Warum der Weg nach Rio über Paris und Boltenhagen führt

IMAG0633Die Zeitrechnung unserer Familie wird eine neue Zäsur erhalten. Die Zeit vor Rio, gleichbedeutend für die ersten sechseinhalb Jahre als Familie in Frankfurt-Rödelheim, die Zeit in Rio und die Zeit danach. Aber alles nahm in Paris seinen Anfang.

Ich bin nicht unbedingt auf alles stolz, was ich in jungen Jahren so angestellt hat, auch wenn ich es einmal bis in die TV-Nachrichten damit schafft. Also die der Schweiz.

Silvester 1993. Die Schule ist vorüber, der Barras hat mich erwischt. Drei Monate Grundausbildung in den Schwarzwälder Sauanstrengend. Die deutlich sinnlosere Zeit folgte in den Monaten danach. Kein Wunder, dass ich mich wie ein Plätzchen auf den Party-Kurztrip nach Paris freute. Paris! Zu zehnt fuhren wir los. Und zum Jahreswechsel wollten wir unter dem Eiffelturm anstoßen. Dabei sollte es nicht bleiben.

Mehr als zwei Jahrzehnte später. Deutlich ruhiger ist es geworden, ich flaniere mit meiner Frau und den Kindern (5) Ostermontag über einen Flohmarkt. Endlich mal wieder ein Flohmarkt. Ella hat sich einen pinken Gürtel ausgesucht. Hässliches Teil, aber sie wollte ihn. Unbedingt. Mangels Alternativen vielleicht. Oder weil sie die riesige Auswahl erschlug.

Jetzt ist Edgar dran. Wir haben schon die meisten Stände gesehen, langsam wird es eng. Ich finde etwas: drei CDs, 5 Euro. Edgar zupft am Hosenbein. Er will mir etwas ins Ohr flüstern. Ich verstehe ihn nicht. Er deutet auf einen Stand. Ich erkenne nicht was er meint. „Den Eiffelturm“, sagt er jetzt mutiger. Da sehe ich ihn. 15 cm hoch, aus Bronze, ein typisches Souvenir. Überreicht, im Regal gelandet, später im Karton. Nun also auf dem Flohmarkt. Der soll es sein.

Jetzt fällt es mir ein. Als ich in Edgars Alter war, kaufte ich auf einem Flohmarkt einen Bronzenen Aschenbecher. Ich glaube, er zeigte ein Nofretete-Relief. Ob er noch irgendwo in Altendorf rumfliegt?

Einen Euro kostet der Eiffelturm. Ich zahle das gerne. Nicht nur, weil ich eine Schwäche für solchen Nippes habe; wohl immer schon hatte. Mehr weil es mich stolz machte, dass Edgar mit 5 Jahren schon den Eiffelturm kannte.

Noch ein halbes Jahr später. Meine Frau Wiebke hat sich für eine Stelle im Auslandsschuldienst beworben. Wir träumen von Kanada, zurzeit unser beider großer Sehnsuchtsort; von Australien,Windhoek – wenn es sein muss auch Kopenhagen, Amsterdam, Stockholm. Von Buc hatte ich bis Mitte Oktober noch nie etwas gehört. Dort hatte man aber die Bewerbungsunterlagen meiner Frau gelesen. Buc, am Rand von Versailles, 25 km Luftlinie vom Eiffelturm.

Von den Kindern ausgebremst

IMAG0324Wir schreiben das Jahr 2014. Wir sind 4. Andi (41), Wiebke (39), Edgar (5) und Ella (5). Seit fünf Jahren leben wir in unserem Reihenhäuschen in Frankfurt Rödelheim. Der Stadtteil ist prima, die Nachbarn sind super uns fehlt es an nichts. Und doch haben wir Fernweh, wollen nochmal ein Abenteuer erleben. Raus aus dem Trott, rein in eine neue Umgebung – andere Sprache, andere Menschen um einen, täglich 1000 Eindrücke; vielleicht wollen wir uns beweisen, dass wir es können, oder noch können. Ja, wir mögen unser kleines Spießerleben. Und doch: Die Gelegenheit scheint jedenfalls günstig: die Kinder noch nicht in der Schule, die Großeltern noch mobil und selbständig. Also nix wie raus!

