Buchtipp: Frauke Niemeyer, Ein Jahr in Rio de Janeiro

Ja, ich gebe es zu: Ich habe Respekt vor Rio. Schon – jede Metropole hat ihre Höllenseite, aber bei allem, was man so liest, scheint Rio extremer zu sein bezüglich Gewalt und Verbrechen. Oder täuscht das? Einer der Reiseführer, die wir zurzeit bearbeiten beschwichtigt, bezeichnet Rio als nicht gefährlicher als andere Metropolen auch.
Und dann sowas: Gleich im ersten Kapitel ihres Buches Ein Jahr in Rio greift Frauke Niemeyer das Thema Gewalt auf, erzählt von einer Kollegin, die sich nur traut, sie vom Flughafen abzuholen, weil es hellichter Tag ist. Sie erzählt von Schüssen, die die mit der Zeit lernt auseinanderzuhalten. Die dumpfen sind Böller, die in den Favelas vor fremden Eindringlingen warnen, die hellen, peitschenden sind echte, tödliche Schüsse.

Ich glaube, Frauke Niemeyer hatte ähnlichen Respekt vor der Stadt, ehe sie dorthin kam. Doch die Autorin weiß sich schnell von dem düstren Thema zu lösen, lässt es mehr und mehr in den Hintergrund treten; jedoch nie ganz – hin und wieder flackert es auf. Gerade so, als wollte sie daran erinnern, wachsem zu sein. Sicherlich ein guter Tipp, aber nicht nur für Rio.

Weit überwiegend fängt Frauke Niemeyer nämlich das ein, wofür Rio de Janeiro weltweit bekannt ist: Lebensfreude, Leichtigkeit, Samba, Party, Chaos. Und da besteht zum Herantasten keine Chance. Einmal eingetaucht ist man gleich mitendrin – ob bei der Party einer Freundin eines Kollegen, im Karnevalsgetümmel oder dem Nachtleben. Dabei richtet sie nicht nur den Blick auf die augenscheinliche Schönheit der Stadt – Architektur, naturräumliche Lage – sondern landet immer wieder bei den Menschen, den Cariocas, die sie immer wieder als komplett Unbekannte so empfangen, als sei sie eine lange vermisste enge Verwandte. Schnell werden die Farben heller und beginnen zu glitzern und zu leuchten. Niemeyer fächert die Stadt für sich auf, geht offen drauflos, ist aufgeschlossen, neugierieg, bald schon regelrecht angefixt.
Niemeyer ist von Beruf Journalistin, die im Rahmen eines Stipendiums die Stadt erkunden durfte – noch vor der der WM 2014. Sie schreibt in einer Art Tagebuchstil -jedes Kapitel ein Monat.Und mit jedem Monat taucht sie ein Stückchen mehr ein.
Kraftvoll und leichtfüßig zugleich gelingt es ihr, immer wieder das Wesen der Stadt am Zuckerhut so in Worte zu fassen, dass es weder kitschig oder naiv auf die eine Seite, noch verurteilend und abwertend auf die andere Seite der Medaille blickt. Dabei bemüht sie sich – zumindest vordergründig – gar nicht groß um journalistische Distanz.
Das Spiel mit der Undistanziertheit wird so zum Stilmittel. Warmherzige Nähe etwa, speziell in den Passagen in denen es um Menschen geht, lässt sie sprachlich zu und begibt sich damit auf Augenhöhe mit dem Leser. Hier wird nicht doziert, hier wird beschrieben, so wie es ist. Niemeyer führt die Kamera und erweckt teilweise den Eindruck als wüsste sie selber nicht, wohin sie diese als nächstes richten wird, welche Facette Rios wohl nun in den Fokus rückt. Am Ende steht fest: Es scheint unmöglich, die Zuckerhut-Metropole nur eine Brille zu sehen, Klischees taugen nicht wirklich. Rio ist eben beides: Hinreißend schön und blind brutal.