Adieu Paris, Lionel Messi und ein Tukan

Das mit dem Interpretieren ist dann doch eher Glückssache. Paris ist aus dem Rennen – kurz drauf kam eine Absage. Ein anderer Bewerber hatte Physik im Angebot. Der erste Rückschlag. So ähnlich hat sich wohl Lionel Messi gefühlt, als er am Weltpokal vorbei die Treppe hinauf schleichen musste, wo ihm Sepp Blatter eine Silbermedaille umhängte. Einige Wochen später knallte es in Paris. Je suis Charlie Hebdo. Hatte ich wirklich nie daran gezweifelt, dass es in Paris – oder Europa generell – sicher sei, versuche ich mir vorzustellen wie es wäre, nun, nach dem Anschlag, in Paris leben zu sollen. Eine verunsicherte Stadt, eine getroffene und nervöse Stadt. Plötzlich scheinen mir Orte wie Jerusalem – dort werden auch Lehrer gesucht – oder Kabul gar nicht mehr so weit weg, obwohl ich da, bei aller Abenteuerlust, nicht hin wollte. Abenteuer ja, aber nicht um jeden Preis, schon gar nicht mit Kindern.

Das neue Jahr ist inzwischen schon einige Wochen alt. Irgendwann im Januar fiel mit ein Stück Treibholz ein, das ich vergangenes Jahr in Kanada gefunden hatte – an einer Seite mit einem engen, aber recht runden Knick. Als ich es fand hatte ich darin einen Tukan erkannt und es eingesteckt. Irgendwann würde ich es bemalen wollen, dachte ich mir damals.

Tukan? Ist das nicht so etwas wie das inoffizielle Wappentier Lateinamerikas? Im Trickfilm Rio gibt es den chaotisch romantischen Tukan Raphael. Supertyp. So, wie ich plötzlich anfing, überall Eiffeltürme zu sehen oder in vergangenen Situationen plötzlich Zeichen zu sehen, anhand derer man vielleicht hätte erahnen können, dass Paris irgendwann einmal etwas mit uns zu tun bekommen würde, so beginnen sich nun die Zeichen für Brasilien zu häufen. Nicht nur das Tukan-Treibholz, dass ich irgendwo am schroffen Strand des Nordatlantiks fand; Kaffee – ich liebe Kaffee. Ist Brasilien nicht das Kaffeeland schlechthin?

Auch ein Bild, das bereits seit einigen Jahren über unserem Sofa im Wohnzimmer hängt, beginnt plötzlich symbolhafte Bedeutung zu erlangen. „Paradise Garden6“ lautet der Titel des Bildes von Andrea Damp. Es zeigt eine üppig, farbenfrohe, abstrakte Landschaft, etwas urwaldartiges, Regenwald oder Dschungel – womöglich, rängädäng, Brasilien?!?

In der unteren Bildhälfte undurchdringlich, rechts aufragend, lianenartig. Irgendwo inmitten des Grüns muss aber ein Tümpel oder Teich sein, in dem man schwimmen kann. Denn vom linken Bildrand spring ein kleines Mädchen in hohem Bogen in Richtung Bildmitte. Es muss ein temperamentvolles mutiges Kind sein, denn die Haarmähne weht nach hinten – es hat ganz sicher nicht lange überlegt, ob es springen soll; ob es vielleicht stürzen und sich verletzen könnte. Volles Risiko, Vollgas, wird schon klappen, reine Intuition – wie es eben vielleicht auch nur ein vielleicht sechsjähriges Mädchen ausmachen kann. Als Wiebke und ich das Bild bei Lumas in der Frankfurter Kaiserstraße entdeckten – es muss im Herbst 2011 oder 2012 gewesen sein – hatte es uns sofort gepackt. Uns war sofort klar: Das Energiebündel auf dem Bild könnte unsere Ella sein.