Chloe Charles: Lieder von seltener Tiefe und Sperrigkeit

Manche Geschichten machen Personen oberflächlich interessant, obwohl sie keinerlei tiefere Aussagekraft haben. Und diese klingt schon fast nach PR-Gag, obwohl sie keiner ist. So wird zum Beispiel immer wieder betont, dass die kanadische Sängerin Chloe Charles eine Halbschwester von Julian Lennon sein soll; nein, sie ist es. Nun denkt manch einer sicher gleich: Wow, Lennon, einer der hochkarätigsten Genpools der Popgeschichte. Aber mit John Lennon hat sie schon mal gar nichts genetisch gemein und mit dem musikalisch eher mäßig erfolgreichen Ableger Julian teilt sie nur den mütterlichen Genpool. Den von Cynthia Powell, erste Ehefrau des ermordeten Ex-Beatles, den sie 1962 ehelichte. Und aus der besagter Julian hervorging.

Wer im Bezug auf Chloe Charles von der dunklen Seite des Lennon-Clans spricht, tut der halb so alten Charles keinesfalls Unrecht. Denn so soulig und schwarz wie die Musik dieser begabten Frau aus Totonto klingt – das hat bislang noch kein Lennon geschafft.

Seit der Veröffentlichung von Break the Balance ( Make My Day Records/Indigo) sind nur knapp 16 Monate verstrichen, und seitdem kennt die Karriere der kanadischen Songwriterin nüchtern betrachtet nur einen Weg: nach oben. Nach kleinen aber erfolgreichen Solo Konzerten in Deutschland, großartigen UK Touren im Vorprogramm von Rodriguez und Naturally 7, einer Support Show für Ana Calvi, diversen Shows und Festivals im In- und Ausland spielt sie aktuell einige der großen europäischen Jazzfestivals (u.a. Salisbury – Larmer Tree Festival, Charlton Park – Womad Festival, Limoges – Musiques au Musée Festival, Glynde – Love Supreme Festival) wobei die Krönung wohl ihr Auftritt auf dem North Sea Jazz Festival in Rotterdam am 12. Juli sein wird.

Damit nicht genug, hat sie gerade im Rahmen der CMW ( Canadian Music Week) den Indie Award als best Soul/R&B Artist of the Year at the SiriusXM Indies gewonnen. Aktuell ist sie in Kanada und nimmt ihr neues Album auf, das durch eine Pledge Kampagne finanziert wird – das Geld dafür hat sie freilich längst beieinander.

“Chloe hat die Anmut und Schönheit eines cocktail-schlürfenden Stars der ’50er, und den Tiefgang und die intellektuelle Kraft einer Dichterin der Beat Generation, durchdrungen vom Klang einer modernen Folk Sängerin. Ihre Texte sind voller Schmerz, Nachdenklichkeit und einem scharfen Verständnis davon was es bedeutet Mensch zu sein, auf der Suche nach seinem Platz in dieser Welt. Begleitet vom zarten Klang ihrer klassischen Gitarre, Chloe’s EP „Little Green Bud“ ist eine faszinierende Vereinigung von Alt und Neu, in geschliffener Perfektion mit Ecken und Kanten”,heißt es in ihrer Biografie auf ihrer Homepage. An Selbstbewusstsein scheint es nicht zu mangeln. Aber auch nicht an Fähigkeit zur Selbstreflexion, denn die hier beschriebenen Bilder passen eigentlich ganz gut.

Weniger aussagekräftig die Versuche, sie in Schubladen zu stecken: Amy Winehouse, Feist und Bjork, zu Cat Power, Etta James, Nina Simone und Joanna Newsom verglichen – noch irgend jemanden vergessen? Ja, Heather Small, Stimme der M People.

Chloe’s Auftritte sind reich an Saiteninstrumenten – Violine, Viola, Cello und Kontrabass – untermalt von der Tiefe und Wärme ihrer klassischen Gitarre und einem kräftigen rhythmischen Fundament. Dabei will sie mit ihren komplexen, intelligenten Stücken gar nicht unbedingt auf Anhieb gefallen. Wer sich mit Chloe Charles auseinandersetzt muss sichschon ein wenig Mühe geben, sich die Musik erarbeiten. Aber er wird für die Mühe belohnt. Die Stücke entfalten sichimmer wieder neu und andersmit jedem Hinhören. Nebenbei singt Chloe in verschiednen Projekten, wie der Toronto dub step / drum’n bass gruppe „Ninja Funk Orchestra“, der Toronto/Montreal electronica band „Sacred Balance“ und dem vierstimmigen, neu und angesagten Folk-Kollektiv „The Sweetness“ aus Austin, Texas, New York und Toronto. Zeit also, die olle Lennon-Schmonzette endlich ein für alle Mal ad acta zu legen.