Warten, Teil 2: Ginge zur Not auch Rio?

Das Warten nervt. Aber noch vor Weihnachten soll es eine Entscheidung geben. Das hat die Schulleiterin in ihrer letzten Mail versprochen. Sie möchte vorher noch mit den Fachkollegen beraten, ehe die Entscheidung fällt. Wenn Ihr mich fragt, hat Wiebke die Nase vorn. Ichinterpretiert das mal so: Die Schulleiterin favorisiert sie, möchte aber auch noch die Kollegen hören. Würde sie sich die Arbeit machen, wenn Wiebke aus dem Rennen wäre? Oder der andere vorne läge? Würde sie vor allem einen Zwischenstand per Mail rumschicken? In Zahlen: 60:40 für Wiebke.

Sie ist da aber vorsichtiger. Und auch ich versuche mich zu bremsen – um im Zweifelsfall nicht zu sehr enttäuscht zu sein. Gestern Abend kam wieder eine Mail. Ich fasse den Inhalt kurz zusammen: Wären Sie auch an Rio interessiert?

Rio?!?!!

Rio!!!!

Rio-de-Ja-nei-ro!

Uff! Echt jetzt? Einige Minuten bin ich perplex. Will ich das wirklich? Woher soll ich das wissen. Rio,bzw. ganz Lateinamerika hatte ich bislang so gar nicht auf dem Schirm.

Kurz danach setzt Vorfreude ein. Rio. Plötzlich ist die Abenteuerlust da. Das latent unterdrückte Fernweh. Mir fällt da gleich die WM wieder ein; 7:1; Poldi und Schweini tanzen durch das Maracana Stadion; Mehmet und Olli auf der Dachterrasse. Vor dem inneren Auge sehe ich schon Edgar mit anderen Kindern dort auf der Straße kicken – das wäre doch was! Und Paris oder Rio – die Sprachen kann ich beide nicht.

Aber Brasilien ist ein Entwicklungsland – arm und reich eng beieinander. Soziale Spannungen, Kriminalität. Peking? Im Leben nicht. Dann lieber Oer-Erkenschwick. Da kriegt uns keiner hin. Südafrika –auch nicht scharf drauf, wunderschön zwar aber auch ziemlich gefährlich, kleinkriminell. Und seit Mandela tot ist warte ich ehrlich gesagt jeden Tag auf den Zusammenbruch. Rio? Könnte eigentlich gehen, finde ich.

Klar, die Bilder von Aufständen und Demos vor und während der WM sind noch da. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, als wären die Brasilianer weniger aggressiv und bedrohlich. Wenn man sich an die Regeln hält, dürfte nichts passieren, oder?

Wie sehen die Regeln aus? Keine Ahnung. Könnte mir vorstellen, dass es sich als Ausländer dort ähnlich lebt wie in, sagen wir, Südafrika. Hohe Mauern, Sicherheitszäune, wenig freie Bewegung, alle Wege im Auto zurücklegen. Kontakt zu Einheimischen? Hm, Kollegen von Wiebke bestimmt. Drei Jahre goldener Käfig, oder übertreibe ich jetzt doch?

Woher soll man’s wissen? Wie waren noch nie dort. Kennen das Land nur aus dem Fernsehen. Portugiesisch? Ne, Ihr etwa? Wäre es naiv? Aber es wäre das große Abenteuer, das ist sicher. Paris, das wäre ein Umzug in eine andere Stadt – etwas anders als Hamburg oder München, aber nicht viel. Aber Rio, das wäre eine andere Welt, exotisch, wild, unbekannt. Bedrohlich? Auf den ersten und zweiten Blick eigentlich nicht, wenn ich ehrlich bin.

Wiebke hat sich auf jeden Fall vorgenommen, auf die Mail zu antworten und ihr Interesse zu bekunden. Mal abwarten. Ganz ruhig.