Irgendwie scheint das unser Weg zu sein. In den 90er-Jahren lernten Wiebke und ich uns im 14. Stock eines englischen Studentenwohnheims in Manchester kennen. Danach pendelten wir vier Jahre zwischen Hamburg und Bonn, ehe wir nach einer kurzen gemeinsamen Zeit in Bonn nach Frankfurt zogen.

Reisen, das ist die Leidenschaft, die wir beide teilen. Allerhand haben gemeinsam bereits: Südafrika und angrenzende Länder, Thailand, Malaysia, Singapur, diverse Teile der USA, Mexiko und allerhand in Europa. Wenn immer es ging, packten wir die Koffer und waren weg.

Mit den Kindern änderte sich das. Das exotischste Reiseziel der ersten Jahre: Boltenhagen an der Ostsee. Und das spannendste daran war eigentlich, dass kaum 12 Stunden vor Reisebeginn unser erstes AuPair-Mädchen Jin Jin aus China eingetroffen war. Sie erlebte ihre erste Fahrt quer durch Deutschland im Schlaf. Sie hatte dem Jetlag nachgegeben, sich um 16 Uhr ins Bett gelegt. Um 2 Uhr früh war sie hellwach. Biorhythmus total zerschossen. Anfängerfehler. Den Rhythmus sollte sie auch nie wieder finden. Ohne iPhone-Ladegerät im Gepäck hatte sie das Heimweh schnell gepackt. So schnell, dass sie schon am zweiten Tag darum bat, den ersten Urlaub nehmen zu dürfen, um nach China zu reisen. Ja, ne, is klar. Mitten in der Pampa- 30 km zum nächsten Bahnhof in Wismar. Ach ja, Jin Jin sprach kein Wort Deutsch. Nach einer Woche schickten ihr ihre Eltern das Rückticket. Und ich möchte wetten, dass sie sich heute noch in den Arsch beißt, weil sie sich nicht durchgebissen hat.

Im dritten Regensommer, diesmal im Bayrischen Wald, stand für uns fest: Nie wieder Urlaub in Mitteleuropa. Das Jahr drauf kurvten wir mit dem Wohnmobil über Vancouver Island. Alle hielten uns für verrückt: Solange fliegen mit den Kindern oder da haben die Kinder doch nichts von. Bullshit! Noch heute erzählen die Kinder begeistert Details der Reise. Die Eindrücke bleiben. Im Jahr drauf lautete unser Ziel Halifax, Nova Scotia, Ost-Kanada.

Die erste große Reise mit Kindern

cropped-P1000390.jpgLäuft man nicht in ein Reisebüro und bucht nach einer halben Stunde pauschal, hat man mehr von der Reise. Die Vorbereitungen unserer zweiten Reise nach Kanada dauerte 9 Monate. Sie brachte uns durch den trüben November und die Kälte des Januars. Sie verjagte den Winter und machte den Frühling – meine persönliche Lieblingsjahreszeit – gemischt mit der wachsenden Vorfreude doppelt so schön. Und auch drei Monate danach denke ich oft an die tolle Tour, schalte das Kopfkino ein und träume mich auf den Cabot Trail oder die Abende am Lagerfeuer.

Es mag kurz nach der Rückkehr gewesen sein, als uns der Gedanke kam, ob es nicht der richtige Zeitpunkt sei, für ein paar Jahre ins Ausland zu gehen. Einfach so. Sicher, befeuert von Fernweh- und Herbstblues – aber eigentlich ganz tief aus uns herauskommend.

Wiebke arbeitet als Lehrerin. Was läge näher, als es an einer deutschen Schule zu versuchen? Es gibt etliche deutsche oder deutschsprachige Schulen überall auf der Welt. Das dürfte für uns der leichteste Weg sein. Auch, weil mein Beruf, ich bin Journalist, momentan in Deutschland eine erbärmliche Figur abgibt. Dann ins Ausland wechseln und eine Familie ernähren? Vergiss es! Das mag als Zuverdiener gehen, auf freiberuflicher Basis, aber nicht als Hauptjob. Das war einmal. Aber eines steht damit auch fest: Beruflich verpasse ich in Deutschland in den nächsten drei Jahren nichts. Wenn alles läuft wie derzeit, gibt es dann noch ein paar weniger Zeitungen mit deutlich weniger Redakteuren.