brille, Modell Wirtschaftswunder. Außerdem besaß er einen Ford Granada 2.3 E Kombi. Silber. Blaue Sitze. Da hinein passte die ganze Mannschaft. Einer vorne, vier auf der Rückbank, zwei dort, wo sonst der Hund saß. Kindersitze gab es damals nicht. Gurte auch nicht. Und immer, wirklich immer, wenn es nach Widdig, Witterschlick oder Queckenberg ging, hatte Heiners Opa, Ohm Hein genannt, einen Zigarrenstumpen auf dem Zahn. Die Karre war von innen blau gequalmt. Normal. Hat niemanden gestört. Sollte man mal heute machen.

„Hey, Nöthen!“ grüßte mich Reinhard durch das heruntergekurbelte Fenster. „Hab‘ gehört, Du machst Dich demnächst ab? Reschpekt!“