Full Moon Rising: Die erstaunliche Reise des Daniel Tyler Pohnke

Das verstehe, wer will. Wochenlang wird in Deutschland geliked und getwittert, gelobt und verdammt, was eine junge Frau in einem gut fünfminütigen Poetryslam-Beitrag über das Leben und verpasste Chancen zum Besten gibt. Erinnert ihr Euch noch? Julia Engelmann wurde ein halbes Jahr nach dem Poetryslam in Bremen zum Internetstar. Binnen weniger Tage erreichten die Klicks des Beitrags Millionenwerte. Heute, Stand 2. April, sind es exakt 5.840.000 Klicks. Und in Talkshows durfte sie Jörg Pilawa und andere Promis zu Tränen rühren. Nur damit hier kein falscher Eindruck entsteht: ich gehörte zu denen, die das Video ebenfalls für großartig halten.

Wäre die Welt jedoch gerecht, was sie ja bekanntermaßen nur sehr eingeschränkt ist, dann hätte er die immensen Klickzahlen. Denn der kalifornische Musiker Daniel Tyler Pohnke hat genau das getan, was Julia Engelmann da slammte. Nicht warten und abschieben, sondern machen.

Und das tat er: Er setzte sich in den Flieger, flog nach Indien, lebte dort ein Jahre lang und machte anschließend aus seinen Eindrücken ein Album, bei dem jedes Lied von einem anderen Produzenten mit einem bestimmten musikalischen Background  produziert wurde. So entstand ein Album mit Einflüssen aus Indien, Israel, Ägypten, Deutschland, Amerika und wieder Indien. „Brave new world“ heißt das Album, das eine Lebensenergie und -freude versprüht, dass es fast schon wieder weh tun.

Es war im Jahr 2007, als Pohnke sich ein One-Way-Ticket nach Indien kaufte und einfach losflog. Nicht mit dem Ziel, neue musikalische Inspiration zu finden, wie er im Interview mit INSIGHT Worldmusic-Magazine sagte. Er hatte nicht einmal eine Gitarre im Gepäck. Doch begonnen hatte alles eigentlich schon viel früher.

Seinen allerersten Song schrieb Pohnke – die Vorfahren mütterlicherseits stammten aus Deutschland – als seine Mutter starb. Das war am 4. Juli 2000. Aufgrund seiner Erfahrungen mit Tod und Trauer war kurz darauf das Konzept von Full Moon Rising geboren. Er spielte viele Konzerte in L.A. und Kalifornien, machte sich einen Namen und nahm 2005 die ersten beiden Alben aus. Die vielsagenden Titel lauteten „Release“ und „Transition“. Direkt danach ging Pohnke auf die „Chameleon Tour“ quer durch die Staaten. Das Besondere: Pohnkes Konzerte waren zum Teil spontan, bei Festivals, aber auch auf Partys, in Wohnzimmern, Bars oder ganz auf der Straße.

Doch dieser Erfahrungsschatz reichte Pohnke nicht. Auf der Suche nach tieferen Erfahrungen führte ihn sein Weg nach Indien. Dort lernte er die Musik noch einmal von einer ganz anderen Seite kennen, erkannte ihre spirituelle und verbindende Kraft. Im Winter 2008, bei einer Wanderung im Himalaya, schrieb Daniel die Texte für „Brave New World“. In diesen Tagen begann auch die enge Partnerschaft mit Mai Segev.

2009 brachten sie die Musik und ihre Botschaft nach Mumbai; sie nahmen die Arbeit mit lokalen Musiker auf, spielten in Colleges, Clubs und Festivals. Jeden Song spielte er mit anderen Produzenten ein – so entstand ein Album, dessen Stücke ganz unterschiedliche Stilrichtungen widerspiegelt, die vielfach die Handschrift der Produzenten und beteiligten Musiker tragen.

Inzwischen ist „Full Moon Rising“ gewachsen, fast zu einer Art internationeler Bewegung geworden.

Und das nächste Projekt hat er bereits in Angriff genommen. „Roots“ heißt es. Vielleicht, nein, ganz sicher waren es Projekte wie dieses, das Poetry-Slammerin Julia Engelmann in ihrem Beitrag bereimte. Beeindrucktende Projekte, die Erinnerungen hinterlassen, Erfahrungen; Projekte die Menschen zusammenbringen und Verständnis füreinander erzeugen. Ja, das muss Julia gemeint haben. Und ist das nun etwas Schlechtes? Ich wünschte, es gäbe viel mehr davon.  Andreas Nöthen

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